Spider-Man: Far From Home ruiniert das Erbe von Avengers 4: Endgame

Spider-Man: Far From Home
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Spider-Man: Far From Home
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Junior Redakteur bei Moviepilot. Kann mit dem DCEU so einiges anfangen, aber noch mehr mit David Lynch. Meist im Kino oder beim Essen anzutreffen.

Achtung, Spoiler zu Spider-Man: Far From Home: Als (nachträglich verkündeter) Abschluss von Phase 3 des Marvel Cinematic Universe lastet auf Spider-Man: Far From Home eine große Verantwortung.

Nach Avengers 4: Endgame, der den Höhepunkt von 11 Jahren sorgfältig miteinander vernetzter Comicfilm-Geschichten bildet, steht der zweite Solofilm von Tom Hollands freundlicher Spinne aus der Nachbarschaft vor der großen Aufgabe, auch noch die letzten Erzählfäden vor Phase 4 zusammenführen und abschließen zu müssen.

Dadurch muss Spider-Man: Far From Home an der jüngsten Vergangenheit der Endgame-Konsequenzen festhalten und zugleich in eine Zukunft weiterer Marvel-Abenteuer blicken. Dem Blockbuster von Jon Watts gelingt jedoch beides nicht.

  • Spider-Man: Far From Home zieht Tony Starks Tod gleich zu Beginn ins Lächerliche.
  • Anschließend tritt der Film nie aus dem Schatten des Vorgängers.
  • Über die Zukunft des MCU hat Far From Home wenig zu sagen.

Der desaströse Auftakt von Spider-Man: Far From Home

Gleich der Anfang von Spider-Man: Far From Home wird zur nervlichen Zerreißprobe. Zuerst wird der Zuschauer ohne wirkliche Einführung mitten in die Handlung geworfen, als Nick Fury und Maria Hill in Mexiko mit dem ersten Elemental konfrontiert werden und sich daraufhin direkt Mysterio als Retter ins Geschehen stürzt.

Reizüberflutung als filmisches Mittel mag legitim sein. Spider-Man: Far From Home wirkt in diesem Auftakt aber mehr wie der Schnipsel eines Trailers, in den unvermittelt irgendwo in die Mitte geklickt wurde. Noch schlimmer wird es allerdings, als der Blockbuster direkt im Anschluss an das wohl emotionalste Ereignis aus Avengers 4: Endgame anknüpft.

Bereits die kitschigen Klänge von Whitney Houstons I Will Always Love You über dem Vorspann sorgen für Verwirrung. Fast fühlt es sich so an, als würden wir nicht Spider-Man: Far From Home, sondern Deadpool 3 schauen. Besonders dann, wenn der Song als humorvolle Musikuntermalung in einem noch humorvoller gedachten Video-Tribut an Tony Stark sowie dessen großes Opfer für die Menschheit eingesetzt wird.

Die Szenen sind Teil der aus Spider-Man: Homecoming bekannten Nachrichtenshow, die von Peters Mitschülern Jason und Betty für die ganze Schule moderiert wird. Nur einen Film später ist der Tod von Tony Stark im MCU zur pflichtbewussten Pointe des gewohnt selbstreferenziellen, nie zu ernsten Tonfalls verkommen.

Spider-Man: Far Frome Home klammert sich für Emotionalität an Endgame

Während Spider-Man: Far Frome Home seinen MCU-Vorgänger so schnell wie möglich als Humor-Vorlage benutzt, kann sich der Film im Folgenden nie so richtig von Endgame lösen. Durch das sehr persönliche Verhältnis zwischen Tony und Peter, das zuletzt schon wie eine Vater-Sohn-Beziehung wirkte, ist klar, dass die Fortsetzung den tragischen Einschnitt in Peters Leben nicht ignorieren kann.

Trotzdem ist es frustrierend, wie lieblos der große Verlust in kurzen, oberflächlichen Szenen in den Film gestreut wird - wie fehlende Gewürze bei einem Gericht. Emotional triumphiert der Film, wenn Quentin Beck aka Mysterio eine Beziehung zu Peter Parker aufbaut. Schlussendlich wird die schutzlos offengelegte Menschlichkeit des jungen Superhelden vom Drehbuch aber nur für einen ausführlich ausgebreiteten Twist missbraucht.

Auch die Beziehung zwischen Peter und MJ bleibt oft seltsam leblos, was auch mit der bewusst ironischen Brechung von Zendayas Figur zusammenhängt. Im Gegensatz zu den anderen bekannten Mary Janes aus dem Spider-Man-Universum ist ihre MJ cool und distanziert, teilweise sogar zynisch, anstatt liebenswürdig und charmant zu sein.

Zeit für große Gefühle bleibt daher nur in den wenigen Momenten, in denen Peter weiterhin unter dem Verlust von Tony leidet, während die Welt womöglich schon längst einen Iron Man-Nachfolger verlangt. Diese tiefgründigen Aspekte bleiben in Spider-Man: Far Frome Home jedoch weitestgehend Behauptung und werden nie tiefer verfolgt.

Immer wieder will sich der Film von Jon Watts in luftige Höhen eines klassischen Spider-Man-Abenteuers schwingen, um dann doch von Endgame am Boden gehalten zu werden, aus dessen Fängen sich der Blockbuster nach kurzen Szenen dann doch wieder befreit.

Spider-Man: Far From Home versagt als Abschluss von Phase 3 des MCU

Spider-Man: Far From Home hat das Problem, dass ihm der Status als Abschluss von Phase 3 des MCU mehr oder weniger nachträglich aufgedrückt wurde. Verständlicherweise ist die Mehrheit davon ausgegangen, dass Avengers 4: Endgame dieser große Abschluss ist. Dadurch hat der zweite Spider-Man-Solofilm im MCU keinen vergleichbaren Luxus wie etwa Ant-Man and the Wasp vor gut einem Jahr.

Der kurz nach Avengers 3: Infinity War veröffentlichte Film erschien als Brücke zwischen dem Fingerschnipp-Cliffhanger und dem Finale der Infinity-Saga wie eine launige Pause zum Durchatmen. Der Gigantomanie von Infinity War begegnete Ant-Man and the Wasp wortwörtlich auf subatomarer Ebene.

Als Phase 3-Abschluss ist Spider-Man: Far From Home daher mit einer Erwartungshaltung verbunden, unter der der Marvel-Blockbuster zusammenbricht. Mühsam schleppt sich der Film zwischen unausgegorenen Solo-Abenteuer und Endgame-Nachklapp bis ins Finale, nach dem es letztlich die Abspannszenen richten müssen.

Ganz am Ende mag die Zukunft des frisch enttarnten sowie als Mörder beschuldigten Superhelden finster aussehen. Spider-Man: Far From Home ruiniert nicht nur das Erbe von Avengers 4: Endgame, sondern ist auch als Spider-Man-Film eine Katastrophe. Nach solch einem lieblos nachgeschobenem Franchise-Beitrag sieht die Zukunft des MCU aber noch viel düsterer aus.

Wie fandet ihr den Umgang von Spider-Man: Far From Home mit Avengers 4?

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Junior Redakteur bei Moviepilot. Kann mit dem DCEU so einiges anfangen, aber noch mehr mit David Lynch. Meist im Kino oder beim Essen anzutreffen.
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