Schon bald bei Netflix: Abgründiger Horror-Film schreibt wie Tarantino die Geschichte um und reißt dabei Herzen und Hirne heraus

02.09.2023 - 16:11 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
El CondeNetflix
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In wenigen Tagen startet bei Netflix eine abgründige Horror-Satire, die, ähnlich wie Tarantino, die Geschichte umschreibt. In Venedig feierte der Pinochet-Film von Spencer-Regisseur Pablo Larraín Premiere.

Wir schreiben den 15. September 2023. Ein Fan von Vampire Diaries gibt ins Suchfeld beim Streaming-Dienst Netflix das Wort "Vampir" ein. Dort erscheint, rechts und links verziert von Die Vampirschwestern Teil 1 bis 3, ein Film über den chilenischen Diktator Augusto Pinochet. Er heißt El Conde (Der Graf) und nein, ich schreibe nicht aus der Zukunft. Moviepilot hat mich zum Filmfestival von Venedig gebracht, aber auch unser Budget hat Grenzen.

Die oben beschriebene Vorstellung ist das fraglos entzückendste an Pablo Larraíns äußerst blutiger Horror-Satire. Der Regisseur von Jackie und Spencer hat nämlich eine filmische Abrechnung in Schwarz-Weiß gezimmert, die einen mit Schock-Bildern das skeptische Hirn zu Brei schlagen will, wie ein Vampir den Schädel seiner Opfer.

In dem Netflix-Film bietet einige extrem brutale Horror-Bilder

Eingeschlagene Gesichter, herausgerissene Herzen, zerbissene Kehlen – im ersten Drittel von El Conde wird reale Geschichte um brutale Horror-Film-Bilder erweitert. Pinochet fliegt! Das sagt niemand im Film und doch fühlt sich El Conde so an, als würde uns Pablo Larraín den Satz persönlich ins Ohr schreien. Pinochet verschlingt ein Menschenherz! Pinochet beißt einer jungen Frau in den Hals! Und so weiter.

Pinochet fliegt!

Die teils vor Sarkasmus triefende Erzählerin tut ihr Übriges, damit uns eines zu keinem Zeitpunkt entgeht: Wir haben es bei El Conde mit einer mutigen Satire zu tun. Sobald es aber ans Erzählen und nicht nur Schocken geht, schrammt der Film an seine selbst gesteckten Grenzen.

Nunsploitation trifft Vampir-Film

Am 11. September 1973 putschte sich der General Augusto Pinochet in Chile an die Macht, wo er bis 1990 mit Unterstützung der USA blieb. Larraín verwandelt den langen kulturellen wie politischen Schatten Pinochets in ein Horror-Motiv, den Ex-Diktator (Jaime Vadell) gestaltet er als Phantom der Nacht. Dieser Vampir ist des Lebens, das er Tausenden genommen hat, müde und sehnt seinen Tod herbei.

Als er eine Buchhalterin/Nonne (Paula Luchsinger) trifft, die ihn zu Fall bringen soll, gewinnt er neuen Elan. Seine gierigen Kinder greifen indes nach seinem Vermögen.

El Conde

Der (fiktive) Vampirismus des Ex-Autokraten dient als Rahmung. Die Buchhalterin, die die Familie über ihre krummen Geschäfte ausfragt, macht es sich darin gemütlich. Dieser Teil des Films gerät dank seiner zynischen Dialoge über Betrug und Grausamkeiten zunehmend monoton und arbeitet sich aus sicherer Entfernung an der dunklen Geschichte Chiles ab. Larraín legt die Gier des Pinochet-Klans bloß, hat mit den vampirischen ersten Bildern des Films aber schon alles gesagt.

Ein Tarantino-Vergleich bietet sich an

Noch ein Problem: Der Regisseur kommt nicht aus seiner Arthouse-Haut. Statt echten, abstoßenden Horror im konsequenten Genre-Gewand zu produzieren, zieht sich El Conde auf kunstvolle Panoramen und pittoreske Todesbilder zurück. Das ist mehr The Witch als Nosferatu oder gar Coppolas Dracula. Da lobt man sich einen Quentin Tarantino, der bei seiner Neuschreibung der Geschichte in Inglourious Basterds Hitler und Goebbels mit dreister Distanzlosigkeit begegnet, statt sie aus der Ferne zu belächeln.

Unheimlich und manchmal lustig kann man El Conde nennen, aber letztendlich verwandelt sich der Pinochet-als-Vampir-Gag zum Gefängnis, aus dem der Film nicht entkommt.

El Conde wird am 15. September beim Streaming-Dienst Netflix veröffentlicht.

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