Sci-Fi-Thriller auf Amazon: eXistenZ ist der bessere Matrix

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eXistenZ
25.04.2020 - 13:00 UhrVor 27 Tagen aktualisiert
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Sucht ihr einen Film wie Matrix oder Inception, aber in gut und intelligent? Gibt es natürlich! Er heißt eXistenZ und ist jetzt auf Amazon Prime zu sehen.

Im Februar 1999 wurde eXistenZ auf der Berlinale uraufgeführt, für seine "außergewöhnliche künstlerische Leistung" gewann dort Regisseur David Cronenberg den Silbernen Bären. Zwei Monate später kam der Film in die US-Kinos und spielte lediglich 3 Millionen Dollar ein. Sämtliche Aufmerksamkeit galt Matrix, der zwischenzeitlich gestartet war, um einen popkulturellen Siegeszug um die ganze Welt anzutreten.

Beide Filme, das war die Krux, handeln vom virtuellen Leben. In dem einen hat künstliche Intelligenz die Kontrolle übernommen, werden Menschen stillgelegt und als Energiereserven ausgebeutet. Was furchtbar ist und nach Befreiung ruft. In dem anderen suchen Menschen die Fantasiewelt hyperrealistischer Games bewusst auf, weil nämlich Realität erstens ziemlich schnöde und zweitens eine recht subjektive Angelegenheit sein kann.

eXistenZ geht direkt ins Nervensystem

Bedrohliche Computerwelten und Versionen unserer selbst mutierten damals endgültig von der literarischen zur filmischen Schreckenserzählung. Es war eine sonderbare Zeit. Unironisch wurde das Wort Cyberspace genutzt, Hollywood produzierte derweil Filme, in denen Sandra Bullock vor dem Internet davonläuft. Ein Blockbuster, der unsere Wirklichkeit als Illusion digitaler Sklavenmächte entzaubert, musste also durch die Decke gehen.

Nuckeln am Bioport: Jennifer Jason Leigh in eXistenZ

In eXistenZ findet jene zeitgenössische Skepsis jedoch keinen Widerhall. Grundlage des neuen Erlebens, des Abtauchens in sich überlappende virtuelle Erzählungen, ist hier eine simpel wirkende Biotechnologie. Die aus organischen Knubbeln bestehende Spielkonsole verbinden Jennifer Jason Leigh und Jude Law mit ihrem sogenannten Bioport - einem lumbalen Loch, das den Inhalt des eXistenZ genannten Spiels ins Nervensystem katapultiert.

Natürlich bildet dieser Bioport einen Zugangspunkt besonderer Art, so wie schon das sprechende Arschloch in Naked Lunch oder der vaginale Bauchschlitz in Videodrome (dessen Comedy-Sequel eXistenZ gewissermaßen ist). Grundsätzlich beginnt bei David Cronenberg jeder Spaß mit menschlichen Öffnungen, die Filme des Kanadiers sind quasi das Leben selbst. Es geht um Einfallstore der Lust. Und manchmal können sie ins Verderben führen.

eXistenZ als Gegenentwurf zu Matrix

Seine Idee lädt eXistenZ rundum sexuell auf. Nicht nur Nabelschnüren ähnelnde Konsolenkabel, sondern auch Finger und Zungen werden in Bioports eingeführt. Matrix interessiert sich für die Körperlichkeit seiner Figuren kein Stück mehr, sobald Keanu Reeves die verhängnisvolle Schnittstelle erkannt und gekappt hat. David Cronenberg hingegen erzählt von Virtualität als Begehren, so wie es kaum ein Film zuvor (oder seither) getan hat.

Bezeichnenderweise braucht es dafür nicht einmal High-Tech. Der Film verfrachtet, was selbstredend der Komik dient, die hochgradig technologisierte Story in ein ländliches Ambiente. Es gibt so gut wie keine Elektronik zu sehen, auch Bildschirme nicht, weder Fernseher noch Computermonitore - wo doch gigantische Screens, auf denen bedeutungsvoll beobachtet oder herumgewischt wird, ein Inbegriff des Genres sind.

Matrix: Ein Hauch von Körperhorror

Verglichen mit Filmen wie Johnny Mnemonic, Virtuosity oder eben Matrix fehlen in eXistenZ jene leichtfertigen Orientierungshilfen, die neue Wahrnehmungsebenen immer nur als klar abgrenzbare Simulationsräume darstellbar machen. David Cronenberg verzichtet darauf, den Übergang von (scheinbar) tatsächlicher zu virtueller Realität zu akzentuieren, weil das gar nicht nötig und vielleicht sogar unmöglich ist.

eXistenZ auf Amazon: Realität ist Auslegungssache

Darin liegt eine große intellektuelle Selbstsicherheit. Bei Matrix werden die philosophischen Ansatzpunkte der Geschichte über Maschinengewehre, Faustkämpfe und Hubschrauberexplosionen vermittelt. Der Film sieht toll aus und schindet verdient Eindruck, aber er traut und genügt sich nicht. Sein Pomp soll kaschieren, dass ihm nach einem Drittel nichts weiter einfällt, als die Prämisse zu spiritualisieren.

In eXistenZ wird der ungewisse Wahrnehmungsfluss zudem nie unterbrochen. Das Spiel im Spiel täuscht Trennlinien lediglich vor, am Ende ist es für die Figuren nicht möglich, die Ebenen zu unterscheiden (oder sich in den "Limbus" zu verabschieden, wie es den Traumwandlern von Inception ergehen kann). Um Realität muss nicht gekämpft und geballert werden, denn sie ist schlicht Auslegungssache.

Daher kann sich auch die "Realisten" genannte Terrororganisation, welche in eXistenZ virtuelle Identitäten eliminiert sehen möchte, als mögliches Produkt der Gesellschaftsdiskurse einfach mitprogrammierenden Spielentwicklerin entpuppen. Oder die Schöpferin selbst als weiterer Charakter eines weiteren Levels überführt werden. Hier nämlich gibt es nirgendwo Helden. Keinen Neo und keine Trinity.

Als Stream kann eXistenZ jetzt auf Amazon Prime abgerufen werden. Matrix ist Teil der Flatrate von Sky Ticket und Sky Go. Beide Filme gibt es auf DVD und Blu-ray.

Welcher Film ist besser, eXistenZ oder Matrix?

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