Unter spanischer Sonne

Fantasy, Horror & mehr beim Festival in Sitges

20.10.2011 - 08:50 Uhr
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Sitges 2011
Rochus Wolff
Sitges 2011
Wie die Aufbauten eines großen Passagierschiffes liegt das Hotel über dem kleinen Küstenort Sitges – und während der zehn Tage, an denen hier das mittlerweile schon 44. Internationale Festival des Fantastischen Films in Katalonien stattfand, konnte man sich hier wirklich ein wenig wie auf einem Ozeandampfer vorkommen, nur durch ein paar Anker mit der Außenwelt verbunden.

Morgens um halb neun beginnen hier die ersten Vorstellungen. Manche Besucher sind da gerade erst anderthalb Stunden vorher aus den Marathon-Sitzungen gewankt, die gegen ein Uhr beginnen und gerne mal diverse Kurz- und drei Langfilme zeigen. Da werden die Gesichter, dem Sonnenschein und den Temperaturen von 27 Grad zum Trotz, schnell fahl und eingefallen.

Überhaupt: Zombies! Sieht man vom mittlerweile traditionellen Zombie Walk ab, der sicher so manchen arglosen Touristen verschreckt hat – Anfang Oktober sind noch genug Besucher in der Stadt, die einfach nur die Sonne und das Mittelmeer genießen wollen –, so haben in diesem Jahr die lebenden Toten das Filmprogramm nicht so deutlich dominiert wie zuletzt. Im Wettbewerb gab es allerdings mit Juan of the Dead einen ungewöhnlichen Vertreter – einen kubanischen Zombiefilm mit durchaus Castro-kritischem Einschlag, witzig, melancholisch und sehr schwarzhumorig zugleich.

Wenig Vampire, aber viele Fragezeichen
Auch Vampire gab es diesmal nur vereinzelt zu sehen, und keiner glitzerte: Mit The Moth Diaries hat Mary Harron (American Psycho) einen Teenager-Roman verfilmt, der sich ganz an junge Frauen richtet – Männer sind hier nur Randfiguren. Ähnlich ist das letztlich im französischen Livid – Das Blut der Ballerinas, der die Zuschauer aber mit vielen offenen Fragen zurückließ. Die Regisseure Alexandre Bustillo und Julien Maury waren vorher mit dem sehr brutalen Inside – Was sie will ist in dir ziemlich deutlich aufgefallen. Hier erreichen sie aber nicht die gleiche Intensität.

Überhaupt konkurrierten in diesem Jahr eine Menge Filme um den Preis, die Zuschauer mit dem größten Fragezeichen im Gesicht zurückzulassen. Die Ehre gebührt wohl Twixt, dem neuen Filmprojekt von Altmeister Francis Ford Coppola, das eine belanglose Gruselhandlung mit überflüssigen 3D-Sequenzen (zwei kurze Minuten im ganzen Film) und einem gelangweilten Val Kilmer zusammenbrachte. Aber auch ein ästhetisch beeindruckendes Erlebnis wie Sleeping Beauty oder der Schocker Kill List ließen mit ihren freischwebenden Schlussmomenten vieles offen.

Aus naheliegenden Gründen ist Sitges immer ein Schaufenster für den spanischsprachigen fantastischen Film und so gab es neben Juan of the Dead auch noch den Werwolffilm Lobos de Arga, den Halbthriller Sleep Tight und die Komödie Extraterrestre neben vielen weiteren kleinen und größeren Produktionen zu sehen. Der spanische Science-Fiction-Film Eva mit Daniel Brühl in der Hauptrolle eröffnete das Festival und dessen Schwerpunkt zu Künstlicher Intelligenz. Dieser wurde vor allem mit einer ansehnlichen Retrospektive gefeiert.

Preise für Attack the Block und Red State
Darüber hinaus gab es in einer eigenen Sektion viele asiatische Streifen, Dokumentarfilme und mehr oder minder extremes Kino aus der ganzen Welt zu sehen, bevor das Festival mit The Thing, dem durchaus ordentlichen Remake/Prequel von Das Ding aus einer anderen Welt, einem der ganz großen Filme von John Carpenter, zu Ende ging. Vorher gab es freilich noch ein paar Preise – vor allem Attack the Block wurde mit dem Preis der Kritiker, dem Preis der Jury und dem Publikumspreis reich gesegnet. Die Auszeichnung als bester Film bekam Red State von Kevin Smith.

Das schönste an solchen Festivals sind freilich die Entdeckungen und Glücksmomente, die man unerwartet in Filmen hat, von denen man vorher noch nichts gehört hatte oder die man wenigstens noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Dazu gehören für mich die unterhaltsamen Nichtigkeiten wie Ronal der Barbar, Saint oder auch die Highschool-Scifi-Horror-Metakomödie Detention, die man zwar vielleicht gleich wieder vergisst, aber dies mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Und eben jene Filme, die sich für immer in Netzhaut und Hirnrinde einbrennen mit ihrer Intensität. Das waren in diesem Jahr vor allem Melancholia, der formidable neueste Streich von Nicolas Winding Refn, Drive, sowie The Woman von Lucky McKee. Diese drei sprechen mit vergleichsweise lauter Stimme, aber Sitges hatte auch reichlich Platz für ein großartiges, intensives, stilles Drama: Another Earth von Mike Cahill. Alles Filme, für die sich ein Kinobesuch unbedingt lohnt.

Welche Streifen aus Sitges hätten euch denn besonders interessiert?

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