Game of Thrones: Das Schicksal von Jaime und Cersei ist beschämend

Cersei und Jaime Lannister in Game of Thrones
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Cersei und Jaime Lannister in Game of Thrones
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Volontär bei moviepilot. Berichtet am liebsten über Gangsterstreifen und Werke, in denen sich Literatur und Filmkunst vereinen. Weiß, wo Leute hinkommen, die guten Scotch verschwenden.

Achtung, Spoiler zur 8. Staffel von Game of Thrones: Die Macher von Game of Thrones wollen den Zuschauern in der letzten Staffel mit der Brechzange beweisen, dass ihre Serie noch immer unvorhersehbar ist und die Erwartungen der Fans nicht erfüllt werden. Dafür geht dann eben aufgrund der mangelnden Buchvorlage jegliche charakterliche Entwicklung flöten - daher Varys unbedachter Verrat, Daenerys' plötzlicher Wahnsinn und Aryas antiklimatische Tötung des Nachtkönigs.

In der vergangenen Episode hat dieser undurchdachte Verlauf auch das Inzest-Paar Cersei und Jaime Lannister getroffen. Fans waren aufgrund der Valonqar-Prophezeiung und thematischen Hinweisen im Buch davon ausgegangen, dass Jaime Cersei umbringen und dabei selbst sterben würde. Die Macher entschieden sich hingegen für das unerwartete, plötzliche und gemeinsame Ende eines romantischen Liebespaares.

Jaimes und Cerseis Beziehung ist nicht romantisch

Auch, wenn einige dies als einen gelungenen Abschluss der Liebesbeziehung der beiden Geschwister (!) sehen mögen, ist diese Entscheidung der Autoren grundfalsch und beschämend. Die Beziehung von Cersei (Lena Headey) und Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) ist nicht - wie die Serie suggeriert - romantisch und von gegenseitiger Zuneigung geprägt. Sie ist krank, ungesund und in höchstem Maße manipulativ.

Ich bin mir durchaus darüber im Klaren, dass Bücher und Serien zwei sehr verschiedene Medien sind, mit verschiedenen Herangehensweisen und Ansprüchen. Trotzdem ist es ein Problem, wenn sich eine Serie wie Game of Thrones vom Thema der Romanvorlage komplett verabschiedet, zumal sie in den ersten Staffeln die Thematiken derselben noch aktiv genutzt hat. Es entstehen dadurch unweigerlich Widersprüche.

Cerseis und Jaimes Beziehung ist schon allein - ich hoffe, ich muss das nicht diskutieren - aufgrund des Inzest-Aspekts absolut verwerflich und nichts zum Anhimmeln oder Bewundern. Abgesehen davon ist und war es nie eine Beziehung auf Augenhöhe. Cersei übt auf höchst manipulative Weise Einfluss auf Jaime aus, um diesen komplett zu kontrollieren und zu beherrschen.

Cersei manipuliert und Jaime ist naiv

Während Jaime auf der einen Seite Cersei verfiel und ihr immer treu war, war sie sich nie zu schade, ihren Bruder zu hintergehen und für ihre Zwecke hinter seinem Rücken mit anderen Männern zu betrügen. Viele seiner Verbrechen sind auf ihre sexuelle Manipulation und seine Naivität ihr gegenüber zurückzuführen. Sieht aus, als hätte Tyrion (Peter Dinklage) doch mehr von seinem großen Bruder, als er ahnt.

Und bei allem Verständnis für Cerseis Situation: Ihrem Ehemann mit ihrem Zwillingsbruder Kuckuckskinder in die Wiege zu legen, ist in einer feudalen Welt bei Weitem kein Kavaliersdelikt. Die Gefahr, die die beiden damit auch für ihre Kinder eingegangen sind, ist kaum nachzuvollziehen. Selbstverständlich ging es dabei aber auch um die Eitelkeit, eines Tages "reinrassige" Lannister-Kinder auf den Thron zu bringen.

Die Lannisters sind narzisstisch

Das Problem dieser Lannister-Beziehung liegt nämlich noch viel tiefer. Es ist ein tiefenpsychologisches und narzisstisches Motiv, wegen dem sich die beiden Geschwister überhaupt lieben. Im Buch sind sie Zwillinge, die sich bis auf das Geschlecht komplett gleichen, was in der Serie schon einmal vergessen werden kann.

Das ist der wahre Grund, warum die Lannisters diese krankhafte Beziehung eingehen: weil sie sich selbst lieben, einander gleichen und kein anderes Wesen außerhalb der reinen Lannisterfamilie als sich gegenüber ebenbürtig sehen. Nichts daran ist romantisch. Cersei und Jaime schlafen im Grunde jeweils mit sich selbst.

In den Büchern löst sich Jaime von Cersei

In den Büchern und teilweise auch in der Serie wird dies besonders deutlich, als Jaime komplett verändert aus dem Krieg zurückkehrt. Es ist nicht seine abgeschlagene Hand, die Cersei abstößt, sondern die Tatsache, dass er nicht mehr wie sie aussieht. Sie beginnt, sich von ihm zu distanzieren und sich selbst als den "besseren Jaime" zu sehen.

Ihre Machtgier und ihr Wahnsinn erwächst aus dem Umstand, dass sie von der Gesellschaft als Frau eben nicht wie ihr "zweites Ich" Jaime behandelt wird. Auf der anderen Seite sieht Jaime dadurch zum ersten Mal hinter Cerseis Manipulationen und erkennt die strukturelle Wahrheit hinter ihrer Beziehung. Als Cersei dann plötzlich doch wieder bei der Machtergreifung des Hohen Spatzes seine Hilfe braucht, lehnt er konsequenterweise ab.

Jaime entwickelt sich in Game of Thrones zurück

Diese charakterliche Veränderung - vorangetrieben durch Brienne und ihren Idealismus - ist der Grund, warum Fans davon ausgehen, dass der jüngere Jaime Cerseis Valonqar aus der Prophezeiung ist und sie umbringen wird, wenn er sich erst komplett von ihr gelöst hat.

Nachdem Jaime in der Serie sage und schreibe 7 Staffeln gegen jede Vernunft unbeirrt an der Seite seiner kaputten Schwester stand, deutete diese Staffel mit seiner Beziehung zu Brienne zumindest an, dass sich Jaime endlich befreien würde. Doch die Macher haben sich letztlich dafür entschieden, Jaime in seiner Entwicklung zurückgehen zu lassen, um die größtmögliche Überraschung herauszuholen.

Er will nur zu seiner geliebten Schwester zurück und stirbt lieber gemeinsam mit der auf einmal lammfrommen und verletzlichen Cersei in seinen Armen, als mit Brienne zu leben. Charakterliche Entwicklung sieht anders aus. Die Game of Thrones-Autoren haben aus einer manipulativen Inzest-Beziehung (die es eigentlich zu überwinden gilt) absurderweise eine romantische Liebe ohne Entkommen gemacht.

Game of Thrones: Romantik, die Bauchschmerzen bereitet

Zugegeben: Wir können nicht wissen, was Autor George R.R. Martin mit der Beziehung der beiden Lannisters schlussendlich vorhat. Er selbst äußerte, mit der Figur Jaime experimentieren zu wollen und über sie die Frage aufzuwerfen, ob Vergebung und Erlösung von Verbrechen in der Realität überhaut möglich sind.

Es bereitet mir aber Bauchschmerzen, wenn ich daran denke, dass die Serie eine verwerfliche inzestuöse Beziehung in eine romantische Liebesgeschichte umgewandelt hat. Die allerletzte Folge von Game of Thrones erwartet uns in der Nacht zum kommenden Montag und wir sind gespannt, worauf wir dieses Mal gefasst sein müssen.

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