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Mr. Vincent Vega eckt an

Wer lacht noch über Christian Ulmen?

05.09.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Christian Ulmen in Wer's glaubt wird selig
© Constantin
Christian Ulmen in Wer's glaubt wird selig
Einst zählte er zu den wenigen wirklich komischen Gesichtern im deutschen Fernsehen. Eine Ausnahmegestalt im Humorbrachland, ehe Kinokarriere, Klatschspalten und private Zähmung folgten. Christian Ulmen, die große Enttäuschung.

Es gab tatsächlich eine Zeit, da stand Christian Ulmen für ungebändigte Komik. Für eine Form von satirischem Anarchismus, wie er sich im deutschen Fernsehen nur über den Weg der Nische durchsetzen konnte. Mit Formaten wie Live aus Berlin oder Unter Ulmen wütete sich der Hamburger durch den Musiksender MTV, in einer steten Mischung aus Hysterie, Provokation und formalem Experiment. Ulmens seinerzeit unberechenbarer Humor – mal brachial, mal feinsinnig – ging selbst im Radio auf, wo er unter anderem mit der Moderation des Blue Moons auf Fritz für vergnügliche Nächte sorgte. Als er 2005 schließlich mit einer Adaption der britischen Comedy-Serie My New Best Friend bei ProSieben aufschlug, schienen dem subversiven Humor des Moderators und Schauspielers keine Grenzen mehr gesetzt. Vom Ruhm der zunächst erfolglosen Reality-Show Mein neuer Freund zehrt Christian Ulmen noch heute mit verschiedentlich fortgesetzten Figuren der Serie, obwohl sich sein irgendwann einmal bissiger Witz längst dem mottenkistigen Spießbürgerhumor des deutschen Mainstreamfilms angeglichen hat. Eine Bilanz des Abstiegs.

Der Anfang vom Ende begann etwa dort, wo der Name Christian Ulmen nicht länger als Geheimtipp, sondern Erfolgsgarant gehandelt wurde. Nicht die Leier vom Ausverkauf, auch nicht das Klagelied über den alles verändernden Erfolg. Doch klar ist, dass Ulmens Humor nie massenkompatibel war – und es nun längst ist. Einst standen Querelen mit seinem Arbeitgeber MTV auf der Tagesordnung, nicht wenige seiner Formate fielen beim Fernsehpublikum durch; insbesondere die später um Ulmens gewachsene Popularität herum konzipierte Serie Dr. Psycho auf ProSieben blieb hinter den Erwartungen zurück (und war auch großer Murks). Mit seinem ersten großen Kinoengagement Herr Lehmann, wo er unter der Regie von Leander Haußmann die Titelrolle übernahm, gewann Christian Ulmen jedoch nicht nur Preise und Anerkennung der Fachpresse, sondern spielte sich auch sogleich in die Herzen des Publikums (zumindest in jene, die offenbar das Buch nicht kannten). Seither verging kein Jahr, in dem er nicht irgendeinen Kinofilm an den Start brachte. Allein seit 2009 war Ulmen in einem ganzen Dutzend Produktionen auf der großen Leinwand zu sehen.

Irgendwo auf dem Weg vom zügellosen Fernsehmoderator zum bestbeschäftigten Kinokomiker ist dem Hamburger Jungen dabei jede Giftigkeit, alle beißende Ironie und auch ganz gehörig der Charme abhanden gekommen. Ein Blick auf die Filmauswahl genügt. Zu den besonderen Tiefpunkten der an Tiefpunkten ganz und gar nicht armen Kinokarriere Ulmens gehören neben der sexualfeindlichen, aber noch als ambitioniertes deutsches Autorenkino gehandelten filmischen Menschenhasspredigt Elementarteilchen vor allem die Klemmi-Comedy Männerherzen sowie deren Fortsetzung Männerherzen – und die ganz, ganz große Liebe. Mit ihr partizipierte Ulmen am allgemeinen Siegeszug der von Til Schweiger und Schrottkonsorten zusammen gewirtschafteten postneudeutschen Komödie, die mit reaktionären sexistischen Rollenvorstellungen und einem sie umrahmenden leichtfüßigen Alltagshumor Papas Kino 2.0 ins Leben riefen. Die Männerherzen-Filme und ihr an langweilige notgeile Dorfpärchen und verblödete Provinzproleten gerichteter Chauvi-Humor ließen sich da nur als endgültige Kündigung des einst so eigenen konzeptionellen Witzes zugunsten tradierter teutonischer Lachkonserven verstehen.

Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt, in dem Christian Ulmen sich dem deutschen Komödienmief verpflichtete, begann auch seine Zweitkarriere als Klatschblattpromi. Seit er mit Collien (Ulmen-)Fernandes, bekannt aus Fernsehformaten wie Gülcan und Collien ziehen aufs Land, verheiratet ist, zählen endlich auch Gala-Leser zu seinen Fans. Vielleicht sind waghalsiger Witz und ätzende Ironie eines Ehemanns und Familienpapis Sache einfach nicht. Stattdessen läuft jetzt in den Kinos eben einfach die nächste Ulmen-Doofkomödie: In Wer’s glaubt wird selig bemühen er und ein Haufen Landtrottel sich verzweifelt um die Heiligsprechung einer von Hannelore Elsner gespielten Jesusfetischistin. Unsere verhinderte German Diva wird hier von einem Kruzifix erschlagen, das ihr während des Beischlafs von Ulmen und dessen Ehefrau auf den Kopf donnert. Im überlangen Wieder-mal-Versuch des bayrischen Schmarrenverfechters Marcus H. Rosenmüller, ein neues deutsches Heimatkino zu installieren, geht es hingegen nebst allerlei saublöden Ulks vor allem um die Frage, wann der Held denn endlich wieder seiner frigiden Ehefrau an die Wäsche darf. Statt seinen einst im Fernsehen kultivierten Anarchohumor ins triste deutsche Komödienkino zu überführen und es damit aufzumischen, hat sich Christian Ulmen erfolgreich der langen öden Tradition verklemmter Spießbürgerkomik angeschlossen. Deutsches Humorbrachland, längst auch unter Ulmen.

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