Der König der Löwen: Ein Animationswunder, das niemand braucht

Der König der Löwen
© Disney
Der König der Löwen
Moviepilot Team
Jenny von T Jennifer Ullrich
folgen
du folgst
entfolgen
Junior Redakteurin bei Moviepilot. Mag Arthouse-Filme, HBO-Shows, Stanley Kubrick und Cersei Lannister.

Der originale Der König der Löwen ist für viele Fans der Disney-Film mit dem größten Nostalgie-Potenzial. Mit seinem neusten Remake hat der Mäusekonzern daher viel zu gewinnen, aber auch einiges zu verlieren. Die Trailer ließen uns schon vorab über den atemberaubenden Einsatz von CGI staunen und umso mehr tut es der fertige Film, den ihr seit dieser Woche im Kino sehen könnt.

Doch was, wenn die bahnbrechende Technik hier Segen und Fluch zugleich ist?

  • Sobald die Tiere in Der König der Löwen anfangen zu sprechen, werden die Grenzen der Disney-Neuauflage sichtbar.
  • Das Remake bewegt sich hilflos zwischen Fiktion und gestellter Natur-Doku, woran es nur zerbrechen kann.
  • Letztlich beweist der Film: Perfektion ist nicht immer sexy.

Vermutlich noch nie im Verlauf der Kinogeschichte waren die Macher eines Films so darum bemüht - und hatten zugleich die entsprechenden Mittel zur Verfügung -, Animationen auf der Leinwand echt aussehen zu lassen. Damit befördert sich Der König der Löwen in eine Schieflage und merzt nicht zuletzt den Charme des Originals radikal aus.

Der König der Löwen scheitert zwangsläufig an seinen Ambitionen

Ohne Zweifel hat das Animationsstudio bei Der König der Löwen ganze Arbeit geleistet und in Sachen Fotorealismus sogar Maßstäbe gesetzt. Wann immer die Löwen zu sehen sind (und das sind sie natürlich sehr oft), möchte man als Zuschauer am liebsten das Bild anhalten, um vorsichtig ihre Ohren zu kneten oder ihre Schnurrhaare zu zählen. Jedes einzelne.

Schnell aber stößt der Film auf ein gewaltiges Problem: Echte Tiere können nicht sprechen, die auf der Leinwand hingegen schon. Die nach Leibeskräften forcierte (und mit dem Computer logischerweise doch nie erreichbare) visuelle "Echtheit" fällt in den vielen Dialog-Momenten wie ein Kartenhaus in sich zusammen, denn Löwen-Mäuler, die Worte formen, sind ... nun ja, vollkommen unnatürlich.

Der König der Löwen: Realismus um jeden Preis funktioniert nicht

Was bei Jon Favreaus vorigem Erfolgsremake The Jungle Book noch weit besser funktioniert hat, fällt nun also dem Streben nach der nächsten technischen Kino-Revolution zum Opfer.

Durch die behutsame Neuordnung mancher Szenen versucht Der König der Löwen, seinem Dilemma zumindest ein bisschen entgegenzuwirken, allerdings gehen diese Bemühungen meistens zulasten jener Liebenswürdigkeit, die die Version aus dem Jahr 1994 auszeichnet.

Technizismus pur: Der König der Löwen ist ein Remake ohne Herz und Seele

Das wohl beste Beispiel dafür ist die Ablenkung des Aufpassers Zazu durch Simba und Nala auf dem Weg zum Elefantenfriedhof. Im Original wird der Vogel im Rahmen einer wilden Gesangseinlage von einem ganzen Stapel anderer Tiere zu Boden gedrückt.

Das Remake mit seinem gesteigerten Realitätsanspruch kann sich ein derart verrücktes Tohuwabohu aber per se nicht leisten und löst die Sequenz viel unspektakulärer auf. So wiederum geht auf Dauer das Herz des Originals verloren.

Ganz und gar nicht hilfreich in diesem Sinne ist auch die glatte Ästhetik des neuen Der König der Löwen-Films. Soweit die Tiere nicht reden, fühlt sich die Neuauflage an wie eine Dokumentation auf dem Discovery Channel und ich stelle mir umso dringender die Frage, warum in aller Welt ich süße animierte Tiere süßen echten Tieren vorziehen sollte.

Der König der Löwen: Ein Remake, das nur Disney braucht

Berücksichtigen wir obendrein, dass am Drehbuch des modernen Zeichentrick-Klassikers rund um den Kreislauf des Lebens kaum Änderungen vorgenommen wurden, kommt das Remake in Bedrängnis, seine schiere Existenz zu rechtfertigen.

Ganz bestimmt wird Der König der Löwen Disney eine Menge Geld in die Kassen spülen. An dem kreativen Mehrwert dieses Projekts bestehen indes erhebliche Zweifel, wenn wir Kunst nicht allein in technischen Dimensionen definieren.

Bei aller Kritik hält die Neuverfilmung aber natürlich trotzdem wichtige Erkenntnisse bereit - vor allem durch das, was ihr fehlt: Animierte Tiere werden nicht unbedingt authentischer, indem sie mehr wie Tiere aussehen. Und vielleicht überzeugt eine originäre Geschichte mit Herzblut am Ende doch mehr als alles andere.

Haben euch die Animationen von Der König der Löwen überzeugt?

Moviepilot Team
Jenny von T Jennifer Ullrich
folgen
du folgst
entfolgen
Junior Redakteurin bei Moviepilot. Mag Arthouse-Filme, HBO-Shows, Stanley Kubrick und Cersei Lannister.
Deine Meinung zum Artikel Der König der Löwen: Ein Animationswunder, das niemand braucht
F2ec2c228be941369b6288e1309a767d