Der Distelfink mit Ansel Elgort versagt als Film - weil er lieber das Buch wäre

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© Warner Bros./Back Bay Books
Der Distelfink mit Ansel Elgort
29.09.2019 - 10:00 UhrVor 9 Monaten aktualisiert
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Mit Der Distelfink kommt die Verfilmung eines preisgekürten Buches ins Kino. Doch die gesuchte Nähe zur Romanvorlage bringt den Film mit Ansel Elgort zu Fall.

Achtung, kleine Spoiler für der Distelfink: Normalerweise beschweren Romanleser sich bei Buchverfilmungen immer, dass etwas weggelassen oder geändert wurde, was ihnen nicht passt. Ich tue bei der Kinoadaption Der Distelfink das Gegenteil: Hier scheitert ein Film daran, dass er zu gerne seine literarische Vorlage wäre.

Am vergangenen Donnerstag, den 26. September 2019, feierte Der Distelfink seinen deutschen Kinostart. Verfilmt wurde hier der Roman The Goldfinch von Donna Tartt, in dem das Leben eines Jungen aus den Fugen gerät: Seine Mutter kommt bei einem Bombenanschlag in einem Museum ums Leben und er lässt dort ein berühmtes Gemälde mitgehen.

Der Distelfink: Das Gemälde von Carel Fabritius

Doch als eine von vielen Literaturverfilmungen 2019 misslingt die Adaption von Der Distelfink. Für mich als Leser hat das klare Ursachen:

  • Der Distelfink traut sich nicht, von seiner komplexen Vorlage abzuweichen.
  • Die erzwungene Romannähe ist dabei leider von Nachteil: Kaum ein Handlungsort oder eine Figur fehlt, aber das führt zu einem oberflächlichen Umgang.
  • Die resultierende fehlende emotionale Tiefe bewirkt ein Desinteresse beim Zuschauer.

Der Distelfink und die Schwierigkeiten einer gelungenen Romanverfilmung

Die Verfilmung von Literatur ist eine schwierige Angelegenheit: Niemals können alle Buch-Details beachtet werden und Eingang in einen durchschnittlich zweistündigen Film finden.

Ich lese gern die Vorlagen von Romanverfilmungen, aber ich habe gelernt, das nicht mehr direkt vor dem Kinostart zu tun. Der (unfreiwillige) Vergleich drängt sich dadurch zu sehr auf. Etwas Abstand hilft hier, eine Umsetzung objektiver zu beurteilen. Denn als Leser muss ich akzeptieren, dass Buch und Film unterschiedliche Medien sind und deshalb anderen Regeln gehorchen.

Der Distelfink: Mrs. Barbour (Nicole Kidman) und Theo Decker (Ansel Elgort)

Der Herr der Ringe galt als unverfilmbar, Peter Jackson traute sich aber zugunsten des Films, ganze Buchpassagen wegzulassen und neue Handlungstränge zu schaffen. Maze Runner verstand es, aus seiner teils konfusen Buchvorlage einen stromlinienförmigeren Film zumachen, indem Handlungselemente vereinfacht oder sogar ganz gestrichen wurden.

Der Dramaturgie dienliche Änderungen, Auslassungen und entfernte Figuren können helfen, eine Verfilmung als eigenständiges Werk zu etablieren. Doch das hat Der Distelfink leider nicht verstanden.

Der Distelfink: Länge ist nicht gleich Tiefe

Donna Tartts Der Distelfink war als Lektüre ganz spannend, gehört aber nicht zu meinen Lieblingsbüchern. Die im Deutschen 1024 Seiten (im Englischen: 784) wurden vor fünf Jahren zwar mit dem renommierten amerikanischen Pulitzer-Preis ausgezeichnet, doch trotz zeitweiligem Bestseller-Status fordert der Roman seinem Leser so einiges an Durchhaltevermögen ab, um Theo Deckers (Ansel Elgort/Oakes Fegley) lange Leidensgeschichte nachzuvollziehen.

Der Distelfink: Oakes Fegley als junger Theo

Ein Buch lässt sich zwischenzeitlich zur Seite legen, ein Film (zumindest beim Kinobesuch) hingegen nicht stoppen. In der Verfilmung von Der Distelfink sind aus den 1024 Seiten 149 Minuten Laufzeit geworden, also fast zweieinhalb Stunden.

Hier zeigt sich, dass der lange Film seiner langen Vorlage gerecht werden wollte. Aber der Versuch, ein solch komplexes Werk 1:1 zu übertragen, ist zum Scheitern verurteilt. Es mag auf den ersten Blick beachtlich sein, dass kaum eine Romanfigur in der Adaption fehlt und kaum eine Lebensstation des traumatisierten, elternlosen, drogenabhängigen, kriminellen Jungen ausgelassen wird. Doch dass alle ein wenig Raum erhalten, heißt zugleich, dass keiner richtig auserzählt wird.

Malen nach Zahlen: Der Distelfink als unbefriedigende Kopie

Am Anfang von Der Distelfink ist Theo 13, am Ende in der 20ern. In den vielen Jahren dazwischen treten viele Menschen in sein Leben. Fast alle schaffen es in den Film, aber kaum einer prägt sich dem Zuschauer ein.

Der Distelfink: Theo (Oakes Fegley) und Hobie (Jeffrey Wright)

Theos Gefühle für Pippa (Ashleigh Cummings) bleiben neben der Beziehung zu Kitsey (Willa Fitzgerald) ein seltsamer Fremdkörper. Doch die ganze Barbour-Familie, inklusive Nicole Kidman, erscheint sowieso nur wie eine Seitenstraße in Theos Leben. Die enge Bindung an seinen Ziehvater und Mentor Hobie (Jeffrey Wright) kann in zwei, drei Szenen schlichtweg nicht glaubhaft entfaltet werden. Allenfalls Kumpel Boris (Finn Wolfhard/Aneurin Barnard) schafft es da kurzzeitig aus der Masse kurzer Weggefährten hervorzustechen.

Der Distelfink hat zu viel Story, zu viele Figuren und zu wenig Zeit, alles zu erzählen. Paradoxerweise fühlt er sich dadurch zugleich gehetzt und trotzdem zu lang an.

Der rote Faden fehlt in dem Aufmarsch der Nebenfiguren, die eigentlich toll besetzt sind (Sarah Paulson zum Beispiel gibt eine großartige Xandra ab und Luke Wilson einen glaubhaft schlechten Vater). Nicht einmal das titelgebende Gemälde Der Distelfink gibt dem Film eine erkennbare Richtung - verschwindet das Bild doch über lange Strecken ganz aus dem Gedächtnis des Zuschauers.

Der Distelfink versucht das Buch zu spiegeln

Damit wird der Distelfink zu einem Abklatsch seiner selbst: Wie das kopierte Gemälde eines großen Meisters, dem es nicht gelingt, die Seele des Bildes (oder in unserem Fall: Buches) einzufangen.

Sein Beharren auf dem Roman raubt dem Distelfink jegliches Gefühl

Regisseur John Crowley hat vor Der Distelfink so bestechend einfühlsame Filme wie Boy A und Brooklyn hervorgebracht, doch an diesem Film, der doch ein eigentlich so tragisches Schicksal behandelt, beißt er sich die Zähne aus. Auch Roger Deakins wie immer beeindruckende Kameraarbeit kann ihn da nicht mehr retten.

Der gebeutelte Theo ist schlicht ein zu passiver Protagonist. Im Buch konnte der Leser zumindest in Beschreibungen von seinem Innenleben erfahren - im Film erscheint er nur als ein Spielball seiner Umgebung ... und das ist langweilig.

Der Distelfink: Boris (Finn Wolfhard) ist aktiver als Theo

Wenn dann noch die oben erwähnte oberflächliche Abfertigung der Wegbegleiter seines Lebens dazukommt, ist es kein Wunder, dass die Pillen-Überdosis irgendwann als Ausweg aus der emotionalen Sackgasse der Bedeutungslosigkeit erscheint - nur ist sie eben für den unberührten Zuschauer (hoffentlich) keine legitime Option.

Die einzige größere Änderung in Der Distelfink ist die Dramaturgie des Terroranschlags: In kurzen Szenen blitzt die staubige Museums-Explosion immer wieder auf. Dadurch mag das Bombenattentat sich wie ein (morbides) Rätsel durch die Geschichte ziehen, raubt dem Film aber die volle Tragweite des Verlusts, die im Buch dadurch gegeben ist, dass die Tragödie am Anfang schmerzhaft ausführlich beschrieben wird und somit noch lange nachhallt.

Der Distelfink und warum manchmal weniger mehr ist

Am Ende verlasse ich ohne moralische Erkenntnis das Kino. Eine Botschaft kann ich aus der Distelfink-Verfilmung beim besten Willen nicht mit nach Hause nehmen. Literarische philosophische Konzepte über Schuld, Trauma und Beziehungen kann der Film für mich einfach nicht transportieren.

Der Distelfink: Ansel Elgort

Die wichtigen Stationen der Geschichte sind vorhanden, eine emotionale Durchschlagskraft fehlt jedoch. Möglicherweise vermisse ich eine Tiefe des Films ja nur, weil ich sie im Buch durchaus gesehen habe? Vielleicht ist der Distelfink eine Roman-Verfilmung ausschließlich für Nicht-Leser ohne konkrete Erwartungen an die Geschichte?

Doch ich sehe nur, wie der Film sich an seine Vorlage kettet - so wie auch auf Carel Fabritius' Gemälde der Distelfink angekettet bleibt. Dabei hätte die Verfilmung sich vielleicht zu Höhenflügen aufschwingen können, wenn sie Mut zu mehr Kürzungen und Eigenständigkeit bewiesen hätte.

Interessiert euch Der Distelfink als Film? Habt ihr die Buchvorlage gelesen?

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