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Wie Regisseur Xavier Dolan die Gefühle seiner Figuren vermittelt

Xavier Dolan in Herzensbrecher
© Kool/Filmagentinnen
Xavier Dolan in Herzensbrecher
21.05.2017 - 09:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Mit 28 Jahren hat es Xavier Dolan als jüngster Kandidat in unsere Liste der besten 250 Regisseure auf Platz 21 geschafft. Deshalb nehmen wir einen der vielversprechendsten Jung-Regisseure genauer unter die Lupe.

Xavier Dolans erster, autobiographisch geprägter Film I Killed My Mother feierte 2009 in Cannes Premiere. Dolan war erst kurz zuvor Zwanzig geworden und drehte den Film ohne jegliche Regie-Erfahrung. Ein Jahr später untermauerte er mit Herzensbrecher den ihm vorauseilenden Ruf als autodidaktischer Auteur, als er als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Darsteller, Cutter und Kostümdesigner des Films nach Cannes zurückkehrte. Und auch seine darauffolgenden Filme Laurence Anyways und Sag nicht, wer du bist waren nicht weniger eindrucksvoll und schafften es auf wichtige Filmfestivals - bis auf letzteren feierten alle seine bisherigen Filme ihre Premiere in Cannes. Dort wurde er 2014 für seinen fünften Film Mommy mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet und vereinte daraufhin die Crème de la Crème der französischen Schauspielgarde, um Einfach das Ende der Welt zu drehen.

Xavier Dolan sticht aus einem immer größer werdenden Meer an Filmemachern heraus, da es ihm beispiellos gelingt, die Emotionen seiner Figuren dem Zuschauer zu vermitteln. Die Welt eines jeden Menschen wird durch das, was er sieht, hört und fühlt bestimmt. Die ersten beiden Sinneseindrücke sind vergleichsweise einfach als Filmemacher darzustellen, da dafür mit Bild und Ton die Grundwerkzeuge des Films zur Verfügung stehen. Doch wie vermittelt man in einem audiovisuellen Medium Gefühle? Am besten mit allen Mitteln, die man hat, und ein paar Kunstgriffen, lehrt uns Xavier Dolan. In einer Arte-Doku  wurde Dolans Art des Filmemachens wie folgt beschrieben: "Wie ein Anthropologe der Gefühle, erforscht Xavier Dolan in seinen Filmen immer neue Gefühle der Liebe."

Monia Chokri in Herzensbrecher

Xavier Dolan als "Anthropologe der Gefühle" seiner Zeit

Xavier Dolan beschäftigt sich in seinen Filmen mit der Frage, ob es Liebe ohne Leid geben kann. Er thematisiert den Kampf des Einzelnen in einer Zeit der allgegenwärtigen Pop- und Massenkultur. Er zeigt die innere Leere und Orientierungslosigkeit, die durch den Überfluss der Möglichkeiten in der heutigen Welt entsteht und wird so zu einer Art Anthropologe seiner Generation. Sein Gespür für Dialoge ist hervorragend, sie sind authentisch, treffen perfekt den Zeitgeist und er reiht sie mit einer beeindruckenden Leichtigkeit aneinander. In Herzensbrecher blickt er hinter die Kulissen des oberflächlichen Posertums und der damit scheinbar einhergehenden Kontrolle, indem er die inneren Selbstzweifel, von denen seine jugendlichen Figuren insgeheim geplagt werden, offenlegt.

Seine Figuren geben vor, sich "mit 'ner Freundin" zum Kochen zu treffen, wenn sie gerade ein schickliche Ausrede brauchen. Sie gehen in surreale Theaterstücke, um anschließend über sie lästern zu können. Sie benutzen dabei gekünstelte Wörter wie "manichäisch" ohne genau zu wissen, was diese eigentlich bedeuten, um ihren Intellekt herauszustellen. Doch ihrem öffentlichen Gepose zum Trotz strotzen sie vor Selbstzweifeln und Unsicherheit und machen deshalb wie Francis (Xavier Dolan) jedes Mal einen Strich an die Wand unter ihren Badezimmerspiegel, wenn sie von einem anderen Menschen abgelehnt wurden, wie es Robinson Crusoe für jeden Tag, den er einsam auf seiner Insel verbracht hat, gemacht hat. Eine andere Figur im Film offenbart über ihre Chatverhalten: "Ich sage mir, wenn jedes Mal einer sterben würde, wenn ich auf aktualisieren klicke, dann wäre ich ganz schön allein auf diesem Planeten!"

Melvil Poupaud in Laurence Anyways

Xavier Dolans Darstellung von Gefühlswelten mit atmosphärischen Musiksequenzen

Von einer klassischen Dialogszene in die nächste leitet Xavier Dolan gerne galant mit musikuntermalten Sequenzen über, die die Gefühle seiner Figuren ohne Worte vermitteln. Diese sind das wohl charakteristischste Merkmal seiner Filme. Er geht in diesen von der durch ein Lied vermittelten Stimmung aus, seine dafür getroffene Auswahl reicht von einfühlsamen Klavierstücken von Beethoven und Einaudi über melancholische Frauenstimmen von Dalida und Lana Del Rey bis hinzu opulenten, synthetischen Klängen von Visage und Moderat. Er nimmt diese als Grundlage für Szenen, in denen er durch die Abwesenheit von Worten auf das, was sie gerade fühlen, fokussiert.

In einer Szene in I Killed My Mother  verwendet er dazu Noir Désir  der hervorragenden Band Vive la Fête. Das Lied beginnt ruhig, der pochende Beat schlägt im Takt des Herzschlages, Hubert (Xavier Dolan) fängt mit einem Freund ein Dripping im Stile Jackson Pollocks an. Die beiden beginnen, behäbig Farbe auf die Wand zu drippen, doch nähern sich dabei an und werden immer leidenschaftlicher bei ihrer Aktion und so wird die Wand passend zum immer schneller werden musikalischen Rhythmus immer voller. Als die Musik eskaliert, die Stimmbänder der Sängerin bei den hohen Tonlagen zu zerreißen drohen, fallen die beiden in ihrer immer weiter gesteigerten Ekstase übereinander her, die schneller werdende Musik veranschaulicht hier den intensiver werdenden Gefühlszustand der Figuren.

Dolan untermalt dabei nicht nur wie üblich seine Szenen mit atmosphärischer Musik, sondern er passt bei diesen Musiksequenzen seinen Schnittrhythmus an den Takt der Stücke an und verwendet dabei eine tiefer zusammenhängende Chiffre, die durch das Zusammenspiel des gezeigten Bildes und des gespielten Musikstücks entsteht. Am auffälligsten sind dabei die gedanklichen Assoziationen seiner Figuren, die er einfach als Zwischenbilder mitten in diese Sequenzen hineinschneidet, so zum Beispiel in Herzensbrecher bei einer Party-Szene, als er zu Pass This On von The Knife passenderweise in einen fließenden Wechsel, der durch das vom Stroboskop-Licht ausgelöste Lichtflimmern entsteht, die Statue eines griechischen Gottes als Symbol für die Vorstellung einer Figur von einer Anderen schneidet.

Xavier Dolans metaphorische Bilder im Bild

Xavier Dolan benutzt über Dialoge und musikuntermalte Sequenzen hinaus auch noch metaphorische Bilder im Bild, die die Gefühle seiner Figuren offenbaren. In einer Szene in Herzensbrecher versucht Marie (Monia Chokri) aufgebracht ein Streichholz anzünden, früher im Film hat sie erklärt, dass sie das zur Beruhigung bracht. Das gescheiterte Anzünden ihrer Zigarette spiegelt ihre Gefühle auf einer subtilen Ebene wider. Sie hatte gerade Nicolas (Niels Schneider) wiedergetroffen, dem sie zuvor einen reizenden Liebesbrief geschrieben hatte, und bekam nun trotz offener Konfrontation immer noch keine Reaktion darauf von ihm.

Auch auf rein technischer Ebene ist Dolan innovativ und experimentiert gerne, um den gewünschten Effekt herbeizuführen. Sein ausgezeichnetes Mutter-Sohn-Drama Mommy drehte er im 1:1-Format, um eine gesteigerte Intimität zu schaffen. Er bezeichnet es  als ein hervorragendes Format für Nahaufnahmen von Gesichtern, da dieses sich auf die Gesichter der aufgenommenen Menschen fokussiert, indem der Betrachter nicht von dem, was links und rechts beim gewöhnlichen Breitbildformat zu sehen wäre, abgelenkt wird.

Antoine-Olivier Pilon in Mommy

Mit seinen 28 Jahren hat Xavier Dolan bereits sechs eindrucksvolle Filme gedreht und ist durch diese zu einem der interessantesten Filmemacher seiner Zeit geworden. Er gesteht öffentlich Fehler bei seinen ersten Filmen ein und erklärt , dass er ständig dazulerne - auch, wenn er diese Phrase schon abgedroschen findet:

Aber es ist wahr. Ich bin [ständig am Lernen]. Ich weiß, dass ich technisch noch ein Anfänger bin, und das macht mir Angst. Aber ich bin ein Tüftler, ich lerne schnell, ich bin leidenschaftlich und neugierig.

Und so dürfen wir uns auf eine glorreiche Zukunft des hingebungsvollen Filmemachers freuen.

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