Four Walls and a Roof

Wir schauen The Walking Dead - Staffel 5, Folge 3

Hat euch zum Fressen gern: Gareth.
© AMC
Hat euch zum Fressen gern: Gareth.

The Wire-Darsteller kommen und gehen wie Kellner in einem Restaurant: Kaum wurde in Strangers Seth Gilliam als zwielichtiger Father Gabriel eingeführt, droht in Four Wall and a Roof, der 3. Episode der 5. Staffel von The Walking Dead, ein anderer Baltimore-Export aus dem Ensemble auszuscheiden. Die Rede ist natürlich von Lawrence Gilliard Jr., der als Bob seinen Platz in der Zombie-Apokalypse von Robert Kirkman gefunden hatte. Mit dem jüngsten Cliffhanger wurde sein Schicksal im Grunde bereits besiegelt: Kannibalen-Anführer Gareth (Andrew J. West) und seine Entourage verschleppten das Mitglied aus Ricks (Andrew Lincoln) Gruppe. Einen kurzen Augenblick später befinden sich die bösen Buben am Lagerfeuer und verschlingen genüsslich Bobs linkes Bein. Der ist baff, schreit und hat Angst. Die Panik steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben und trotzdem verwandelt sich sein verkrampftes Antlitz im fiebrigen Prolog des neusten Kapitels der Zombie-Horror-Serie in ein Lachen des Wahnsinns. Jetzt horcht auch der Menschenfresser auf, wird misstrauisch und fürchtet sich für den Bruchteil einer Sekunde in Unsicherheit, bevor er seinen Verdacht bestätigt bekommt. Bob offenbart der versammelten Mannschaft, dass er längst von einem Beißer gebissen wurde. 

I've been bitten, you stupid pricks! I'm tainted meat.

Unterdessen ist die Situation in der St. Sarah's Church angespannt. Sasha (Sonequa Martin-Green) ist geradezu krank vor Sorge bezüglich des Verschwindens von Bob. Rick und Tyreese (Chad Coleman) finden sie im dunklen Wald auf der Suche nach ihrem Liebsten. Doch der ist nicht der einzige, der fehlt. Von Carol (Melissa Suzanne McBride) und Daryl (Norman Reedus) fehlt ebenfalls jede Spur. Ein Schuldiger ist schnell gefunden: Sasha deklariert Gabriel als Missetäter. Seitdem er die Bildfläche betreten hat, treibt er die Gruppe auseinander, obgleich er jede Schuld von sich weist. Aber klar, sämtliche Zeichen sprechen gegen ihn und so bleibt das Misstrauen für die nächsten 45 Minuten weiterhin erhalten. Nicht zuletzt konfrontiert Rick den Mann Gottes mit der Inschrift auf der Rückseite seiner Kirche: "You'll burn for this." Ja, für was wirst du brennen, Gabriel? Der Siedepunkt ist relativ schnell erreicht und Gabriels Widerstand löst sich im emotionalen Tränenbad auf. Obwohl er Frauen, Männern und Kindern das Leben hätte retten können, hat er die Türen der heiligen Halle verschlossen – pünktlich um neun Uhr. Das Blut unschuldiger Menschen – ja, sogar ganzer Familien – klebt an seinen Händen. "I'm damned. I always lock the doors."

Das Geständnis wird von einer unerwarteten Ankunft unterbrochen. Gareths Männer haben Bob vor den Stufen des Kirchenportals hinterlassen. Die Freude über das Wiedersehen ist unfassbar, noch unfassbarer sind jedoch die Tränen auf die darauffolgende Nachricht darüber, was in den vergangenen Stunden passiert ist. Ab diesem Moment ergibt sich in Four Walls und a Roof eine Konstellation, wie sie schon lange nicht mehr in The Walking Dead zu sehen war: das unvermeidbare Sterben einer (lieb gewonnenen) Figur. Aus Bobs misslicher Lage gibt es kein Entkommen und was jetzt zählt, ist der Abschied im Kreis der Freunde. Eigentlich ein versöhnlicher Tod, bedenkt man, wie brutal und gnadenlos beispielsweise Hershel (Scott Wilson) in Too Far Gone den Jordan überquerte. Kaum ist der Schock bezüglich des baldigen Ablebens von Bob überwunden, reißt Abraham (Michael Cudlitz) das Wort an sich. Er appelliert an die Gruppe, seinen Masterplan auf der Stelle in die Tat umzusetzen. Auf, nach Washington! Ein entsetztes What the Fuck?! steht allen Beteiligten ins Gesicht geschrieben, doch der Grobian besteht darauf, seinen Willen entgegen jeglichen Taktgefühls durchzusetzen. Der Streit mit Rick ist nur noch eine überfällige Angelegenheit. Nicht zuletzt verwunderte es schon in Strangers, dass der ehemalige Sheriff ohne Diskussion dem Aufbruch gen "Food, fuel, refuge" zugestimmt hat.

Glenn (Steven Yeun), dem Drehbuchautorin Angela Kang nach einer gewühlten Ewigkeit wieder ein paar schlagfertige Worte in den Mund legt, unterbricht die Auseinandersetzung der beiden (potentiellen) Alpha-Männchen. Während Glenn den friedlichen Kompromiss anstrebt, wird außerdem deutlich, dass Abrahams eigene Gefolgschaft der geplanten Unternehmung äußerst gespalten gegenüber steht. Rosita (Christian Serratos) kann es kaum noch abwarten, sich endlich auf den Weg zu machen. Eugene (Josh McDermitt) dagegen scheint es nicht so eilig zu haben – bergen seine hoffnungsvollen Versprechen von Erlösung womöglich doch weniger Wahrheit in sich, als er behauptet? Schließlich fällt eine Entscheidung und Abraham wartet eine weitere Nacht. Im Gegenzug kommen dafür neben Rosita und Eugene Glenn, Maggie (Lauren Cohan) und Tara (Alanna Masterson) mit nach Washington. Four Walls and a Roof entpuppt hinsichtlich dieser Konflikte zweifelsohne als Episode der starken Charaktermomente. So ausgeglichen hat das Ensemble in der 5. Staffel bis dato nicht agiert und dankenswerterweise entsagt Regisseur Jeffrey F. January den reißerischen Facetten seiner Inszenierung und verweilt vorzugsweise in den Gesichtern der Agierenden.

Zudem ist es ein unerbittliches Pochen, ein ungeduldiges Klopfen, das die Ereignisse vorantreibt. Schritt für Schritt. Genau wie im Opening die Hände der lebenden Toten gegen eine angelaufene Scheibe klatschen, pendelt sich das Poltern wie ein unangenehmer Rhythmus auf der musikalischen Ebene ein. Dann übernimmt Bear McCreary das Pochen und Klopfen von Fingern und Händen mit gewaltigen Pauken, um den verhängnisvollen Höhepunkt der Episode zu illustrieren. Als hätte sich das Böse wie in einem John-Carpenter-Film ab der ersten Minuten unaufhaltsam angebahnt, schlägt es in den finalen Minuten zu. Ein letztes Mal verschließt Gabriel die Türen der St. Sarah's Church, die so schicksalhaft sein (Über-)Leben bestimmen. Gareth und seine Gefolgschaft, die leider bis zum Schluss aus überwiegend gesichtslosen Mitgliedern besteht, dringen in die Kirche ein, bereit, alles und jeden niederzubrennen. Sie haben die Gruppe beobachtet und wissen, dass sich die starke, bewaffnete Hälfte außer Haus befindet. Jetzt wollen sie zuschlagen, wie Feiglinge, die sich ihrem Leichtsinn nicht einmal im Geringsten bewusst sind. Selbst wenn sich Gareth (genauso wie in den ersten Minuten der Episode) kurzzeitig auf der Seite der Überlegenen wähnt, winselt er verzweifelt um Erbarmen, als Rick mit Verstärkung das Gebäude stürmt.

Hättet ihr uns töten wollen, hättet ihr es längst getan. Unter diesem Motto versucht Gareth zu retten, was zu retten ist. Ricks Antwort ist jedoch genauso vernichtend wie endgültig. Gareth und seine Männer sind nur noch am Leben, weil wertvolle Kugeln gespart werden müssen. "You don't know what it is to be hungry." Ein letzter Versuch, dann drischt Rick mit seiner Machete auf den Jammerlappen vor ihm ein. Das (ursprüngliche) Schlachtkalb schlachtet den Schlächter. Ein Töten, wie es noch nie in The Walking Dead zu sehen war. Fassungslos begleiten die Umherstehenden das Massaker auf dem schmalsten aller bisherigen moralischen Grate. Mensch gegen Mensch, mit dem automatisierten sowie selbstverständlichen Mechanismus des Zombie-Tötens, wie es im Prolog von Strangers noch der Fall war, hat das nichts mehr zu tun. Der Zwiespalt wird am deutlichsten, wenn Michonne regelrecht erschrocken ihr Katana aus einer der Leichen zieht. Und das, obwohl ihr die Kannibalen zuvor jeden Grund zum Mord gegeben haben. "This is the Lord's house", haucht Gabriel in die Runde und rudert hilflos nach weiteren Worten, um das Unaussprechliche zu verarbeiten, das soeben geschehen ist. Eiskalt entgegnet Maggie: "No. It's just four walls and a roof."

Am Ende von Four Walls and a Roof ist es trotzdem der Abschied von Bob, der sich als Hoffnungsschimmer am Horizont der menschlichen Abgründe entpuppt. Ein Lächeln von Sasha, ein Dolch von Tyreese und über dem Sterbenden in der Kirche das Bildnis vom letzten Abendmahl: Dann wird ein Grab ausgehoben und die Wege der Gruppe trennen sich. Im Gegensatz zu manch anderer Trennung in der The-Walking-Dead-Historie herrscht dieses Mal allerdings ein Gefühl von Versöhnung und Frieden. Das Kannibalen-Intermezzo schweißt zusammen. Darüber hinaus gibt es ein Versprechen hinsichtlich der baldigen Wiedervereinigung und eine Entschuldigung seitens Abraham. "Sorry, I was an asshole. Come to Washington. The new world's gonna need Rick Grimes." 

Was bisher geschah:

Staffel 5, Folge 1: No Sanctuary
Staffel 5, Folge 2: Strangers

moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Schaut zu viel ins Internet.
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