In Spider-Man 2 versteckt sich ein unfassbarer Moment, von dem das Superhelden-Kino heute noch lernen kann

30.06.2024 - 07:00 UhrVor 9 Monaten aktualisiert
Spider-Man 2
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Vor 20 Jahren hielt ganz New York den Atem an, als sich Spider-Man mit Doc Ock auf dem Dach einer U-Bahn prügelte. Der stärkste Moment dieses Marvel-Meisterwerks kam jedoch erst danach.

Eben noch kämpften sie in schwindelerregenden Höhen auf einem Uhrenturm, da fallen sie in die Tiefe und poltern über das Dach einer U-Bahn, die durch die Häuserschluchten von New York rast. Spider-Man (Tobey Maguire) und Doc Ock (Alfred Molina) liefern sich ein Duell auf Leben und Tod, während links und rechts die Großstadt vorbeirast – im Eifer des Gefechts wird sie mitunter sogar aus ihren Fugen gerissen.

Spider-Man schlittert über den Asphalt, krabbelt an Wänden entlang und katapultiert sich pfeilgerade durch die schmale Öffnung einer Überführung, bevor er die von Doc Ock durch die Gegend geworfenen Zivilist:innen mit seinem Netz einfangen kann. Der U-Bahn-Kampf in Spider-Man 2 ist die beste Action-Sequenz des Superhelden-Kinos. Trotz aller furiosen Bewegungen spielt sich der stärkste Moment aber erst im Stillstand ab.

In der stärksten Szene von Spider-Man 2 wird Peter Parker von ganz New York gerettet

Eine der beeindruckendsten Sachen an Sam Raimis Spider-Man-Filmen ist: Er lässt die Inszenierung eines 200 Millionen US-Dollar schweren Comic-Blockbusters so leicht und dynamisch wirken, als würden wir mit dem Marvel-Helden von einem Wolkenkratzer zum nächsten schwingen. In den finalen Sekunden des U-Bahn-Kampfs steht trotzdem ein unfassbarer Kraftakt, den man in jedem einzelnen Frame sieht und spürt.

Mit ganzen Kräften versucht Spider-Man, die von Doc Ock sabotierte U-Bahn aufzuhalten, bevor sie am Ende der Gleise in die Tiefe stürzt. Peter Parker spannt sich vor den ersten Wagon und klammert sich mit seinen Spinnennetzen an den Häusern der Stadt fest.Es sieht so aus, als würde er jeden Augenblick platzen. Selbst seine Maske hat er verloren, der Anzug ist zerschlissen. Doch dann zieht ihn New York zurück.

Kurz bevor Spider-Man vor Erschöpfung in den Abgrund kippt, halten ihn mehrere Hände fest. Sie gehören den Passagieren, denen er soeben das Leben gerettet hat. Sie ziehen ihn in den Wagen, reichen ihn über die Sitzreihen und platzieren ihn vorsichtig auf den Boden. Da liegt dann "ein Junge, nicht älter als mein Sohn", wie einer der Umherstehenden verdutzt sagt. Kein Superheld. Oder ein Superheld wie wir alle?

Spider-Man 2 lässt eine Verletzlichkeit zu, die im Superhelden-Kino immer mehr verloren geht

Was den Moment so ergreifend macht, ist seine unglaubliche Schlichtheit. Raimi fährt alle Möglichkeiten des modernen Blockbuster-Kinos auf, um das größtmögliche Spektakel auf die Leinwand zu bannen. Plötzlich aber herrscht eine Aufrichtigkeit, die für den Bruchteil einer Sekunde sogar Doc Ock entwaffnet, der seine tragische Seite in dieser Sequenz komplett gegen seine sadistischen Instinkte eintauscht.

Noch berührender aber ist die Verletzlichkeit und das Verständnis für die Verletzlichkeit, die Raimi zulässt. Kein cooler Spruch, kein cleverer Schnitt und erst recht kein ironischer Bruch, um zu kaschieren, dass eine der größten Ängste unseres Protagonisten gerade wahr geworden ist. Seit zwei Filmen setzt Peter Parker alles daran, um seine Identität zu wahren, damit die Menschen, die er liebt, nicht in Gefahr kommen.

Jetzt blickt ihm ganz New York entgegen, direkt in sein Gesicht, allerdings nicht mit den begierigen Augen eines J. Jonah Jameson auf der Suche nach dem nächsten Scoop. Eine unerwartete Zärtlichkeit verwandelt Peters Panik in etwas völlig Unbegründetes. Es fühlt sich fast so an, als würde Raimi die Teen-Angst dieser als Superhelden-Film getarnten Coming-of-Age-Geschichte durch eine grundmenschliche Geste auflösen.

In Spider-Man 2 versteckt sich der letzte unschuldige Moment des Superhelden-Kinos

Die Grenzen zwischen dem Superhelden und seiner Stadt verschwimmen. Spider-Man wird nicht nur von New York getragen und umarmt. Ehe er sich versieht, stellen sich die New Yorker:innen zwischen ihn und Doc Ock, weil der echte Mensch mehr inspiriert als seine Maske. Es ist womöglich der letzte unschuldige Moment des Superhelden-Kinos, ehe die Abgründe von Christopher Nolan, Zack Snyder und Co. übernehmen.

Wenn wir genau hinschauen, hadert aber auch Raimi mit dem Idealismus, der durch seinen Spider-Man strömt und macht der neu gewonnenen Courage einen Strich durch die Rechnung. "Wenn du ihn haben willst, musst du an mir vorbei", sagt einer der Passagiere. Weitere schließen sich an. "Kleinigkeit", entgegnet Doc Ock und bohrt sich unverschämt grinsend mit seinen mechanischen Tentakeln durch die Menge.

Wird das Selbstlose seiner Naivität gestraft? Ist Raimi insgeheim doch ein Zyniker und nicht der Romantiker, der seine Marvel-Epen in erster Linie als große Melodramen versteht? Obwohl es kurz danach aussieht, soll Doc Ock nicht recht behalten. Raimi ist schon einen Schritt weiter als die meisten seiner Regie-Kolleg:innen, die später das Genre mit ihren düsteren Geschichten neu definiert haben.

Was Sam Raimi den düsteren Superhelden-Filmen von Nolan, Snyder und Co. voraus hat

Wo Filme wie The Dark Knight eindeutig von der Ästhetik des Post-9/11-Blockbuster-Kinos geprägt sind und ihre Figuren in urbanen Trümmern und Kriegsschauplätzen isolieren, kommen bei Raimi die Menschen wieder zusammen. Kein einsamer Ritter vor Ruinen, keine allwissenden Überwachungskameras und erst recht keine militärischen Vergeltungsfantasien à la Iron Man: Raimi findet etwas deutlich Kraftvolleres.

Der Zusammenhalt, der zwischen den Menschen in dem U-Bahn-Wagon entsteht, wenn sie sich schützend vor Spider-Man stellen, ist nur möglich, weil Raimi in der überlegten wie behutsamen Hinführung auf den emotionalen Höhepunkt die Verletzlichkeit (des Helden) zugelassen hat und damit alle Figuren auf eine Augenhöhe bringt. Egal, welches Trauma sie erlebt haben, das sie bis heute nicht loslässt.

Raimi sucht in seinen Spidey-Filmen keine überlebensgroßen Held:innen. Was ihn am meisten beschäftigt, ist die Erforschung des Zwischenmenschlichen, das am Ende auch Doc Ocks Tragik offenbart, obwohl er zuvor als das unaufhaltsame Böse auftritt und mit seinen Posen gewinnt. Raimi besitzt aber ein bewundernswertes Einfühlungsvermögen für den Schmerz der Figuren – und am Ende ist ganz New York eine davon.

Spider-Man 2 startete heute vor 20 Jahren in den US-amerikanischen Kinos. Seitdem hat sich die Blockbuster-Landschaft gewandelt und wir einen Superhelden-Boom erlebt, wie er noch nie zuvor auf der großen Leinwand verzeichnet werden konnte. Bei all der Vielfalt an filmischen Comic-Geschichten ist Raimis bedingungslose, hoffnungsvolle und schlicht überwältigende Aufrichtigkeit dennoch eine Rarität geblieben.

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