Neuer Disney-Film mit Chris Evans will das MCU kopieren – und tötet die Kreativität von Toy Story

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Lightyear
18.06.2022 - 11:00 Uhr
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Im Toy Story-Ableger Lightyear, der jetzt im Kino läuft, erhält ein Spielzeug einen eigenen Sci-Fi-Blockbuster – und Pixar opfert die Kreativität auf Disneys MCU-Altar.

Mit Lightyear erhalten Toy Story-Fans seit diesem Donnerstag im Kino ein intergalaktisches Sci-Fi-Abenteuer. Marvel-Star Chris Evans spricht den Titelhelden im Original. Pixars neuster animierter Streich will Zeit und Raum überwinden. Letztendlich offenbart das Spin-off nur, wie Disney die Innovation des einstigen Vorreiter-Studios Pixar unter seinem Franchise-Wahn begräbt.

Franchise vs. Kreativität: Disneys MCU-Erfolg schadet Pixars fantasievollen Ideen

Toy Story war Pixars erster abendfüllender Spielfilm, Lightyear ist der neuste. Beide Animationsabenteuer haben die Figur des Space Rangers Buzz Lightyear gemeinsam. 1995 war er noch ein Spielzeug, das zum Leben erwachte. 2022 ist er ein Astronaut mit Weltraum-Rettungsmission. Verknüpft werden beide Filme auf denkbar banale Weise: Zwei Sätze zu Beginn von Lightyear erklären, dass der folgende Sci-Fi-Ausflug der Lieblingsfilm vom Andy war. Das Spielzeug des Toy Story-Jungen entstand (so die rückwirkende Deutung) auf Grundlage dieses Films.

Seht hier den Trailer zu Toy Storys Lightyear mit Chris Evans' Stimme

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Was folgt, ist ein Science-Fiction-Film, in dem Buzz Lightyear auf einem feindlich gesinnten Planeten landet und versucht, seine Crew mithilfe mehrerer (Zeitreise-)Flüge zu retten. In der Zukunft wartet der rücksichtslose Roboter-Kommandant Zurg sowie ein Team unausgebildeter Amateure auf ihn. Es ist ein passables Weltraum-Abenteuer mit einigen Toy Story- und noch mehr Film-Verweisen auf die Science-Fiction-Ära der 1980er und 1990er Jahre. Kreativität sieht anders aus.

Toy Story war über die lebendigen Spielzeuge hinaus die Fish-out-of-Water-Geschichte eines egoistischen Plastik-Spielzeugs in Abgrenzung zur altmodischen Cowboy-Sammelpuppe Woody und seinen Freunden. Doch indem Pixar die "Film-Vorgeschichte" des Space Rangers erzählt, wird Buzz Lightyear tatsächlich zum berechnenden Merchandise.

Trotz einiger netter Ideen wie Benzin-Kristallen, einer aufdringlichen Roboter-Katze oder Astrophobie (der Angst vor dem All), liegt jetzt Disneys Franchise-Schatten auf dem neuen Pixar-Film. Es ist nur noch das Rädchen eines Kino-Universums mehrerer erzählerisch lose verknüpfter Filme, wie Disney es bereits erfolgreich mit dem MCU (Marvel Cinematic Universe) betreibt. Lightyears alleinige Existenz-Berechtigung ruht auf den Schultern eines Spielzeugs aus einem alten beliebten Film. Er kommt damit in der bitteren Realität an.

Lightyear zeigt extrem: Fortsetzungen waren schon immer Pixars schwächste Filme

Ob Star Wars oder Marvel: Disney weiß um die Zugkraft von etablierten Marken. Alte Erfolge locken die Massen erneut ins Kino. Der Konzern-Riese kaufte das Animations-Studio Pixar 2006. Seitdem haben die Sequels sich dort vervielfacht. Wie wenig zuletzt auf frische Ideen vertraut wurde, zeigte sich zum Beispiel darin, dass die letzten alleinstehenden Pixar-Filme (Soul, Luca und Rot) direkt bei Disney+ verwurstet wurden. Das mag zum Teil an der Corona-Situation gelegen haben. Aber Franchise-Streifen wie der MCU-Eintrag Black Widow (und jetzt Lightyear) schafften es trotz widriger Umstände auf die große Leinwand.

Buzz Lightyears Avengers?

Nur leider war Pixar immer dann am Schwächsten, wenn es sich an Sequels, Prequels und Spin-offs versuchte. Für Kinder mag die Cars-Reihe ihre Berechtigung haben, aber die langweiligen Abenteuer der sprechenden Autos sind in Teil 2 und 3 nur noch eine Merchandise-Machinerie mit brummendem Motor. Weder Findet Dorie noch Die Unglaublichen 2 und ganz gewiss nicht Die Monster Uni konnten an die Größe ihrer Vorgänger anknüpfen. Viele halten Toy Story 3 für eine Ausnahme. Doch wo die Originale neue Wege beschritten, fiel es ihren Nachfolgern meist schwer, den ausgetretenen Pfaden neue Facetten abzugewinnen.

Gute Fortsetzungen sind nicht unmöglich. Buzz Lightyear nach Toy Story zum Beispiel ein "reales" Vorbild für das Spielzeug samt animiertem fiktivem Biopic zu schenken, wäre eine ungewöhnliche Idee gewesen. Dem jetzigen Sci-Fi-Film fehlt aber das "Besondere", was Pixar in seinen besten Filmen immer auszeichnete.

Marvel, Star Wars und ... Toy Story? Disneys Lightyear kopiert das falsche Erfolgsrezept

Wenn Lightyear bekannte Elemente aufgreift, mag das zunächst als Wertschätzung der vorangegangenen Weltraum-Kollegen durchgehen: Das Heim von Bösewicht Zurg, erinnert an die Architektur, die Darth Vader für seine Raumschiffe bevorzugte. Gegenlichtige Helden-Silhouetten vor Hangar-Türen, sprechende Maschinen sowie Menschen in Kampfroboter-Anzügen, die Avatar-Regisseur James Cameron gutgeheißen hätte, tun ihr Übriges für das Sci-Fi-Flair. Zugleich wirkt Lightyear damit aber wie eine blasse Kopie bereits verbrauchter Ideen.

Lightyear vs. Thanos-Kopie?

Chris Evans, der im englischen Original Buzz seine überhaupt nicht markante Stimme leiht, ist der wahrscheinlich langweiligste Voice-Cast seit Jahren. Dass Captain America hier Captain Lightyear spricht, verdeutlicht einmal mehr die Hintergedanken zu einem potenziellen animierten MCU, die bei Disney in diesen uninspirierten Film einflossen. Es kann außerdem kein Zufall sein, dass James Brolin nach dem Thanos-Auftritt seines Sohns Josh Brolin nun Bösewicht Zurg spricht. Müssen wir uns jetzt schon vor (durchaus vorstellbaren) weiteren Toy Story-Einträgen wie "Woody - A Cowboy Adventure" mit Robert Downey Jr. als Sprecher fürchten?

Ironischerweise funktioniert die (Spielzeug-)Roboter-Katze des Toy Story-"Prequels" als lustiger Side-Kick im Gesamtbild am besten. Wenn allerdings das Plastik-Spielzeug aus Toy Story mehr Leben und Herz besitzt als sein menschlicher Gegenpart, der Astronaut Buzz Lightyear, dann sollte klar sein, dass hier etwas falsch gelaufen ist. Wer von beiden die emotionale Fälschung ist, steht außer Frage. Wäre das fantasievolle Spielzeug unserer Kindheit mal lieber in seiner Kiste geblieben...

Buzz Lightyear mit Robo-Katze Sox

Die Geschichte von Lightyear wird uns jedenfalls nicht bis zur (allzu häufig bemühten) Unendlichkeit und noch viel weiter führen, sondern wahrscheinlich nur bis nächsten Dienstag im Gedächtnis bleiben. Wenn Pixar sich weiter an Disneys Marvel-Strategie orientiert, sehen die Zeiten für aufregende animierte Unterhaltung düster aus. Denn Kreativität braucht kein Franchise-Korsett nach Schema F, sondern die Freiheit, sich eigene Galaxien zu erschaffen.

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Werdet ihr euch als Toy Story-Fans Pixars Disney-Film Lightyear im Kino ansehen?

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