Nicht nur in Der Unsichtbare: Elisabeth Moss ist ungeheuerlich und verstörend

Elisabeth Moss und Odessa Young in Shirley
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Elisabeth Moss und Odessa Young in Shirley
27.02.2020 - 18:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Frisch von Sundance trifft auf der Berlinale der neue Film von Josephine Decker ein. In Shirley hypnotisiert vor allem Elisabeth Moss mit ihrer ungeheuerlichen Präsenz.

Von einem Unsichtbaren wird Elisabeth Moss aktuell im Kino verfolgt. Niemand will ihr Glauben schenken, dass da ein unsichtbares Monster lauert, das sich nachts in ihr Zimmer schleicht und ihr das Leben zur Hölle macht. Dieser Unsichtbare, seines Zeichens eine der ikonischsten Figuren aus Universals Schreckens-Pantheon, könnte glatt eine Erfindung von Shirley Jackson sein. Shirley Jackson ist die US-amerikanische Horroautorin, über die Josephine Deckers das schlicht mit Shirley betitelte Biopic gedreht hat.

Gespielt wird Shirley Jackson passenderweise von Elisabeth Moss, die sich als verstörende Präsenz erweist und bis zur letzten Minute mit ihrem hypnotischen Schauspiel fesselt. Wir können uns niemals sicher sein, was ihre Shirley Jackson, die von Josephine Decker als faszinierende wie ambivalente Figur porträtiert wird, wirklich denkt.

Was folgt, ist das Eintauchen in die komplexe Psyche einer Frau, die heute zu den wichtigsten Figuren der US-amerikanischen Horrorliteratur gehört.

Die wichtigsten Fakten zu Shirley von Josephine Decker

  • Josephine Decker hat sich in den vergangenen Jahren als Festivalliebling entpuppt. Zuerst war da ihr Doppelschlag Thou Wast Mild and Lovely und Butter on the Latch, ehe sie Madeline's Madeline vor zwei Jahren endgültig ins Rampenlicht katapultierte.
  • Shirley markiert ihren bisher größten Film, was ebenfalls durch die namhafte Besetzung zum Ausdruck kommt. Neben Elisabeth Moss gehören Michael Stuhlbarg, Logan Lerman und Assassination Nation-Star Odessa Young zum Cast.
  • Obwohl Shirley in seinen Grundzügen ein Biopic ist, nähert sich Josephine Decker der Geschichte auf unkonventionelle Weise an und ist weniger daran interessiert, historische Ereignisse nachzustellen, als vielmehr ins Innere der Figuren vorzudringen.
Shirley

Dadurch, dass Shirley nur lose auf den historischen Begebenheiten basiert, kann sich Josephine Decker viele dramaturgische Freiheiten nehmen, die den Fokus auf das gesamte Ensemble ermöglichen. Wenngleich Shirley Jackson fraglos im Mittelpunkt der Geschichte steht, spielen drei weitere Figuren eine entscheide Rolle. Auf der einen Seite ist da ihr Ehemann, der Literaturkritiker und Professer Stanley Hyman (Michael Stuhlbarg), auf der anderen Seite das junge Paar Fred (Logan Lerman) und Rose Nemser (Odessa Young).

Shirley geht einen spannenden Dialog mit Der Unsichtbare ein

Im Herbst 1964 gelangen die Hymans ans Bennington College, da Fred als junger Doktorand offenbar großen Eindruck bei Stanley hinterlassen hat, der sich als Gatekeeper der Literatur gibt. Von Michael Stuhlbargs überwältigend berührender Erscheinung in Call Me by Your Name ist in Shirley nicht mehr viel übrig. Anfangs täuscht der Rauschebart noch über seine kontrollierende Persönlichkeit hinweg. Doch schnell reist Josephine Decker diese freundliche Fassade ein.

Stanley erklärt seine Frau gleichermaßen zu einem Genie wie zu seiner Gefangenen. Er muss sein exzentrisches Talent hüten - schlussendlich entsteht aber der Eindruck, als würde er sie gezielt unterdrücken und verunsichern. Stanley redet Shirley regelrecht krank. Ein spannender Dialog ergibt sich hier im Hinblick auf der Unsichtbare, in dem Elisabeth Moss ebenfalls eine Figur verkörpert, die mehr und mehr an ihrem eigenen Verstand zweifelt, da ihre Umgebung vehement ihre Aussagen infrage stellt.

Der Unsichtbare

Während in Der Unsichtbare die Situation zumindest für uns Zuschauer ziemlich eindeutig ausfällt, ist sich Shirley eine kompliziertere Angelegenheit. Denn hier taucht die titelgebende Protagonistin mal als Opfer, mal aber auch als Täterin auf, die bewusst provoziert, sich gegen gesellschaftliche Konventionen stellt und mit ihrem Image als Wahnsinnige spielt, um die Menschen in ihrem Umfeld bloßzustellen. Am einnehmendsten passiert das im Zusammenspiel mit dem jungen Paar, Fred und Rose.

Josephin Decker dringt tief ins Innenleben ihrer Figuren vor

Zuerst stellt Josephine Decker die beiden Paare gegenüber. Die junge Generation, die voller Ambition und Hoffnung steckt, trifft auf eine ältere Genration, die - zumindest im Fall von Stanley - versucht, das zu wahren, was sie sich erarbeitet hat. Shirley wird zunehmend zur unberechenbaren Kraft, die alles durcheinanderbringt, dadurch allerdings auch neue Blickwinkel ermöglicht, nicht zuletzt mit ihren kontroversen Werken, zu denen neben Spuk in Hill House auch die aufwühlende Kurzgeschichte The Lottery gehört.

Nach und nach verändern sich die Fronten, was in erster Linie dadurch zum Ausdruck kommt, dass zwischen Shirley und Rose entgegen anfänglicher Beleidigungen eine vibrierende Freundschaft entsteht. Langsam nähern sich die zwei unterschiedlichen Frauen an, stoßen sich wieder ab, bis sie irgendwann gar nicht mehr den Blick voneinander lassen können. Josephine Decker verfolgt diese Begegnungen, die stets von Neugier, aber auch von Ungewissheit getrieben sind, in intensiven Close-ups.

Queen of Earth

Schlussendlich erweist sich Shirley aber als deutlich zugänglicher Film, als es noch bei dem eindringlichen Madeline's Madeline der Fall war, der mit seinem markanten Schnitt im Gedächtnis blieb. Bei ihrem neusten Werk fühlt sich alles ein bisschen flüssiger an, wenn die Bilder ineinander übergehen und verschmelzen. Vor allem Grenzüberschreitungen verdeutlicht Josephine Decker in diesen Übergängen, die sich genauso wenig greifen lassen wie das sich ständig in Bewegung befindende Innenleben der Figuren.

Elisabeth Moss war seit Queen of Earth nicht mehr so ungeheuerlich

Bis zum Schluss vermag Josphine Decker, neue Facetten in den getriebenen Persönlichkeiten zu entdecken. Shirley, der Film, zieht dadurch konstant in seinen Bann, denn plötzlich ist jede noch so unscheinbare Nuance ein Hinweis, wo wir uns gerade befinden. Besonders stark ist, wie Josephine Decker den Fokus zur Kommunikation zwischen den Figuren benutzt und uns dadurch Einblick in die wechselnde Beziehungsdynamik gibt.

Nach jedem Streit kommt dadurch auch eine zerbrechliche Seite zum Vorschein, die unerwartet berührt, aber auch abschrecken kann. Am Ende dieser Tour de Force bleibt ein schwindelerregendes Gefühl, das einen beklommen in die letzte Einstellungen blicken lässt, die näher und näher zu den Figuren vordringt, bis wir fast mitten in ihrem Herzen angekommen sind. Und dann ist da Elisabeth Moss, die so ungeheuerlich spielt wie seit Queen of Earth nicht mehr.

Welche Rolle von Elisabeth Moss hat euch bisher am meisten begeistert?

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