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Conjuring & Co. – ein Jahresfazit zum Horrorkino

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© Splendid / Studiocanal
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Ausgerechnet ein Film, der tief in die rappelnde Mottenkiste des Genres griff, um sowohl die Geister eines verfluchten Anwesens als auch das klassische Gruselkino per se heraufzubeschwören, fand 2013 den größten Anklang beim Publikum. Conjuring – Die Heimsuchung, der mit einem weltweiten Einspielergebnis von deutlich über 300 Millionen US-Dollar erfolgreichste Horrorfilm des Jahres, schien mit seiner Reduktionsstrategie redlich bemüht, Haunted-House-Grusel auf seine so simplen wie effektiven Ursprünge zurückzuführen. Dies gelang ihm, wenigstens über zwei Drittel hinweg, deutlich feinfühliger als etwa Mama und Ring Originals 3 – Sadako 3D, zwei weiteren Geisterfilmen des Jahres, die stimmungsvolle Schrecken zuvorderst mit Holzschlaghammerschocks evozierten. Auf die lautstarken Effekte des sich heute offensichtlich nur noch aus extensivem Bild- und Tongetöse speisenden Gruselkinos aber konnte, oder wollte, auch The Conjuring letztlich nicht verzichten: Im generischen Schlussakt frönte James Wan einmal mehr brüllendem Horrorschnickschnack, wie er ihn mit dem ebenso kassenträchtigen Insidious: Chapter 2 gleichfalls donnernd fortsetzte.

Wan im Kino, West auf DVD und Blu-ray
So ehrenwert diese Reinstallationsversuche eines ansatzweise subtilen Horrorfilms im Mainstreamkino auch anmuten mögen, so wenig genuin, ja nicht einmal sonderlich gekonnt nachempfunden sind die Arbeiten von James Wan, der nach diesem finanziellen Genredoppelerfolg wohl als erfolgreichster Horrorfilmemacher 2013 bezeichnet werde muss. Und so blieb Ti West, der eigentlichen Hoffnung des gegenwärtigen Horrorfilms, eine solche Anerkennung weiterhin unvergönnt: Seine zurückhaltende, auf ungleich höherem Gestaltungsniveau inszenierte Haunted-House-Paraphrase The Innkeepers – Hotel des Schreckens erschien hierzulande im Januar 2013 lediglich auf DVD und Blu-ray, um von nicht wenigen, offenbar auf ästhetische Überforderung hin konditionierten Horrorfans brutal verschmäht zu werden. Da braucht es wohl einige bittere Ironie, wenn James Wan zu allem Überdruss auch noch Ti Wests Vintage-Anstrich, Erzählmethodik und sogar konkrete Bildeinfälle schamlos adaptierte. Und das noch offensichtlicher als Rob Zombie, dessen synkopierte Gruselmosaike in The Lords of Salem (ebenfalls nur im Videoregal ausgewertet!) lediglich atmosphärisch an The House of the Devil gemahnen und sonst eher über die eigentümlichen Vorlieben des nach Ti West derzeit zweitinteressantesten Genreregisseurs herzuleiten sind.

Evil Dead, Carrie und der Bedeutungsverlust des Horrorfilms
Es war auch sonst kein rühmliches Kinojahr für den Horrorfilm, das allein quantitativ schon merklich überschaubar blieb. Die Zahl wiederverwertungsfreundlicher Produktionen ist nach einem endgültigen Abebben des noch vor wenigen Jahren florierenden Remake-Geschäfts auf ein – manche mögen sagen dankenswertes – Rekordtief geschrumpft: Mit Evil Dead, der aufgehübschten Nachstellung vom Tanz der Teufel, sowie Carrie, einem als Neuverfilmung des King-Romans getarnten Duplikat des 1974er-Films von Brian De Palma, verzeichnet der deutsche Kinostartkalender 2013 lediglich zwei Horror-Remakes. Während erstgenanntes immerhin reichlich Blutpampe anrührte und das Original mit grimmigem Ernst interpretierte, bestätigte es aber ebenso wie die neue Carrie nur abermals den kompletten kulturellen Bedeutungsverlust des Horrorfilms. Eine gesellschaftliche Relevanz haben diese Filme, anders als ihre Vorbilder, genauso wenig wie irgendeine Form unbequemlicher Diskursivität, und subversiv ist das alles sowieso nicht, ja, kann es vielleicht auch gar nicht mehr sein. Die dahingehend überhaupt noch annähernd interessante, abschätzig betitelte Ästhetik des Torture Porn ist aus dem Kino ebenfalls vollständig verschwunden (und, wenn überhaupt, ins Videosegment verlagert).

Deutsches Genrekino, die alte Leier
Den Sack voll gemacht haben gleich vier deutsche Genreproduktionen, vornehmlich aus dem Mystery-Grusel-Segment, die verbliebene Hoffnungen auf ein eigenständiges phantastisches Kino made in Germany natürlich wieder einmal sensationell zerschlugen. Wie schon im letzten Jahr galt für diese (Erneuerungs-)Versuche eines deutschsprachigen Genrefilms leider auch 2013: Ehrenwert, schön und gut, aber so dann bitte doch lieber nicht. Bela Kiss: Prologue, The Forbidden Girl, 205 – Zimmer der Angst und Lost Place waren vier Filme von unterschiedlicher Qual, mal leidig darum bemüht, möglichst wenig deutsch und ganz viel international zu sein, mal schlicht nur planlos und dann leider doch wieder hochnotpeinlich deutsch. Wie es da hingegen um das diesjährige türkische Horrorkino bestellt war, kann ich leider nicht beurteilen: Die beiden immerhin hierzulande gestarteten Filme Dabbe – Fluch der Dämonen und Seytan-i racim – Die Vertreibung des Teufels fanden auf deutschen Kinoleinwänden wohl weitgehend unter Ausschluss von Presse und Publikum statt. Ses, der letzte türkische Horrorfilm, den ich sah, schielte zumindest ebenso nur nach westlichen Vorbildern wie der teutonische Genrefilm nach US-amerikanischen.

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