The Party - Ein vernichtendes Zitat für jede Lebenslage

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Die Zynikerin und der Aromatherapeut: The Party
14.02.2017 - 18:30 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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The Party von Sally Potter ist der lustigste Film der bisherigen Berlinale und Thomas Arslan folgt in Helle Nächte entfremdeten Vätern und Söhnen nach Norwegen.

The Party von Sally Potter beinhaltet nichts Geringeres als die großartigste Pause, die ich vor dem Wort "German" in einem Film gehört habe. Patricia Clarksons Lippen entweicht die Stille. Sie ist gerade kurz genug, um sich in den Fluss der Dialoge einzuordnen und ausreichend lang, ein Jahrhundert der Affronts einzuklammern, persönliche, weltpolitische, sportliche, intellektuelle, geschmackliche. "Dieser... Deutsche" ist Bruno Ganz, bekanntlich Schweizer, der geborene Gottfried nichtsdestotrotz. "Kitzle einen Aromatherapeuten und du findest einen Faschisten", haut Clarksons April an anderer Stelle über Gottfried raus, und raushauen ist hier gar nicht mal umgangssprachlich gemeint. April produziert verbale Streubomben mit fordistischer Zuverlässigkeit. Sie und der Deutsche sind ein Paar. Natürlich. Eines der Gesünderen beim gemeinsamen Treffen zum Dinner, das auch Kristin Scott Thomas, Timothy Spall, Emily Mortimer, Cillian Murphy und Cherry Jones in messerscharfem Schwarz-Weiß versammelt. Halb Der Gott des Gemetzels, halb Wer hat Angst vor Virginia Woolf? mausert sich The Party zum bisher lustigsten Beitrag der Berlinale. Was fehlt, beim Festival und ganz allgemein im Leben: Ein YouTube-Kanal mit Reaction-Videos von Patricia Clarksons selbsternannter Zynikerin/Realistin April. Einfach mal mit den Wettbewerbsfilmen anfangen und das Ding läuft von selbst.

Befreit Gott des Gemetzels von allem überflüssigen Fett (und dem Cobbler) und lasst ihn ein paar Tage im giftigen Milieu der britischen Gesundheitspolitik durchziehen, dann habt ihr eine geschmackliche Vorstellung von The Party. Mit der Nähe zur Politik, den Geheimnissen, Krankheiten und lauernden Gewaltausbrüchen, liegt bei The Party der direkte Vergleich mit Oren Movermans The Dinner so nahe wie die Nasenspitze von Timothy Spall einer rotierenden Vinyl-Platte kommen kann. Wo die Figuren in The Dinner im Schwall über und aneinander vorbeireden, erreicht in The Party jede Spitze ihr Ziel. Fast jede, denn an Gottfried - meint man's gut, ein Spiritualist, meint man's ehrlich, ein Esotheriker - prallt alles ab. Bruno Ganz gibt das fast tumb ausgeglichene Auge des Sturms. Darum gruppiert Sally Potter Lügner, Betrüger, Heuchler, beste Freunde. Cillian Murphy beispielsweise surrt als koksender Bänkerheini von Küche zu Bad zum Hof, Line zu Line. Timothy Spalls Bill hat sein ganzes Leben der Karriere seiner Frau gewidmet. Pünktlich zum Höhenflug sitzt er zerstürzt im Wohnzimmer. Ein Klumpen Mensch? Eine Bombe kurz vorm Explodieren?

Allesamt spielen die Schauspieler in The Party dem gleißenden Deckenlicht entgegen. Das passt zum höchst unterhaltsamen, in seiner Kritik aber recht dünnen Stoff. 71 Minuten mögen wohl genau die richtige Länge vorgeben für einen Film, in dem der Niedergang der Demokratie genauso zum spritzigen Oneliner taugt wie fehlkalkulierte Politikerfrisuren. Neben offensichtlichen und oberflächlichen Freuden fällt The Party durch eine präzise Raumgestaltung auf, welche die Komödie dem zeitlich wie räumlich ausladenden The Dinner voraus hat. Ausgestattet mit einem begrenzten Handlungsort, kleinem Ensemble und Echtzeit-Ablauf, schichtet und schiebt Sally Potter Gesprächsfetzen, auf- und nebeneinander. Der Stoff hätte theaterhaft wirken können. Potter jedoch manövriert auf kleinstem Raum gekonnt zwischen ihren Partygästen und vermittelt stets den Eindruck, dass in einer anderen Ecke des Raumes, Hauses, Grundstücks gerade weiter getuschelt und gelogen wird. Bis, ja bis die klaustrophobische Stimmung nach einem Ventil verlangt.

Helle Nächte

The Dinner bleibt die nächste Wettbewerbsverwandtschaft von The Party. Die Programmplaner der Pressevorführungen wählten als Partner-Sichtung Helle Nächte von Thomas Arslan. Beide Filmemacher, Arslan und Potter, könnten kaum unterschliedlichere Strategien ausarbeiten. Der Wink des Festivals brachte sie unverhofft zusammen, Potters redseliges Ensembledrama in einem besseren Reihenhaus[1] und Arslans wortkarges Vater-Vater-Sohn-Drama vor dem Hintergrund norwegischer Berge. Der erste Vater verstirbt noch vor dem Einsetzen des Films. Michael (Georg Friedrich) nimmt es auf sich, die letzten Angelegenheiten seines entfremdeten Vaters abzuwickeln und nutzt den Trip nach Norwegen, um die Fehler seines Erzeugers nicht zu wiederholen. Mit seinem Sohn (Tristan Göbel) reist Michael in den spontanen Urlaub, an dessen Anfang eine Beerdigung liegt.

Wer mit der inhaltlichen Kargheit von Arslans Einwanderer-Abenteuer Gold und dem Gangsterfilm Im Schatten nichts anfangen kann, wird vermutlich auch von den taghellen Nächten im Norden Skandinaviens nicht erleuchtet werden. Der Road Trip von Vater und Sohn vollzieht sich oberflächlich gesehen ereignislos. Ein leerer Tank und die kurze Bekanntschaft im Bungalow nebenan zählen zu den klimaktischen Etappen der Handlung. Vielmehr dominieren in den ruhigen Einstellungen der Reise Michaels bemühte und mühevolle Versuche, mit seinem Sohn verspätet eine Beziehung aufzubauen. Die Herrschaften in The Party können kaum Luft schnappen im Wortgewitter. Für Michael erweist sich der smallste Small Talk als Hürde, aufgetürmt durch Jahre der Funkstille. Dabei lauert in den klaren, offenen Bildern der leeren Wälder und Straßen die Verflüchtigung. Vielleicht die Vorstellung, Michael könnte sich schlaflos umdrehen und sein Sohn wäre nicht nur ins Reich der Träume, sondern ganz verschwunden. Es ist ein Festhalten, am Sohn, an einer Familie, das sich im Drängen nach Norden, in den langen hypnotischen Fahrszenen über leere Landstraßen ausdrücken mag. In 71 Minuten von The Party reden, schreien, beleidigen und schlagen sich Geliebte und Freunde. In den 86 Minuten von Helle Nächte kann jede sekundenkurze Berührung seelenrettend sein.


[1] Kristin Scott Thomas' "Party" im Film dürfte Richtung Labour tendieren und in der Tat traue ich es ihrer Politikerin zu, das moderat große und auffällig heruntergelebte Haus aus politischem Kalkül zu bewohnen.

Hier geht's zum Berlinale-Kritikerspiegel von critic.de .

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