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1940 - China Nights birgt politischen Sprengstoff

20.05.2013 - 08:50 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
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China Nights
China Nights
Der Film China Nights ist in Europa beinahe völlig unbekannt. Dabei befeuerte er 1940 den Konflikt zwischen den verfeindeten Staaten China und Japan.

Es ist nicht schwer, sich heute Wissen über die internationale Filmgeschichte anzueignen. Namen von Klassikern wie Casablanca, Vom Winde verweht oder Citizen Kane sind in das kollektive Gedächtnis eingegangen, Literatur en masse existiert über die Filme, die wir uns in unserem Leben unbedingt zu Gemüte führen sollten und vor allem das Internet erleichtert die Recherche natürlich ungemein. Und trotzdem ist es umso schwerer, das eigene Interesse fortzusetzen und auch über den Tellerrand des omnipräsenten Hollywoods hinwegzublicken. Es fehlen einfach prominent platzierte Hinweise auf so manchen spannenden Aspekt der Filmgeschichte. Wer zum Beispiel hat schon einmal von der Brisanz des Filmes China Nights gehört? Oder auch nur von der Existenz des Streifens?

Frau zwischen zwei Nationen
Eine Kommilitonin schrieb eine Hausarbeit zum Thema, sonst hätte auch ich bis heute noch kein einziges Mal von China Nights gehört; einem Film aus dem Jahre 1940, der den damals tiefsitzenden Konflikt zwischen den Staaten Japan und China noch verschärfte. Dabei war schon seine Hauptdarstellerin ein Beispiel für gelebte Transkulturalität.

Als Tochter japanischer Eltern lernte die kleine Yoshiko Otaka schon früh Mandarin und lebte als junge Frau in der chinesischen Hauptstadt Peking, wo sie ihre Stimme in zahlreichen Gesangsstunden zum Sopran ausbildete. Ihr Debüt als Schauspielerin feierte sie schließlich unter dem chinesischen Künstlernamen Li Xianglan im Film Honeymoon Express aus dem Jahre 1938. Schon seit langem war eine Schauspielerin gesucht worden, die sowohl Japanisch als auch Mandarin beherrschte, und so avancierte die junge Frau nicht nur zu einem gefeierten Star, sondern auch zu einer Botschafterin des Wohlwollens zwischen Japan und der Mandschurei.

Ein Film befeuert die politische Kontroverse
Der Zweite Japapanisch-Chinesische Krieg, bei dem die Japaner eine Invasion in China begannen, ist vom 07. Juli 1937 bis auf den 09. September 1945 datiert, und so fiel die Produktion des Films China Nights, teilweise auch bekannt unter dem Namen Shanghai Nights, in exakt diese schwierige Phase. Yoshiko spielte darin unter ihrem chinesischen Pseudonym Li Xianglan eine junge Frau aus Shanghai, die sich trotz extremer Vorbehalte gegen Japan in einen Mann aus dem feindlichen Staat verliebte.

Allein dieser Inhalt barg politischen Sprengstoff, doch ganz besonders eine bestimmte Szene erregte den Ärger des Publikums: darin ließ sich die Chinesin von dem Japaner schlagen, reagierte darauf jedoch nicht etwa mit Hass, sondern mit aufrichtiger Dankbarkeit. Für die chinesischen Zuschauer kam diese Sequenz einem Affront gleich, interpretierten sie doch Yoshikos Figur als ein Symbol für Entwürdigung und Minderwertigkeit.

Nach dem Krieg bleibt ein Lied vom Frieden
Brisanterweise hielt Yoshiko bis zu diesem Zeitpunkt ihre japanische Identität geheim, und auch als wütende Reporter sie einige Jahre später in Shanghai mit den Vorwürfen konfrontierten, entschuldigte sie sich nur mit dem Hinweis, zum Zeitpunkt des Drehs noch jung und unerfahren gewesen zu sein. Die japanische Presse war es schließlich, die die doppelte nationale Identität von Yoshiko Otaka/Li Xianglan aufdeckte, als sie im Land unter ihrem chinesischen Pseudonym auftrat.

Die wechselvolle Geschichte der multitalentierten Schauspielerin war damit jedoch noch lange nicht beendet. So schaffte sie es trotz jahrelanger politischer Verwicklungen und sogar Verhaftungen, nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine Karriere in Hongkong, aber auch in Hollywood einzuläuten. Unter dem Bühnenpseudonym Shirley Yamaguchi trat sie in amerikanischen Produktionen wie Japanese War Bride oder Tokio-Story auf, spielte unter Akira Kurosawa in Skandal und erhielt wegen ihrer klaren Stimme sogar den Spitznamen Judy Garland Japans.

Bis heute ist ihr klassischer Song mit dem Titel “Suzhou Serenade” aus China Nights auf dem chinesischen Festland verboten. Dafür wurde aber das Lied „Shina No Yoru“, das Yoshiko Otaka zu Beginn des Films mit zarter Stimme singt, zu einem beliebten Friedenslied, das in seiner Originalfassung sogar auf Youtube zu hören ist. Japaner wie Chinesen sangen es, und sogar die US-Soldaten im Koreakrieg brachten noch Aufnahmen des Titelsongs mit nach Hause. „Forever I will remember / even after we separated / ah, China Night / a dream night”, singt Yoshiko darin, und bringt die Beziehung der verfeindeten Staaten damit auf den Punkt.

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1940 bewegte:

Drei Filmleute, die geboren sind
04. Februar 1940 – George A. Romero, Zombieregisseur von Die Nacht der lebenden Toten
10. März 1940 – Es ist nicht möglich, dass Chuck Norris einen sterblichen Vater hat. Die plausibelste Theorie über seinen Vater ist, dass Chuck Norris in der Zeit zurückgereist ist und sich selbst gezeugt hat.
25. April 1940 – Al Pacino, Vitos Jüngster in Der Pate

Drei Filmleute, die gestorben sind
25. Mai 1940 – Joseph De Grasse, Regisseur und Gründungsmitglied der Motion Picture Directors Association
20. Juni 1940 – Charley Chase, Komödien-Pionier aus Das Haus der tausend Freuden
02. Juli 1940 – Guido Seeber, Kameramann und Gründerväter des Filmstudios Babelsberg

Die großen Festival- und Award-Sieger waren unter anderem
Oscars – Vom Winde verweht von Victor Fleming (Bester Film, Regisseur, Hauptdarstellerin, Nebendarstellerin)
Venedig – Der Postmeister von Gustav Ucicky (Bester ausländischer Film)
New York Film Critics Circle Award – Früchte des Zorns von John Ford

Die drei kommerziell erfolgreichsten Filme
Pinocchio von Walt Disney
Fantasia von Walt Disney
Rebecca von Alfred Hitchcock

Drei wichtige Ereignisse der Filmwelt
03. April bis 19. Mai 1940 – Massaker von Katyn
15. Mai 1940 – Eröffnung des ersten McDonald’s-Rastaurants in San Bernardino, Kalifornien
Wegen des Krieges finden keine Olympischen Spiele statt

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