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Zum Tod von Regisseur Mike Nichols

21.11.2014 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Bild zu Zum Tod von Regisseur Mike Nichols
© STUDIOCANAL/Arthaus
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Der große Hollywood-Regisseur Mike Nichols verewigte sich bereits mit seinen ersten drei Filmen in den Filmgeschichtsbüchern und offenbarte nicht nur als Erzähler ein Gespür für den Zeitgeist, sondern ebenso in der Auswahl der Orte für seine Geschichten.

Wer heutzutage als junger Filmemacher ein gelungenes Spielfilmdebüt feiert und es sogar vermag, einen vergleichbar erfolgreichen Nachfolger zu produzieren, der kann sich berechtigte Hoffnungen machen, vor dem Beginn einer großen und langen Karriere zu stehen. Zwei gute Filme nacheinander öffnen schließlich viele Türen, können zum Beispiel den Weg nach Hollywood weisen und viel Spielraum für eine dritte ambitionierte Arbeit bedeuten. Hätte der Film- und Theaterregisseur Mike Nichols, der 1931 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren wurde, heute und nicht am Vorabend von New Hollywood seine ersten Filme gedreht, er würde wohl als eine, wenn nicht sogar als die große Nummer im Filmgeschäft gelten - wahrscheinlich noch vor dem allseits gefeierten Steve McQueen (Hunger, Shame, 12 Years a Slave). Denn welcher Regisseur kann schon von sich behaupten, mit seinen ersten drei überaus erfolgreichen Filmen auf sämtlichen Listen der besten Filme aller Zeiten aufzutauchen?

Dass Mike Nichols trotz seines fulminanten Einstiegs ins Filmgeschäft und frühen Oscar-Erfolgen nicht die Strahlkraft von Kollegen wie Martin Scorsese erreicht hat, mag vor diesem Hintergrund verwundern. Einer der Gründe könnte sein, dass seine ersten Filme zu einer Zeit entstanden, als das amerikanische Kino sich gewissermaßen neu erfand und die Kino-Dominatoren George Lucas, Steven Spielberg und Francis Ford Coppola mit aller Macht in Erscheinung traten. Im Gegensatz zu deren Arbeiten zeichnen sich Nichols' Filme vor allem dadurch aus, dass sie in hohem Maße dem Zeitgeist verhaftet sind, in dem sie entstanden sind.

Seinen hochgelobten Debütfilm Wer hat Angst vor Virginia Woolf? von 1966 hätte er vermutlich ein paar Jahre später in dieser Form nicht mehr realisieren können. Es ist ein Film vor den "68ern", die damals teuerste Produktion des Jahres, mit dem Real-Life-Ehepaar Elizabeth Taylor und Richard Burton als alterndes, hassliebendes Akademiker-Pärchen in der Hauptrolle. Nur ein Jahr später folgte bereits die beliebte Sozialsatire Die Reifeprüfung, die bis heute als Kultfilm der 68er-Generation gilt und den damals noch unbekannten Dustin Hoffman mit einem Schlag in Hollywood etablierte. 1970 erschien dann Nichols' Antikriegsfilm Catch-22 - Der böse Trick, nach dem Bestseller von Joseph Heller. Ein damals wie heute kontrovers diskutierter Film, der nicht mehr viel mit der hoffnungsvollen Botschaft seines Vorgängers zu tun hatte und erneut sein Gespür für den Zeitgeist offenbarte. Nichols legte nicht zuletzt mit dieser eindrucksvollen Reihe an Filmen den Grundstein dafür, mit den größten Stars in Hollywood zusammenarbeiten zu können. Meryl Streep (Silkwood) und Jack Nicholson (Wolf - Das Tier im Manne) tauchten wiederholt in seinen Filmen auf. Auch Harrison Ford (In Sachen Henry), Philip Seymour Hoffman und Tom Hanks (Der Krieg des Charlie Wilson) ließen es sich nicht entgehen, mit Nichols zu drehen.

Trotz dieser mal mehr und mal weniger gelungenen Werke lag seine eigentliche Kunst wohl in seiner Vielseitigkeit und seinem Gespür für den richtigen Ort für seine Geschichten. Neben dem Filmemachen engagierte sich Mike Nichols auch immer wieder am Broadway, wo er schon vor seiner Filmkarriere für seine Inszenierungen gefeiert worden war. Und auch das Fernsehen beglückte er zu Beginn der 2000er mit zwei eindrucksvollen Produktionen. Das Krebsdrama Wit sowie die zweiteilige, 352 Minuten lange TV-Mini-Serie Engel in Amerika, nach einem Stück von Tony Kushner (München, Lincoln), werden nicht selten als wahre TV-Sternstunden bezeichnet. Mit diesen HBO-Produktionen gewann Mike Nichols nicht nur zahlreiche Preise, sondern bereitete gewissermaßen auch den Weg für eine neue, anspruchsvollere Art des Fernsehens. Nachdem er drei Jahrzehnte zuvor mit drei Filmen das Kino erobert hatte, war Mike Nichols erneut mit drei abendfüllenden Geschichten zur richtigen Zeit am richtigen Ort präsent. Er war somit einer der ganz wenigen Regisseure, die sowohl dem Theater als auch dem Kino und dem Fernsehen ihren Stempel aufdrückten. An diesem Mittwoch ist Mike Nichols im Alter von 83 Jahren gestorben.

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