The Walking Dead - Staffel 8, Folge 16: Anbruch der neuen Welt

The Walking Dead - Staffel 8, Folge 16: Wrath
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The Walking Dead - Staffel 8, Folge 16: Wrath
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Nachdem letzte Woche die fünf Buchstaben Worth zum großen Leitmotiv vor dem Finale der 8. Staffel von The Walking Dead aufstiegen, haben sie sich zum Abschluss der All Out War-Storyline in ein ebenso knappes wie thematisch begleitendes Wrath verwandelt. Die Frage nach dem Wert des Menschen, dem Wert des Lebens weicht einer Meditation über den Zorn, der sich seit zwei Staffeln (und vermutlich noch viel länger) in den Gemütern zwischen Ricks (Andrew Lincoln) Gruppe und Negans (Jeffrey Dean Morgan) Gefolgschaft anstaut. Aus der Begegnung im stockdunklen Wald hat sich ein Konflikt geformt, der die Serie in den vergangenen Wochen genauso absehbar wie schockierend mit Leben füllte. Leben im Angesicht des Todes: Die Widersprüche konnte The Walking Dead schon immer gut vereinen. Ausgerechnet am Ende einer Staffel voller Blutvergießen regiert allerdings nicht der Tod, sondern das Leben.

Erinnerungen, die Menschen machen

Kein gewichtiger Figurentod erwartet uns in den nervenaufreibenden Minuten, bevor Gewissheit herrscht, wie es mit Negan und den Saviors weitergeht. Wenngleich das Spektakel trotzdem stattfindet, überzeugt Wrath gerade in den kleinen, heimlichen Momenten. Da wäre etwa gleich zu Beginn der unschuldige Flashback, der Carls (Chandler Riggs) Erinnerungen auch für uns Zuschauer (bildliche) Wirklichkeit werden lässt. War es zuletzt unserer Fantasie überlassen, die gemeinschaftlichen Vater-Sohn-Erlebnisse zu illustrieren, die inzwischen als letzte Stützpfeiler einer nahezu komplett zerstörten Welt fungieren, gestaltet Regisseur Greg Nicotero nun den Blick in die Vergangenheit mit einer zurückhaltenden Schönheit. Die Idylle steht dabei gar nicht im Vordergrund. Stattdessen ist es die völlig bedingungslose Zuneigung, versteckt in unscheinbaren Gesten, wie etwa dem beiläufigen Aufsetzen des Hutes, den Rick als Sheriff bei sich trägt.

Verspielt wirkt die Bewegung, von einer Endgültigkeit ist hier noch nichts zu vernehmen. Wenn sich Carl später zum ersten Mal selbst den Sheriff-Hut aufsetzt, ist das Gewicht ein ganz anderes und die Unschuld dieses Ausfluges in der nachmittäglichen Sonne längst vergessen. Faszinierend in diesem Flashback, der immer wieder aus der alles entscheidenden Konfrontation des Finales herausreißt, ist die Inszenierung der Umgebung: Wäre da nicht dieses beruhigende Grundvertrauen, das Greg Nicotero den Figuren gewährt, könnte dieser Ausschnitt genauso aus der bitteren Gegenwart von The Walking Dead stammen, was einmal mehr untermauert, dass es der Mensch ist, der sich - in dieser Einstellung sprichwörtlich - im Zentrum befindet und sich gewandelt hat. Gewandelt in die Bestie, die er zu bekämpfen versucht. Gewandelt in das unberechenbare Übel, das nicht mehr zwischen Gut und Böse unterschieden kann, weil es sich nicht erinnern kann.

Gnade, die den Zorn überwiegt

Wenig verwunderlich ist es also, dass Carls Briefe, die voller Erinnerungen an den eingangs erwähnten Wert des Menschen und des Lebens sprühten, bei Rick und Negan dermaßen krasse, wenn auch gegensätzliche Reaktionen provoziert haben. Wo der eine wieder gewillt ist, zu reden, nachdem er zuvor immer tiefer in das Labyrinth der Vergeltung eingedrungen ist, unterdrückt der andere den letzten Funken Menschlichkeit, um in verzweifelter wie zerstörerischer Tat die Asche heraufzubeschwören, aus der er als Schöpfer eine neue Welt schaffen kann. Dieser radikale Neuanfang ist allerdings nicht möglich - eine Lektion, die Rick gelernt hat. Niemand stolpert einfach in die nächste Welt, sondern muss diese aus Scherben der alten behutsam und geduldig zusammensetzen. Das, was danach kommt, schlummert bereits seit einigen Wochen im Inneren von The Walking Dead. Mit Wrath ist diese Ära (inklusive der damit einhergehenden Ungewissheit) endlich angebrochen.

"My mercy prevails over my wrath." Die Überwindung, die es braucht, um das unlängst etablierte Credo tatsächlich zu befolgen, ist deutlich in Ricks Augen zu sehen. Es sind die gleichen gequollenen, rot unterlaufenen Augen, mit denen Rick nach den verheerenden Ereignissen Midseason-Finales an einem Baum lehnte und fassungslos in die Leere starrte. Wrath komplettiert den damals kryptischen, wenn auch nicht weniger ergreifenden Moment und schafft dabei vor allem ein Gefühl für das Keuchen, das Rick mit gesamter Kraft zu unterdrücken versucht, und die Erlösung, die sich kurz darauf wie nach einer anstrengenden Wanderung beim Erreichen des Gipfels einstellt. Eben noch haben sich er und Negan mit Fäusten geschlagen, nachdem die von Eugene (Josh McDermitt) manipulierten Kugeln die Übermacht des Feindes gebrochen haben. Der Schnitt durch die Kehle erfolgt ebenso roh, brutal und entschlossen.

Gespaltene Vorstellung der neuen Welt

So endgültig wie erwartet war der Schnitt trotzdem nicht. Zwar spritzt das Blut und Negan muss einsehen, dass er nach all den Lügen und Intrigen schlussendlich auch von Rick in einem ungedeckten Augenblick erwischt und besiegt wurde. Nach einer Episode, in der jeder darauf fokussiert ist, nicht in den Hinterhalt des anderen zu tappen, schlägt sich die Ironie des Schicksals zum Schluss auf Negans Seite - ausgerechnet in Form eines zehnsekündigen Elevator Pitchs. Verschnaufen will The Walking Dead an diesem Punkt trotzdem nicht. Im Gegenteil: Kaum lassen die Saviors ihre Waffen fallen, sodass der lang ersehnte Frieden in greifbare Nähe rückt, wird die Erde von einem weiteren Vertrauensbruch erschüttert und Maggie (Lauren Cohan) beklagt all die Verluste, die sie einstecken musste, mit bebenden Schreien. Rick will Negan am Leben lassen - als Teil und Fundament der Welt, von der Carl geträumt hat, wenn er sie auch nie erleben wird.

Während der Geist der Versöhnung an vielen verschiedenen Orten im Finale weht, wird Maggie nicht müde, in der Gegenwart von Jesus (Tom Payne) und Daryl (Norman Reedus) ihre Missgunst hinsichtlich Ricks Entscheidung kundzutun. Das letzte Mal, als die beiden Anführer aufeinandertrafen, waren sie hinsichtlich ihrer konkreten Methoden und Entscheidungen zwar nicht zwangläufig d'accord. Vereint wurden sie allerdings von gemeinsamen Wunsch, Negan zu töten. Wo Carls Brief auf der eine Seite Wunder in puncto Menschlichkeit wirkte, reißt er auf der anderen Seite einen gewaltigen, unerwarteten und erschreckenden Graben auf. Nach acht Staffeln spaltet sich Ricks Gruppe und die ältesten Verbündeten gehen getrennte Wege. Dieses Mal werden sie allerdings nicht von einem Bösewicht auseinandergetrieben, sondern von sich selbst. Bei all dem Leben, das gewinnt, hinterlässt dieser Schluss ein dennoch unangenehmes Gefühl.

Die 8. Staffel von The Walking Dead wird sonntags in den USA auf AMC ausgestrahlt und ist hierzulande einen Tag später auf FOX und über Sky Ticket zu sehen. Unsere Besprechungen der einzelnen Folgen gibt es auch als Live-Stream und Podcast.

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