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Kindsköpfe 2, der beste Film des Kinosommers

Kindsköpfe 2
© Sony Pictures
Kindsköpfe 2
19.07.2013 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Mit der Fortsetzung von Kindsköpfe setzt Adam Sandler nicht nur seinen Siegeszug durch das US-Komödienkino der Gegenwart fort, sondern versöhnt es auch mit dessen Ideologie. Kluger Humor samt Pipi, Pups und Kacka.

Treue Leser_innen der Kolumne werden sich erinnern: Vor einiger Zeit habe ich das US-amerikanische Komödienkino der Gegenwart vorerst für tot erklärt. Weil es in der Regel immer nur noch zur Endstation Selbstfindung führt, mit all den weinerlichen Rührseligkeiten und neospießigen Klemmi-Witzen. Vor ebenfalls einiger Zeit schrieb ich zudem, dass dem breitflächig reaktionären Unfug der US-Comedy eigentlich nur noch der überirdische Klamauk eines Adam Sandler Abhilfe schaffen kann. Sandler mag diese Entwicklung mit einigen Filmen zwar seinerseits beeinflusst haben. Doch läuteten Jack und Jill und Der Chaos-Dad eine geradezu furiose Phase der Kurskorrektur ein. Mit Kindsköpfe nun feiert er endgültig den Sieg gleichberechtigter Blödelei über das Falsch-Ambitionierte: Eine Komödie, deren primitiver Humor nicht gedrosselt, nicht im Abseitigen kanalisiert und auch nicht an den neuen Konservatismus des Genres verraten wird.

Keine finalen An- und Aussprachen
Das Komödienkino also lebt wieder, zumindest für diesen einen Film. Erst im Vergleich zu den Comedy-Hits der letzten Jahre wird deutlich, welchen Dienst Adam Sandler und seine treue Arbeitsgruppe um Kevin James, Chris Rock, David Spade, Nick Swardson und natürlich Regisseur Dennis Dugan dem Genre erweisen. Ihr Humor speist sich nicht aus der Versicherung des eigenen Mann-Seins, sondern einer Selbsterkenntnis, die ihren Schabernack motiviert und verständlich macht: Sie sind unzureichende Väter, haben gewöhnliche Jobs und empfinden einen Besuch im Kmart als angemessenen Ausflug unter Freunden. Ihre Kinder sind entweder debil, hyperaktiv oder schrecklich durchschnittlich. Und ihre Ehefrauen lechzen allesamt dem durchtrainierten Gymnastik-Coach hinterher. Die Kindsköpfe sind offenkundig Taugenichtse, aber weder scheinen sie sich im Film daran reiben noch irgendwie beweisen zu müssen. Anders als in vergleichbaren US-Komödien brauchen diese Protagonisten nicht die lustige Leiter des Monomythos hinaufzuklettern, um finale An- und Aussprachen zu halten.

Keine Minderheitenphobien
Spießig mag das ebenso sein, aber das ist es zumindest schon von Grund auf. Und es lässt keine nervtötenden Nerds (Seth Rogen) oder aufdringlich ulkigen Verlierer (Zach Galifianakis) in der Selbstfindungssoße baden, aus der sie sich dann als angepasste, in der Heteronormativität eingerichtete Langweiler freischwimmen. Die Kindsköpfe sind schon längst dort angekommen, wo die um sich selbst mäandernden Nervensägen aus Filmen wie Hangover, Stichtag oder Ted stets hinwollen. Weil aber ihr Familienleben mit Haus und Vorgarten – und hier unterscheidet sich die Fortsetzung deutlich vom ersten Kindsköpfe – offenbar nur mit hemmungslosem Nonsens samt Pipi- und Kacka-Zoten zu ertragen ist, attackieren sich Adam Sandler und Anhang permanent selbst. Wo ein Hangover 2 etwa das piefige Männerbündel (“Wolfpack”) Stillschweigen darüber vereinbaren lässt, dass der (auweia) tätowierte Ed Helms im Vollrausch Sex mit einer Trans’Person hatte, weil einem Mann, so heißt es im Film, nichts Schlimmeres widerfahren könne, überwindet Kindsköpfe 2 die Minderheitenphobien des Genres.

Die Versöhnung mit der Ideologie
Ein Humor wie der aus Hangover gibt die “Freaks” natürlich bereitwillig zum Abschuss frei, indem er auf stocksteife und ganz selbstverständliche Art mit Entmannungsängsten und der Abscheu allem Nicht-Heteronormativen gegenüber jongliert – um das Andere für vermeintlich schockierenden Witz zu missbrauchen und den Weg der Helden zu noch mehr Verklemmtheit attraktiver aussehen zu lassen. Kindsköpfe 2 aber gelingt über eine schwule Figur (besagtem Gymnastik-Coach, gespielt von Oliver Hudson) die ideologische Versöhnung mit der US-Komödie: Die Figur wird nicht an Normalität bestätigende Witze verscherbelt, sondern erteilt einem der knutschbedürftigen Kindsköpfe sogar eine finale Abfuhr, weil Bierbauch-Heteros eben einfach nicht ihr Fall sind. Mehr noch: In einer fulminanten Carwash-Szene, die zunächst auf vollbusige Schauwerte ausgelegt ist, räkelt sich schließlich eine Horde leicht bekleideter junger Männer über dem Auto von Kevin James, um ihn im Seifenschaum mit einem umkodierten Bild von Erotik zu bezirzen. Der feuchte Traum eines Mannes, geschlechterverkehrt. Und sehr zur Freude von Maria Bello, die auf dem Fahrersitz (nicht Beifahrersitz, wohl gemerkt) ganz auf ihre Kosten kommt.

Kindsköpfe bleiben Kindsköpfe
Dass ein solch kluger, queerer, ansatzweise subversiver Humor nicht einmal mehr in eine Scheinhandlung eingebunden werden muss, Kindsköpfe 2 also vollständig auf eine Erzählung im herkömmlichen Sinne verzichtet, macht ihn noch umso schöner. Denn gerade die Helden-Narrative, das rührselige Mann-Werden in den üblichen Komödien des US-amerikanischen Kinos der Gegenwart, spart der Film angenehmerweise aus. Die Kindsköpfe bleiben Kindsköpfe, ohne dass da erst noch irgendetwas erzählt, vermittelt oder eben auch auf Selbstfindung gebürstet werden muss. Den American-Spießer-Dream leben Adam Sandler und Co. auf die denkbar anarchistischste Weise, mit pinkelnden Hirschen, pupsverpesteter Umluft und einem kastrierten Taylor Lautner. Es ist das derzeit einzig mögliche Komödienkino, das beste sowieso. Und es lässt erahnen, wie ein Film von John Waters heute aussehen würde, hätte er je für ein Major Studio 80 Millionen Dollar teuren Camp produziert. Nick Swardson zumindest schlittert mit einer unbegreiflichen Performance durch Kindsköpfe 2 wie einst Divine durch ein Kino, das keine Grenzen mehr kennt.

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