Stranger Things hat 80er-Nostalgie zerstört, der bisher beste Film der Berlinale macht endlich wieder Lust darauf

Charlotte Gainsbourg in The Passengers of the Night
© Nord-Ouest Films, Arte France Cinema
Charlotte Gainsbourg in The Passengers of the Night
15.02.2022 - 12:00 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
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Einer der besten Filme der Berlinale 2022 wird alle, die 80er Nostalgie seit Stranger Things satt haben, bei einer großartigen Reise nach Paris bekehren. Was es damit auf sich hat, erfahrt ihr hier.

Der Eiffelturm glüht in der Nacht, die Hochbahn rauscht auf den körnigen Bildern vorbei wie in einem Retro-Science-Fiction-Film. Paris ist ein zauberhaft harter Ort in The Passengers of the Night. Herzen brechen, Lebensentwürfe werden zerrissen und das inmitten einer gemütlichen Wärme, die einlädt zum Träumen. Der bis dato beste Film der Berlinale 2022 ist eine Ode an eine Stadt, eine Familie und eine Ära. Obschon sich die nächtlichen Passagiere durch Schwaden von 80er-Nostalgie bewegen, wie sie in den vergangenen Jahren dank Stranger Things fast unerträglich wurde.

Stranger Things und seine Klone haben die 80er-Nostalgie überstrapaziert

Wenn wir an 80er-Jahre-Nostalgie denken, dann vielleicht an Ghostbusters-Anzüge, Vorstadthäuser und BMX-Räder. Auch wenn Mikhaël Hers (Amanda) seinen neuen Film nicht in einer amerikanischen Vorstadt à la Stranger Things spielen lässt, liegen Berlinale-Beitrag und Netflix-Serie prinzipiell gar nicht so weit auseinander. (Wobei in The Passengers of the Night zugegebenermaßen kein Demogorgon vorkommt, sofern man Jacques Chirac nicht als solchen betrachtet.)

Der gewaltige Unterschied zwischen der Nostalgie in einem Film wie The Passengers of the Night und jener in Stranger Things, Summer of 84, Super Dark Times oder Bumblebee findet sich woanders. Stranger Things vermittelt die Sehnsucht nach einer anderen Zeit, indem sich die Serie eine popkulturelle Version diese Ära aneignet.

Stranger Things

Ganz oben auf der Liste der Quellen dafür stehen die einschlägigen Werke von Steven Spielberg und Amblin Entertainment, etwa E.T. - Der Außerirdische. In der Netflix-Serie ersetzt die Imitation dieser Vorbilder das World-Building im eigentlichen Sinne, nämlich das Gefühl für die Zeit und den Alltag jener Jahre. Daraus entsteht eine statische Welt, die niemals Gefahr läuft zu verschwinden. Popkultur macht sie unsterblich, aber auch eintöniger, je öfter man sie kopiert.

Deswegen sticht die legendär schlechte 7. Episode aus Staffel 2 aus dem Gesamtbild von Stranger Things heraus. Durch Elevens Trip in die große Stadt wird die hermetisch abgeriegelte Klonwelt aus 80er-Klassikern aufgebrochen und erweitert um einen Ort, an dem niemand glaubhaft atmet, isst oder schläft. Dass die nostalgische Nachbildung der US-Vorstadt in den 80ern auch lebendiger erscheinen kann, zeigt beispielsweise Richard Kellys Donnie Darko.

Für ein paar Staffeln Unterhaltung bei Netflix genügt die treue Reproduktion und Variation besserer Vorbilder. Allerdings ging die 80er-Fixierung von Stranger Things und ähnlich gelagerten Produktionen auch schnell auf die Nerven. The Passengers of the Night kurbelt die Lust an der Nostalgie wieder an, weil sie hier anders aufgebaut wird.

The Passengers of the Night beginnt mit einer Zeitenwende für Frankreich und für eine Familie

Die Menschen stehen auf den Straßen und umarmen sich, Wein und Tränen fließen auf den Bürgersteigen von Paris. Sie feiern den Sieg von François Mitterrand. The Passengers of the Night ist kein sonderlich politischer Film, die Wahl des ersten linken Staatspräsidenten seit Jahrzehnten und die mit ihm verbundene Hoffnung setzen jedoch den Ton. Die Zeiten ändern sich.

An jenem Wahltag im Mai 1981 kommt Talulah (Noée Abita) nach Paris. Mit ihren großen dunklen Augen schaut die junge Frau in die neue Ära, was Mikhael Hers in einem der unvergesslichen Bilder des Kinojahres einfängt: Noée Abitas Gesicht schwebt über dem verästelten U-Bahn-Plan der Metropole. Unter Wangen und Lidern blinken die Linien farbenfroh, alle Richtungen stehen offen. Nur Talulahs Augen leuchten noch mehr. Das Banale, das Praktikable, dieser Plan eben, versprüht Magie. Auf einmal sehen die Haltestellen aus wie ein fremder Sternenhimmel, der zur Entdeckungsreise auffordert.

The Passengers of the Night

Talulah wird in Paris Abenteuer erleben, aber es werden auch schreckliche sein. Wie sie auf diese Stadt schaut, tat es wohl auch Élisabeth (Charlotte Gainsbourg), als sie zum ersten Mal nach Paris kam. Mittlerweile hat sie zwei Kinder und ein scheinbar geregeltes Leben. Doch auch für Élisabeth bricht eine neue Zeit an. Ihr Ehemann hat die Familie verlassen, die Kinder stehen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. Bald werden auch sie gehen. Was einmal ihre Vorstellung von der Zukunft war, existiert nicht mehr. Wenigstens gibt es die Gegenwart.

The Passengers of the Night steckt voller 80er-Nostalgie

Nostalgie wabert durch das zarte Familiendrama. Zeitgenössische Popmusik, Archivaufnahmen und sehnsuchtsvolle Einstellungen der gleichen Straßenzüge weben einen dichten Teppich von Eindrücken eines mittlerweile fernen Jahrzehnts. Wenn sich Élisabeths Kinder mit Talulah ins Kino stehlen und über Filme plaudern, referenziert Hers jene Popkultur, die ihn in seiner Jugend prägte. Nur handelt es sich dabei um Vollmondnächte von Eric Rohmer, statt Joe Dantes Explorers - Ein phantastisches Abenteuer.

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Im Unterschied zur gängigen 80er-Nostalgie geht die Sehnsucht in The Passengers of the Night nicht von der Oberfläche eines Jahrzehnts aus (Musik, Marken, Mode), sondern von seinen Molekülen: dem einzelnen Menschen. Hier wird nicht sklavisch reproduziert, sondern vielmehr ganz individuell neu belebt.

Élisabeth und ihre Familie erleben Dramen des Alltags. Durchaus schmerzhaft kann das werden, aber es ist keine Story mit herausgestellten Höhe- und Tiefpunkten. Mutter, Sohn und Tochter wohnen im (damals) ultramodernen Hochhausviertel Beaugrenelle im 15. Arrondissement. Sie haben sich diese paar Quadratmeter zu eigen gemacht. Wenn man hinausschaut aus den großen Fenstern, scheinen selbst die harten Fassaden gegenüber zu erweichen.

Aus diesen Menschen, aus der Wohnung, aus dem Viertel entfaltet sich das Paris der 80er in The Passengers of the Night. Nostalgisch aufgeladen ist es, aber dank seiner liebevoll gestalteten Figuren auch zeitlos.

Alles ändert sich im Verlauf des Films. Trotzdem bleibt ein derart klares Gefühl für eine Zeit, einen Ort, ein Zusammenleben, dass es direkt ins Herz sticht, sobald sich der Gedanke an dessen Verschwinden einschleicht.

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