Black Mirror - Staffel 3, Episode 1 im Recap

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Black Mirror mit Bryce Dallas Howard in Nosedive (Staffel 3, Episode 1)
21.10.2016 - 11:30 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Nosedive, die 1. Episode der 3. Staffel von Black Mirror, taucht ein in den Social-Media-Wahnsinn unserer Zeit und spielt das Gedankenspiel weiter. Regisseur Joe Wright hat mit seinem Autorenteam Michael Schur & Rashida Jones einen Volltreffer gelandet!

Ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Episoden von Black Mirror zieht, ist das Streben nach einer einwandfreien Wahrnehmung der eigenen Person. Stets geben sich die zentralen Figuren der einzelnen Episoden sehr viel Mühe, um ihre menschliche, zerbrechliche und, ja, sogar hässliche Seite zu verbergen. Dabei geht es ebenso oft darum, einem Ideal nachzueifern und bloß nicht die Wahrheit ans Licht kommen zulassen. Die 1. Episode der 3. Staffel schließt nahtlos an dieses Motiv an und treibt es mit ihrer perfekt designten Welt geradezu auf die Spitze: Nosedive wirkt, als hätte sich die Vorstadtidylle aus Tim Burtons Edward mit den Scherenhänden in die Utopie/Dystopie von Spike Jonze' Her verirrt - inklusive Pastelltönen, wie sie Sofia Coppola in The Bling Ring nicht besser hätte inszenieren können.

Angesiedelt in einer gar nicht allzu fernen Zukunft verschlägt es Lacie (Bryce Dallas Howard) jeden Tag in den frühen Morgenstunden zum Joggen auf die Straße. Frohen Mutes bahnt sie sich ihren Weg durch die Nachbarschaft und grüßt vorbeilaufende Passanten. Alle wirken super freundlich und haben nur die positivsten Worte füreinander übrig. Sich bei diesem übertrieben euphorischen Austausch ins Gesicht zu schauen, kommt jedoch überhaupt nicht in Frage. Dazu sind die Menschen - auch Lacie - zu sehr damit beschäftigt, die Aktivität auf einer omnipräsenten Social-Media-Plattform zu checken. Durch ein technisches Gerät, das sich direkt auf der Netzhaut befindet, wird jede Person, der Lacie über den Weg läuft, direkt auf ihr Smartphone übertragen, wo die Begegnung im Anschluss auf einer Skala von eins bis fünf bewertet werden kann. Großzügig vergibt Lacie die volle Punktzahl - in der Hoffnung, diese ebenfalls zurückzubekommen.

Bryce Dallas Howard in Nosedive

Mit viel Hingabe zum Detail inszeniert Wer ist Hanna?-Regisseur Joe Wright die absolute Perversion des Social-Media-Rauschs unserer Zeit. Basierend auf einer Geschichte von Black Mirror-Schöpfer Charlie Brooker hat das Drehbuchautoren-Duo Rashida Jones und Michael Schur ein spannendes Gedankenspiel geschaffen, das den Like-Gedanken um ein paar Ecken weiterdenkt. In Nosedive kommt es nicht nur darauf an, möglichst viele Freunde auf Facebook zu haben oder durch den idealen Filter die Kommentare unter dem neusten Instagram-Post zum Überquellen zu bringen. Nein, in Nosedive sind all diese Dinge unlängst eine Notwendigkeit geworden, um überhaupt am sozialen Leben teilnehmen zu können. Eine Klassengesellschaft, die sich über ihre Bewertung im sozialen Netzwerk definiert: Wer hier eine "Sub-three" ist, hat eigentlich schon verloren - im Extremfall kann eine einzige Nachkommastelle darüber entscheiden, ob du heute überhaupt durch die Fahrstuhltür auf Arbeit kannst oder nicht.

Lacie hat jedoch nichts zu befürchten: Sie ist eine 4.2 und somit stehen ihr die meisten Türen offen. Trotzdem ist sie unzufrieden und investiert all ihre Bemühungen in den täglichen Kontakt mit anderen Menschen - sogar einen persönlichen Berater hat sie sich zur Seite geholt, der regelmäßig ihre sozialen Interaktionen auswertet und stets einen guten Rat auf Lager hat. So auch, als Lacie einen Boost für den Kauf ihrer Traumwohnung benötigt. Eine 4.5 ist die Mindestanforderung. 18 Monate würde der Aufstieg unter Berücksichtigung eines organischen Wachstums dauern. So lange will und kann Lacie allerdings nicht warten - sie braucht einen Boost, den sie nur durch "Upvotes from quality people" bekommt. Ausgerechnet in diesem Moment erhält Lacie einen Anruf ihrer ältesten Freundin, Naomi Jayne Blestow (Alice Eve), einer stolzen 4.8 - sprich: dem absoluten Überflieger in einer Gesellschaft wie dieser.

Naomi meldet sich nach einer gefühlten Ewigkeit der Funkstille, um ihre ehemals beste Freundin darüber zu informieren, dass sie in Bälde heiraten wird. Die Vorbereitungen sind bereits in vollem Gange. Jetzt fehlt nur noch eine Trauzeugin, und da hat sie an Lacie gedacht. Ohne mit der Wimper zu zucken gibt Lacie ihre Zusage - immerhin setzt sich die Gästeliste hauptsächlich aus High-Profile-Menschen zusammen. Vor ihrem geistigen Auge kann sie die massigen Upvotes nach ihrer Rede schon auf ihrem Profil sehen. Und das, obwohl ihre Freundschaft mit Naomi alles andere als gute Erinnerungen hinterlassen hat. Spätestens an diesem Punkt schöpft Nosedive das komplette Potential der überspitzen Prämisse aus: Nichts mehr funktioniert in dieser Welt ohne (Selbst-)Täuschung. Ständig müssen sich die Menschen in oberflächlichen Smalltalks anlügen und ignorieren die eigentlichen Probleme ihrer zwischenmenschlichen Kontakte.

"Authentic gestures - that's the key", bekommt Lacie von ihrem Berater als letzten Tipp mit auf den Weg. Zuversichtlich nickt sie, als hätte sie soeben tatsächlich eine hilfreiche Information erhalten. Von authentischem Verhalten kann jedoch zu keiner Sekunde die Rede sein, wenn man sich ständig verbiegen muss, um seinen Status zu beweisen. Am Ende dieser anstregenden, kräftezehrenden Künstlichkeit bleibt allerdings lediglich die Angst, von anderen Menschen schlecht bewertet zu werden. Keine Begegnung bleibt ohne Folgen, bleibt ohne Verurteilung. Rutscht jemandem ein unangebrachtes Wort heraus, kann die Bewertung gleich einen ganzen Punkt tiefer ausfallen - selbst das Sicherheitspersonal am Flughafen betrachtet den (temporären) Punkteabzug als angemessene Bestrafung. Selbst, wenn man sich sein ganzes Leben lang bemüht hat, nach diesen unerbittlichen Regeln zu spielen, kann eine einzige Nachlässigkeit binnen weniger Minuten zum Verlust aller Stufen führen. Was ist das für 1 life?

Bryce Dallas Howard in Nosedive

Diese Frage stellen sich nur sehr wenige Menschen in Nosedive. Lacies Bruder ist einer der wenigen, die sich nichts aus dem Bewertungssystem machen. "Good luck with your performance", antwortet er spöttisch, als Lacie das Haus verlässt, und sich auf den Weg zu Naomis Hochzeit macht. Das Hinterfragen hat jedoch seinen Preis - nach und nach findet trotzdem ein Umdenken statt. Sowohl bei den Figuren im Film als auch in der Inszenierung wird es langsam, aber sicher sichtbar. Wo anfangs noch beruhigendes Klavierspiel die vorgetäuschte Idylle sekundierte, wendet sich Joe Wright irgendwann von den perfekten Farben und Formen ab, indem er Lacie sprichwörtlich in einen Haufen Matsch und Schlamm stürzen lässt. Aber dieses Zusammenspiel der inhaltlichen wie formellen Ebene zeichnet Nosedive besonders aus. Ähnlich, wie es bereits bei vorherigen Black Mirror-Episoden der Fall war, profitieren beide Ebenen extrem voneinander und nie gewinnen Theorie und These.

"Fuuuuuuuuck youuuuuuuu", brüllt Lacie am Ende einem vollkommen fremden Menschen ins Gesicht, und dieser macht keinen Anstand, um mit einer vergleichbaren Beleidigung zu entgegnen. Völlig entgeistert, aber irgendwie auch erlöst ob der unberechenbaren Reaktion, verliert sich Lacie in Gedanken. Sie ringt nach weiteren Worten, nach weiteren Schimpfworten. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint es fast so, als würde ihre die Puste ausgehen, bis die Erinnerung an die echte Welt wieder einsetzt. Zwar mag die zentrale Erkenntnis, dass Glück nichts mit dem eigenen Status quo in der Gesellschaft zu tun hat, kein grundlegend innovativer Gedankengang sein. Dennoch schließt Nosedive in seinen finalen Atemzügen mit einer hoffnungsvollen Note und beweist einmal mehr, welches Potential sich im Black Mirror-Konzept verbirgt, das im besten Fall zu gleichermaßen nachdenklichen wie berührenden Geschichten in der Lage ist.

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