Mein Herz für Serie

Banshee - Das pulsierende B-Movie in Serienform

Kiss, Kiss, Bang, Bang: Banshee
© Cinemax
Kiss, Kiss, Bang, Bang: Banshee
moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Es gibt ein Leben vor dem Kasino-Kampf von Lucas Hood und eines danach. In der 3. Episode von Banshee - Small Town. Big Secrets. setzt der neue Sheriff in der Stadt ein Zeichen. So wie es Sheriffs in klassischen Western tun würden, stünde ihnen die Narrenfreiheit eines für Erotikfilmchen bekannten Kabelsenders zur Verfügung. Lucas Hood heißt eigentlich gar nicht Lucas Hood und Gesetzeshüter sieht er sonst im Rückspiegel eines Fluchtwagens. An diesem Tag in Banshee, Pennsylvania will er zeigen, wer das Sagen in der Stadt hat, und das ist eher nicht der fleischernde Ex-Amish und Noch-Gangster Kai Proctor und ganz sicher nicht der MMA-Kämpfer und Vergewaltiger Damien Sanchez. Also marschiert Hood in das Indianerkasino und will den Sportler mitten in einem PR-Event von Proctor festnehmen. Als Sanchez sich weigert, bringt der aus tiefster Befriedigung rasende Puls von Hood förmlich das Bild zum Vibrieren. Lucas Hood ist kein guter Mensch, was uns fünf Minuten später durch jeden Blutstropfen an seiner Faust, jeden fachmännisch gebrochenen Knochen und jeden markerschütternden Schmerzensschrei von Sanchez in die Gehirnwindungen eingebrannt wird. Erschöpft schnauft der blutüberströmte Hood und bricht vor den schockierten Anwesenden über seinem Gegner zusammen, als hätte er gerade einen koitalen Weltrekord aufgestellt. Sonderlich deplatziert auf dem früheren Blut- und Titten-Sender Cinemax wirkte Banshee in seinen insgesamt 4 Staffeln also nicht.

Kreiert von den beiden Schriftstellern Jonathan Tropper und David Schickler, kündigte sich Banshee 2013 vor allem durch die Personalie des Produzenten an. Nach seinem Ausstieg beim HBO-Hit True Blood nahm Alan Ball einen augenscheinlichen Abstieg in Kauf, um Banshee beim gern belächelten Schwestersender Cinemax auf die Beine zu helfen. Dort hatte die internationale Koproduktion Strike Back einen actionlastigen Richtungswechsel in der Programmstrategie des Pay-TV-Senders angekündigt, der 2014 mit der historischen Krankenhausserie The Knick von Steven Soderbergh auch die Kritiker hinter dem vergoldeten Qualitätsfernseher hervorlockte. Dazwischen steckte also Banshee, das man nach ein, zwei Folgen als 08/15-Trash abtun kann, oder man quält und zuckt und linst sich zwischen schützend vorgehaltenen Ellbogen durch die fünf Minuten in dem Kasino und verfällt diesem Nest in Pennsylvania mit jeder Faser des Genrefilme liebenden Herzens.

"Lucas Hood", "Kai Proctor", "Anastasia Rabitov", "Carrie Hopewell", "Sugar Bates", "Brock Lotus" - schon die Namen in Banshee versprechen einen Trip ins Land markiger Groschenromane, wo die Buchstaben am zerbeulten Briefkasten mehr über einen Charakter ausdrücken als tausend Therapiesitzungen. Und die haben einige Bewohner von Banshee bitter nötig, denn zwischen saftigen Wiesen und Rathaus tummeln sich Verbrecher aller Couleur, manche mit einem seriösen Geschäft als Tarnung, andere mit einem frisch polierten Sheriffstern auf der Brust. Der Namenlose (Antony Starr, dessen Name sich wiederum hervorragend auf einem Italo-Western-Poster machen würde) stolpert eher zufällig über das Gesetzeshüter-Emblem. Nach 15 Jahren aus dem Knast entlassen, sucht er in Banshee seine Geliebte und Komplizin Anastasia (Ivana Milicevic) und findet den neuen Sheriff der Stadt, der vor seiner Ankunft bei einem Kneipenüberfall ums Leben kommt. Mit Hilfe von Barkeeper Sugar (Frankie Faison) lässt er den echten Lucas Hood verschwinden und nimmt dessen Platz ein. Sobald er in die Machenschaften der Bewohner Banshees eintaucht, bleibt eigentlich kein Zweifel mehr, dass nur einer vom gleichen Menschenschlag der Kriminalität vor Ort Herr werden kann. Inklusive aller gebrochenen Knochen und Schmerzensschreie, welche die unkonventionellen Methoden von Hood eben mit sich bringen.

Mit in jeder Einstellung spürbarem Stolz stürzen sich die Macher von Banshee auf die generische Prämisse und runden sie mit einem herrlich dick aufgetragenen Figuren-Ensemble ab. Hood, der jenen MMA-Kämpfer in der 3. Folge beinahe totschlägt, wirkt neben dem Psychopathen Proctor ausgeglichen wie die Oberfläche eines glasklaren Bergsees. Ulrich Thomsen spielt diesen in einer Amish-Gemeinde aufgewachsenen Gangster und Fleischhändler mit einem riesigen Kruzifix-Tattoo auf dem Rücken, der zum Abendbrot am liebsten Leuten die Finger abschneidet. Sein Handlanger Clay Burton (Matthew Rauch) verbirgt hinter Brille, Fliege und teilnahmslosem Starren ein ausgesprochenes Talent für Folter und Mord. Diesem verbrecherischen Nest zwischen Amishfarm und Indianerkasino nähert sich zudem Igor "Mr. Rabbit" Rabitov (Ben Cross), der mit dem falschen Hood noch eine Rechnung offen hat. Auf Seiten der "Guten" finden sich neben dem neuen Sheriff der Transvestit, Hacker und flamboyante Szenendieb Job (Hoon Lee), der Veteran und echte Cop Brock (Matt Servitto), dessen Kollegin Siobhan (Trieste Kelly Dunn) und vielleicht, vielleicht auch nicht Anastasia/Carrie, deren geregeltes Familienleben nicht nur durch die Rückkehr ihres Lovers in Unordnung gerät, sondern vor allem dank der neuerlichen Kostprobe des Verbotenen.

Denn die Gewalt scheint Nährstoff Nummer 1 der Figuren in Banshee zu sein, dicht gefolgt vom Sex, sodass Orgasmen und Frakturen in manchen Szenen der Serie nahtlos ineinander überzugehen scheinen. Die grandios konzipierte 8. Folge der 1. Staffel etwa verarbeitet eine unerwiderte Liebe in einem fast episodenlangen Faustkampf, in dem auf engstem, staubigem Raum das ganze Mobiliar zum brachialen Einsatz kommt. Liebe wuchert in Banshee vielfach aus einer unermesslichen Wut, die durch Hoods Erscheinen an die Oberfläche, zwischen Gras und Teer, gepresst wird und den Nährboden für drei sich rasant steigernde Staffeln und ein immerhin gelungenes Finale in der 4. liefert. Dabei hebt sich die von Marcus Young (Star Trek Into Darkness) choreografierte Action der Serie von der Hollywood-Konkurrenz nicht nur durch ihre ökonomisch übersichtliche Inszenierung ab. Vielmehr begeistert sie durch eine Mischung aus einer bodenständigen Verspieltheit mit gelegentlichen Bazooka-Ausrutschern und kerniger Charakterisierung. Tritt Burton mit seinem Buchmacherlook in der 3. und besten Staffel der Serie gegen eine ebenbürtig abgehärtete Gegnerin an, bewundert man die komplex austarierte Choreographie zwischen geschwungenen Äxten und berstenden Autoscheiben. Schlägt der neue Hood auch dann noch auf Sanchez ein, wenn dieser bewusstlos am Boden liegt, wird die Gewalt in Banshee wie eine Suchtkrankheit inszeniert, die einzig den Schrecken als angemessene Reaktion hervorruft. Dabei verfolgen häufig ähnlich blutige Erinnerungen die Helden und Bösewichte der Serie in Flashbacks wie methodisch ausgeteilte Hiebe, unter denen sich die wenigsten Bewohner wegducken können. Das ist kein Prestige-TV, wo ausgequetschte Augen mit shakespearschen Dialogen aufgewogen werden. Das ist kein HBO. Das ist grob, überzeichnet, dreckig und ziemlich großartig.

Heute erscheint die 3. Staffel von Banshee auf DVD und Blu-ray im Handel. Alle 4 Staffeln stehen derzeit bei Sky Online und Amazon Video zum Abruf bereit.

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