Oscars 2017 – Was die nominierten Filme verbindet

La La Land
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Meint es gut mit den Menschen.

Oscar-Filme können von vielen Dingen handeln, in der Regel jedoch erzählen sie nichts überzeugender als die Geschichte ihrer Nominierung. Dabei geht es zum einen um ökonomische Kriterien, die mit erstaunlicher Kontinuität bestimmen, welche Titel es strukturell überhaupt in die engere Auswahl schaffen können (erzählt wird eine Geschichte systembedingter Einflüsse). Zum anderen legt die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) mit ihrer transparenzfreien und an zahlreiche Bedingungen geknüpften Nominierungsprozedur ein Geschmacksbekenntnis ab, das ebenso zuverlässig Aufschluss über die programmatischen Vorlieben der jeweiligen Jahrgänge gibt (erzählt wird eine Geschichte thematischer Selbstverpflichtungen). Die Oscars sind somit weder ein Abbild von Gegenwartskino noch repräsentieren sie die US-amerikanische Filmindustrie und deren Produktionsvorlieben, sondern genügen sich erst einmal selbst. Das macht sie so vergnüglich wie letztlich eher ungeeignet für Versuche wirkmächtiger Ideologiekritik, der ohnehin streitbaren kommerziellen Bedeutung ihrer Vergabe noch eine ernstzunehmende gesellschaftliche oder anderweitige Relevanz andichten zu wollen. Bestätigt wird dadurch allenfalls der symbolpolitische Anspruch der AMPAS, deren Veranstaltung ganz Nabelschau ist und Nabelschau bleibt. Glücklicherweise.

Wenn Oscar-Filme in der Summe eine Aggregation ihrer Gemeinsamkeiten bilden, gehört das Werfen von Schlaglichtern auf besagte Vorlieben zum Spaß dazu. Wenig überraschend lassen sie sich in diesem Jahr so zeitdiagnostisch lesen wie lange nicht mehr, mit künstlerischen Erklärungsbemühungen reagiert das momentan in Aufruhr operierende liberale Hollywood auf die Präsidentschaft von Donald Trump. Ein Bedürfnis nach Korrektur verschafft sich Ausdruck, mehrheitlich erzählen Oscar-Filme 2017 von sogenannten kleinen Leuten und deren übergangen geglaubten Befindlichkeiten. Einig scheinen sie sich darin zu sein, dass diese Leute kleingemacht und vor allem kleingehalten werden: Vom Staat und seinen Strukturen, von rassistischen Gesetzen und sozialer Spaltung durch Segregation, von der Finanzkrise und den Folgen ungleichmäßiger Reichtumsverteilung. Verstärkt zielen die Beobachtungen auf topographische Marginalisierung ab, verorten sich die Filme in wirtschaftlich geschwächten Regionen (Rust Belt) und zeigen Figuren, die wir bekanntlich als abgehängt und auf der Strecke geblieben, als nachvollziehbar Denkzettel verpassendes Anti-Establishment begreifen sollen. Auch diese Menschen, betonen die Filme, sind eine Bereicherung für die Gesellschaft, ihre Leistungen müssen gewürdigt oder überhaupt erst einmal wahrgenommen werden. Es geht, kurz gesagt, um die Wiederentdeckung der sozialen Frage.

Der Oscars liebstes Genre Biopic und deren zeitgeschichtliche Rückgriffe müssen deshalb weniger bekanntes Terrain erforschen. Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen (der deutsche Zusatztitel bringt es bereits auf den Punkt) erzählt von drei schwarzen Mathematikerinnen, deren bislang kaum beleuchtete Verdienste in der NASA den Film zu historischen Versöhnungsgesten inspirieren. Am Ende steht die verständliche Erkenntnis, dass Rückschrittsdenken dem Aufbruch in neue Welten ziemlich hinderlich ist. Hacksaw Ridge zeigt den Werdegang des aus einfachen Verhältnissen stammenden US-Soldaten Desmond Doss, dessen religiös begründete Weigerung, Menschen zu töten oder eine Waffe auch nur anzufassen, ihn trotz anfänglicher Widerstände der Militärobersten zum dekorierten Kriegshelden befördert – der kleine Mann gegen das große System als Staunen machen wollende Erbauungsgeschichte, in der ein Leichtgewicht (wie ihn sein Sergeant nennt) auch stärkste Kräfte zu bezwingen imstande ist. In abseitige Erfahrungswirklichkeiten entführen auch Lion und Moonlight, die beide auf autobiographischen Vorlagen basieren. Und mit Jackie gibt es nur ein einziges nominiertes Biopic, in dessen Mittelpunkt eine wirklich berühmte Persönlichkeit steht. Selbst dieser Film setzt aufs Muster der vernachlässigten Erzählung, Jackie Kennedy tritt als von Männern und Macht isolierte Witwe auf, die sich mühsam Gehör verschaffen muss.

Andere Oscar-Filme setzen noch deutlicher auf ein Klassenbewusstsein für ihre Figuren (der achtfach nominierte Arrival tut es eigentlich nicht und scheint aus dem zeitdiagnostischen Raster zu fallen, erträumt sich aber im Angesicht unberechenbarer Staatsgewalten eine wiederum recht vielsagende private Utopie des Glücks). Manchester by the Sea begegnet dem Schicksal eines Hausmeisters, dessen unfreiwillige Rückkehr ins heimatliche Küstenkaff Erinnerungen an den Verlust seiner Existenzgrundlage triggert. Zu erwähnen wäre hier die Selbstverschuldung der misslichen Lage, ein Plot-Element, das angesichts der auf Genauigkeiten ausgerichteten Zustandsbeschreibungen diesjähriger Oscar-Kandidaten als wertender Kommentar deutbar ist. Dies verbindet den Film mit Hell or High Water, in dem zwei Brüder reihenweise texanische Banken ausrauben und sich in eine Gewaltspirale manövrieren. Während der eine das offenbar aus reiner Freude tut, möchte der andere für seine Söhne vorsorgen – als tatsächliche Motivation der Taten entpuppt sich dann eine umgekehrte Hypothek. Während The Big Short im vergangenen Jahr die Ursachen der geplatzten Immobilienblase ironisierte, thematisiert Hell or High Water ihre bitteren Konsequenzen für Menschen aus einkommensschwachen Schichten. Erstaunlich, dass die AMPAS von American Honey unberührt blieb, der Perspektivlosigkeit und Armutsgefährdung in vergleichbar epischen Bildern verhandelt.

Von allen Oscar-Anwärtern 2017 wirft Fences, die im Pittsburgh der 1950er Jahre angesiedelte Kinoadaption des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Theaterstückes von August Wilson, den vielleicht genauesten Blick auf verdrängte soziale Milieus. Der Film fühlt sich in die Lebenslagen einer schwarzen Familie ein, deren Mitglieder von verunmöglichten Träumen, alltäglicher Diskriminierung und dadurch begünstigten innerfamiliären Spannungen gezeichnet sind. Ähnlich wie Moonlight, der die sexuelle Orientierungssuche seiner Hauptfigur mit Eindrücken urbaner Subkulturen verbindet, ermöglicht Fences eine in sonstigen Oscar-Kontexten ungewohnte Sichtbarkeit afroamerikanischer Alltagsrealitäten. Sie werden mit einer gegenüber den Vorjahren (Stichwort #OscarsSoWhite) betont diversifizierten Auswahl von Geschichten, die als Reaktionen auf Kritik inner- und außerhalb der Branche verstärkt Minderheiten repräsentieren, in die größere motivische Erzählung eingebunden – und sind eine Ergänzung der Darstellungsräume jener abgehängten weißen US-Bürger, die zu bekümmern Hollywood bald wieder ein besonderes Anliegen sein dürfte. Ergänzung übrigens nicht als Relativierung oder Whataboutism, sondern Abbildung von Randbereichen, in denen sich strukturelle Benachteiligung weder als neues Phänomen noch willkommener Erklärungsansatz des letzten Wahlausganges anbieten.

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