Berlinale 2016 - Lav Diaz & die Unendlichkeit des Slow Cinema

A Lullaby to the Sorrowful Mystery von Lav Diaz
© Sine Olivia/Berlinale
A Lullaby to the Sorrowful Mystery von Lav Diaz
18.02.2016 - 09:40 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Mit seinem 485-minütigen Werk A Lullaby to the Sorrowful Mystery ist Lav Diaz dieses Jahr im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Der philippinische Regisseur gehört zu den wichtigsten Vertretern des Slow Cinemas. Doch was hat es damit auf sich?

Fast alle zwei Sekunden fällt ein Schnitt, wenn Matt Damon in Das Bourne Ultimatum unter der Regie von Paul Greengrass über die Dächer von Tangier rennt, um seinen Widersacher zu stoppen. Dagegen muten die durchschnittlich rund sieben Sekunden, die bei Steven Spielberg vergehen, bevor die Kamera eine neue Perspektive einnimmt, wie eine gefühlte Ewigkeit an - von den überschwänglichen 17,5 Sekunden eines Woody Allen ganz zu schweigen. Die ASL (Average Shot Length) des zeitgenössischen Kinos ist verschwindend gering und es bleibt kaum Zeit, um in den einzelnen Bildern zu verweilen. Blickt man sich in der Filmlandschaft etwas genauer um, sollte es allerdings nicht lange dauern, bis der oder die Interessierte auf den Begriff des Slow Cinema stößt. Hier protzen die Statistiken mit einer ASL von mehreren Minuten und wohl kaum ein anderer Regisseur ist derzeit so eng mit der Definition des langsames Kinos verbunden wie Lav Diaz.

Der philippinische Filmemacher, der seit Ende der 1990er Jahre mit bewegten Bildern hantiert, sorgt mit der Laufzeit seiner Filme regelmäßig für Schlagzeilen - so auch im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale, wo sein siebenstündiges Werk A Lullaby to the Sorrowful Mystery (acht Stunden mit Pause) Premiere feiert. Als "warriors" bezeichnet Lav Diaz daher die Zuschauer, die "well-fed" und "well-rested" bis zu elf Stunden im Kino verbringen, um seine Filme zu bestaunen. Doch was hat es mit der Tradition des Slow Cinema genau auf sich? Woher kommt es? Und welche Rolle spielt Lav Diaz neben anderen Regisseuren in dieser Bewegung, die sich als cineastisches Pendant zum Slow Food lesen lässt? Gerade, wo es in der Gastronomie beim Fast Food sowohl um die zügige Zubereitung als auch den schnellen Verzehr geht, gilt es, das Genussvolle wie Bewusste im Essen zu wahren. Es geht darum, sich auf etwas einzulassen, sich für etwas Zeit zu nehmen.

Der Spiegel (Andrei Tarkowski, 1975)

Obwohl ein Blockbuster mit Überlänge keine Seltenheit im Kino mehr ist, schreckt bereits das Doppelte der üblichen zweieinhalb Stunden ab. Trotzdem formulierte Andrei Tarkowski schon seinerzeit im Hinblick auf die Langsamkeit seiner Filme: "I think that what a person normally goes to cinema for is time." Der brillante Kopf hinter Filmen wie Stalker, Solaris, Der Spiegel und Andrej Rubljow gehört neben Regisseuren wie Michelangelo Antonioni und Theodoros Angelopoulos zu den Wegbereitern des Slow Cinemas und versteht den Stil als Möglichkeit zur Entfaltung. Im Gegensatz dazu steht die Kritik, Slow Cinema sei aufgrund seiner langen Einstellungen und reduzierter Narration ein zuschauerfeindliches Übel des Kunstkinos, das bestenfalls Gleichgültigkeit im Publikum heraufbeschwört. Im schlimmsten Fall verkomme es zur puren Folter.

Natürlich fordern die erlesenen Bilder in ihrer Langsamkeit sehr viel Aufmerksamkeit und wenn Andy Warhol seine statischen Aufnahmen des Empire State Buildings auf 485 Minuten streckt, scheint der Scherz auf den erste Blick auf Kosten der Zuschauer zu gehen. Jonathan Romney, der den konkreten Begriff des Slow Cinema unter anderem durch seine Texte für Sight & Sound in den 2000er Jahren etablierte, sieht in der reduzierten Herangehensweise jedoch keinerlei Einschränkungen, sondern vielmehr die Möglichkeit, die Wahrnehmung zu schärfen. Die Perspektive gestaltet sich dabei als eine beobachtende, die sich weniger darauf konzentriert, die Handlung zu verfolgen, als die Stimmung einer Situation einzufangen. Das eigentliche Narrativ gerät in den Hintergrund, auch die Relevanz von Dialogen nimmt ab. In den Vordergrund rückt stattdessen die Bildsprache und überträgt durch die intensive Wahrnehmung von Zeit die Interpretation des Gesehenen ans Publikum.

Das Turiner Pferd (Béla Tarr, 2011)

So folgt Béla Tarr beispielsweise in der Eröffnungssequenz von Das Turiner Pferd dem titelgebenden Vierbeiner mehrere Minuten lang mit der Kamera und umkreist das dazugehörende Gespann mit dermaßen aufmerksamem Blick, dass die kräftezehrende Anstrengung durch Wind und Wetter regelrecht spürbar wird. Ganz beiläufig finden wichtige Informationen ihren Weg ins Bild, manche Details lassen sich überhaupt erst dadurch entdecken, da dem Auge genügend Zeit bleibt, um wirklich jeden Winkel der Einstellung zu erkunden. Dann reitet auf einmal nicht mehr nur ein alter Mann mit seinem Gefährt von A nach B, sondern ein unglaublicher Kraftakt geht vonstatten - genauso wie sich später im Film die alltägliche Geste des Kartoffelschälens in eine überwältigende Lebensaufgabe verwandelt. Darüber hinaus wird die hypnotische Wirkung dieser Augenblicke durch eine bestimmte klangliche Fokussierung auf der Tonspur oder den schlichten Klang der Natur verstärkt.

Auch im Schaffen von Jia Zhangke und Apichatpong Weerasethakul existiert dieser präzise wie einnehmende Minimalismus. Gleichzeitig verstehen sich ihre Filme - geradezu selbstverständlich - als politischer Kommentar mit poetischer Note. Während sich Jia Zhangke in Still Life subtil mit den verheerenden Folgen der Bauarbeiten des Drei-Schluchten-Staudamms in China auseinandersetzt, beschreibt Apichatpong Weerasethakul in seinem jüngsten Werk, Cemetery of Splendour, Missstände in Thailand, indem er Soldaten in einen unergründlichen Tiefschlaf versetzt. Lange verweilt die Kamera auf den Gesichtern der Schlafenden und diese Zeit braucht es durchaus, um zu verdeutlichen, welches Trauma sich tatsächlich hinter den geschlossenen Augen verbirgt. Bei Lav Diaz ist das nicht anders. Schon in seinem 2004 erschienenem Film Evolution of a Filipino Family nahm er sich die Zeit - ganze 593 Minuten - zur Auseinandersetzung mit seinem Land und seiner Heimat.

From What Was Before (Lav Diaz, 2014)

Allgemein gehört "Heimat" zu einem der Schlüsselwörter des Slow Cinema. Egal ob Andrei Tarkowski, Béla Tarr oder Apichatpong Weerasethakul: Die Herkunft der Regisseure spielt in ihren Filmen mindestens eine genauso große Rolle wie das Bewusstsein für Zeit. Lav Diaz selbst ist in einer ländlichen Region der Philippinen aufgewachsen und hat alleine durch alltägliche Routinen - wie etwa seinen Schulweg (mehrere Kilometer per pedes) - die Ästhetik der Langsamkeit kennengelernt, die ihn zweifelsohne auch geprägt hat. Wenn sich Lav Diaz nun mit einem Film wie A Lullaby to the Sorrowful Mystery der Geschichte der Philippinen annähert, dann erscheint es nur logisch, das mit der gleichen Einstellung zu tun, wie er es erlebt hat und immer noch erlebt. Bevor ein schneller Schnitt die Vergangenheit verklärt, bieten Werke wie Century of Birthing, Norte, The End Of History und Von dem, was war in ihrer Länge bewusst eine überdimensional große Plattform, um der Reflexion den Raum zu gewähren, den sie benötigt.

Dann verschwindet die absurde Annahme der zuschauerfeindlichen Attitüde des Slow Cinema, denn jeder der Regisseure jener Strömung hat etwas zu sagen und ist bemüht, ein Abbild seiner Realität zu erschaffen. Das Wahrhaftige wird in all seiner Ausführlichkeit ins Kino übertragen und es ist unmöglich, sich den einnehmenden Bildern auf der großen Leinwand zu entziehen. Der Druck einer tickenden Uhr existiert nicht mehr, nur noch die Unendlichkeit der Weltgeschichte. Erst kürzlich beendete Lav Diaz ein Interview  passend dazu mit folgendem Gedankengang: "Cinema is the greatest mirror of humanity’s struggle. You see this alternative world, but you’re part of it. Everybody is part of it. This is our world." Und welch schöneren Rahmen als die (vermeintlich langweilige) Wahrnehmung von Zeit gibt es dafür?

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