Oscar: Die Nominierung von Werk ohne Autor hat der deutsche Film nicht verdient

Werk ohne Autor - zweifach für den Oscar nominiert
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.

Deutschland ist wieder Oscar - oder so ähnlich. Gleich zweifach wurde Werk ohne Autor von Florian Henckel von Donnersmarck gestern für den Oscar nominiert. So bestätigen der Regisseur des früheren Gewinnerfilms Das Leben der Anderen und der zuständige Auswahlausschuss ihren Riecher für den weichgespülten Geschmack der Academy. Die Academy setzt gewissermaßen ihr Siegel unter das Armutszeugnis, welches Werk ohne Autor dem deutschen Film ausstellt. Vor allem bestätigen die Nominierungen für den Oscar Donnersmarck als geborenen Bullshit Artist, der seinen Film mit einer Selbstüberschätzung verkauft, als hätte ihm Ex-Oscar-Magnat Harvey Weinstein persönlich die Gespinste ins Hirn gesetzt.

Werk ohne Autor - Mit dem großen Namen zur Oscar-Nominierung

In Werk ohne Autor geht es um die Aufdeckung verdrängter Wahrheiten. Die Vita des bedeutendsten lebenden Malers Gerhard Richter bildet dafür eine Grundlage, mit veränderten Namen und Details. Kurt Barnerts (Tom Schilling) Tante wurde während des Zweiten Weltkriegs als "unwertes Leben" durch die Nazis ermordet und dieses Geheimnis kratzt Barnert als Künstler in DDR und BRD mit Farbspachtel und Leinwand unbewusst frei.

In der Geschichte der Filmwerdung von Werk ohne Autor geht es um einen flexiblen Umgang mit der Wahrheit. Entstehungsgeschichten sind essenzielle Elemente von Oscar-Kampagnen: Alfonso Cuarón hat mit Roma seinen persönlichsten Film gedreht; Bohemian Rhapsody hat den Segen der überlebenden Queen-Mitglieder; in Green Book hat ein Sohn die ungewöhnliche Freundschaft seines Vaters niedergeschrieben. In Werk ohne Autor hat Florian Henckel von Donnersmarck eng mit dem abgeschieden lebenden Gerhard Richter zusammengearbeitet, um von der reinigenden Kraft der Kunst zu erzählen. Ein näherer Blick auf diese "Geschichte" offenbart jedoch ein Zerwürfnis zwischen Donnersmarck und Richter.

Gerhard Richter distanzierte sich von Werk ohne Autor

Vier Wochen Interviews in Köln und ein gemeinsamer Ausflug zu den Orten der Kindheit in Dresden dienten als Basis für das Drehbuch von Werk ohne Autor. Als Florian Henckel von Donnersmarck seinen Film persönlich vor der ersten Pressevorführung Mitte August in Berlin vorstellte, suggerierte er ein freundschaftliches Verhältnis zu dem Maler. Widersprüche in diesem harmonischen Bild zeigten sich bereits im Oktober, als Gerhard Richter den Trailer für Werk ohne Autor gegenüber der Deutschen Presse-Agentur als "zu reißerisch" bezeichnete.

Donnersmarck betonte seinerseits, das Leben Richters sei nur eine Inspiration für den Film. Gegenüber der EDP Film erklärte er, Werk ohne Autor sei unter anderem von "da Vinci, von Tizian, von Rubens, von Caspar David Friedrich" als biographische Quellen inspiriert gewesen. Da weder Peter Paul Rubens noch Caspar David Friedrich eine Tante hatten, die von den Nazis ermordet wurde, sie auch nicht in der DDR Karriere machten, bevor sie sich in der BRD ein neues Leben aufbauten, ließ das die Vergleiche kaum verstummen.

Als Verkaufsargument - gerade auch in den Staaten - dient bei Werk ohne Autor ein weltweit anerkannter Maler in Verbindung mit der deutschen Nazi-Vergangenheit - und der Name Florian Henckel von Donnersmarck.

Rund eine Woche vor den Nominierungen für den Oscar 2019 hat sich Gerhard Richter schließlich explizit von Werk ohne Autor distanziert. In einem großen Porträt von Donnersmarck in der Zeitschrift New Yorker wurde Richter zitiert:

[...] Schon bald nach [Donnersmarcks] erstem oder zweitem Besuch habe ich ihm klar und deutlich gesagt, dass ich keinem Film über Gerhard Richter zustimmen würde.

"Schrecklich verzerrt und ausgenutzt": Gerhard Richter über Werk ohne Autor

Weiter heißt es in einem Brief Richters an die Autorin des New Yorker-Artikels, dass der Maler dem Autor und Regisseur vorgeschlagen habe, der Hauptfigur von Werk ohne Autor einen anderen Beruf zu geben. Barnert hätte nicht zwingend Maler sein müssen, um diese Geschichte zu erzählen.

Im Film selbst allerdings werden berühmte Gemälde von Richter recht offensichtlich abgewandelt. Das große Aha-Erlebnis ist Barnerts Verfremdung von Fotografien mithilfe der Unschärfe, ein berühmtes Stilmittel Richters. So erklärt der Maler im New Yorker:

[Donnersmarck] hatte alle Optionen offen und ich habe ihm schriftlich klargemacht, dass er explizit nicht die Erlaubnis hat, meinen Namen oder meine Gemälde zu nutzen oder zu veröffentlichen. Er hat mir versichert, meine Wünsche zu respektieren. Aber in Wirklichkeit hat er alles getan, um meinen Namen mit seinem Film in Verbindung zu bringen und die Presse hat ihn dabei unterstützt. [...] Nichtsdestotrotz hat er es geschafft, meine Biographie schrecklich zu verzerren und auszunutzen. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Florian Henckel von Donnersmarck - Meister der Selbstvermarktung

Gerhard Richter zeigte sich schon früher kritisch gegenüber einem Biografen, mit dem er anfangs eng zusammengearbeitet hat. Das Zerwürfnis zwischen Regisseur und Künstler offenbart jedoch Florian Henckel von Donnersmarcks vermutlich größtes Talent: die Selbstvermarktung.

Das beginnt bei den Ausführungen über da Vinci und Gerhard Richter und findet in der Filmgeschichte hochtrabende Ebenbilder. Da nennt er als Vorbild für Werk ohne Autor allen Ernstes Orson Welles' Klassiker Citizen Kane. Beides sind Filme über fiktionalisierte Biografien berühmter Männer, das sei zugegeben. Allerdings gilt der eine als Meilenstein in der Entwicklung der Filmform und Erzählung und der andere ist der erste Film, der Planking für Sexszenen im sozialistischen Mondschein einsetzt.

Florian Henckel von Donnersmarck lässt keine Gelegenheit aus, sich im Schein berühmterer Künstler zu sonnen. Durch die ohne jede Demut präsentierten Vergleiche verleiht er sich das Prädikat der Hochkultur ebenso wie durch die Themen: Gerhard Richter! Nazis! DDR! Joseph Beuys! Und das in 188 Minuten! Was der Film selbst nicht leistet, müssen die Schlagworte ersetzen.

Werk ohne Autor ist ein peinlicher Repräsentant des deutschen Films

Die neunköpfige Auswahl-Jury für den deutschen Beitrag zum "Auslands-Oscar" ist Donnersmarck ebenso auf den Leim gegangen wie die Academy-Mitglieder, die Werk ohne Autor nominiert haben. Lässt sich die Kameranominierung für den Veteranen Caleb Deschanel noch rationalisieren, sticht Werk ohne Autor in der Konkurrenz von Cold War, Roma, Shoplifters und Capernaum allenfalls durch seine Konventionalität heraus.

Äußerlich ist diese "spirituelle Biographie unseres Landes" (O-Ton Donnersmarck im New Yorker) immerhin glanzvoller inszeniert als das Degeto-Einerlei im Fernsehen. Inhaltlich fällt Werk ohne Autor primär durch eine Sequenz auf, die die Euthanasie-Verbrechen der Nazis und den Holocaust mit dem Bombenkrieg der Alliierten parallelisiert. Kein zufälliger Fehlgriff übrigens: "Hier geht es nicht um Schuld, sondern nur um das Leid", erklärte Donnersmarck im österreichischen Kurier. Die Gedankenlosigkeit, mit der Donnersmarck Leid und Leid in einen Topf wirft, wurde schon bei der Premiere von Werk ohne Autor in Venedig kritisiert.

Weder diese Kritik noch Gerhard Richters Distanzierung haben der Oscar-Kampagne von Werk ohne Autor geschadet. Im Gegenteil, der Größenwahn des Florian Henckel von Donnersmarck ist für diese Saison wie gemacht. Stellt euch die verbalen Luftsprünge Til Schweigers vor und ersetzt seine Blockbuster-Ambitionen mit den Eckpunkten eines heruntergedummten FAZ-Feuilletons.

Die größten Fabeln werden in der Oscar-Saison schließlich nicht auf der Leinwand gesponnen und Florian Henckel von Donnersmarck hat das wie kein anderer deutscher Filmemacher verstanden.

Zum erhebenden Abschluss sind hier 10 deutsche Filme aus dem letzten Jahr, die ihr statt Werk ohne Autor anschauen solltet:

Was haltet ihr von der Oscar-Nominierung für Werk ohne Autor?

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