Das große Brad Pitt-Dilemma: Gewinnt er den Oscar für den falschen Film?

Brad Pitt in Ad Astra und Once Upon a Time ... in Hollywood
© Disney/Sony Pictures
Brad Pitt in Ad Astra und Once Upon a Time ... in Hollywood
06.02.2020 - 11:00 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Die Chancen stehen gut, dass Brad Pitt 2020 den Oscar als Bester Nebendarsteller für Once Upon a Time in Hollywood gewinnt. Seine Leistung in Ad Astra geht leider unter.

Schwer zu glauben, aber wahr: Brad Pitt zählt seit Jahrzehnten zur absoluten A-Riege in Hollywood und wartet immer noch auf seinen ersten Oscar als Schauspieler. 2020 könnte endlich seine große Stunde schlagen, denn er ist für seine Rolle in Once Upon a Time in Hollywood als Bester Nebendarsteller nominiert und gilt in der Rubrik als Favorit auf den Sieg.

Die Fans des Superstars haben also allen Grund zur Freude, zugleich trägt dieser Oscar-Jahrgang ein kurioses Brad Pitt-Dilemma vor sich her: Seine Leistung im neuen Tarantino-Film ist zwar herausragend. Der Hype überschattet allerdings eine sogar noch grandiosere Darbietung von Brad Pitt aus 2019. Für den fantastischen Ad Astra - Zu den Sternen nämlich hat die Academy leider kaum Liebe übrig.

Die Oscars werden Brad Pitt und Ad Astra nicht gerecht

2019 war ein denkwürdiges Jahr für Brad Pitt, dessen Karriere-Schwerpunkt sich langsam auf die Funktion als Produzent zu verlagern scheint. Während der melancholische Science-Fiction-Blockbuster Ad Astra hauptsächlich die Kritiker begeisterte, an den Kinokassen dagegen hinter den Erwartungen zurück blieb, triumphierte Once Upon a Time in Hollywood auf ganzer Linie und mischt auch in der Award-Season eindrucksvoll mit.

Brad Pitt in Ad Astra: eine leise Offenbarung.

Gerade einmal eine einzige Oscar-Nominierung (in der Kategorie Bester Ton) steht für das Epos von James Gray zu Buche. Selbst wenn wir die grundsätzliche Skepsis der Academy gegenüber Genre-Kino an der Stelle mit einbeziehen, ist das frustrierend wenig. Nicht nur, aber vor allem dank Brad Pitt führt der Film das wichtige Sub-Genre "Einsamer Mensch allein im Weltraum" seinem Höhepunkt zu.

Pitts große Kunst in Ad Astra besteht darin, die Gefühle eines Mannes sichtbar zu machen, der nach außen kaum Gefühle zeigt. Bereits früh erfahren wir, dass der Puls des zentralen Astronauten Roy McBride nie über 80 steigt. Für Darsteller Pitt ist damit gewissermaßen eine Grenze abgesteckt, die er im weiteren Verlauf ganz behutsam ... vielleicht nicht brechen, aber dehnen muss.

Wenn McBride seinem verschollenen Vater in den unendlichen Weiten des Alls räumlich langsam näher kommt, manifestiert sich in ihm eine Mischung aus Anspannung, Hoffnung und Angst, die nicht ewig kontrolliert werden will. Später rollt genau eine Träne über das Gesicht unseres stillen Helden und sie ist in dem Moment so viel aussagekräftiger als beispielsweise ein kompletter Nervenzusammenbruch es wäre. Denn Roy McBride verschwendet keine Emotionen.

Dass Brad Pitt diesen Part vor 20 oder auch nur 10 Jahren genau so hätte spielen können, sollten wir dabei trotz seines überragenden Talents nicht einfach voraussetzen. Der mittlerweile 56-Jährige ist heute auf eine andere - tiefere - Weise attraktiv als der Posterboy der 90er, jede Furche in seinem Gesicht steht in Ad Astra Pate für mindestens eine Erschütterung. Und jede einzelne möchte man zählen.

Once Upon a Time in Hollywood: Hauptsache ein Oscar für Brad Pitt

Eben dieses Gewicht erreicht die Rolle des Stuntman Cliff Booth aus Once Upon a Time in Hollywood nicht ganz. Hier stellt Regisseur Tarantino zunächst noch einmal schamlos Pitts Status als Frauenschwarm und coolster Typ des Kinos aus, um uns sodann etwas unsanft auf einem doppelten Boden landen zu lassen: Über der Erzählung schwebt bis zum Schluss die Vermutung, Booth könnte seine Frau getötet haben. Wollen bzw. "dürfen" wir ihn dennoch mögen?

Cool, cooler, Brad.

Einzig Tarantino versteht es, Schauspieler - oder das, wofür sie stehen - so für seine Filme zu nutzen. Pitts Lässigkeit in Once Upon a Time in Hollywood ist allerdings nicht mehr die eines muskulösen Himmelsstürmers, sondern die eines Mannes, der das Leben kennt und zu Recht auf die natürliche Fügung der Dinge vertraut. Dazu passt wie die Faust aufs Auge, dass Pitt dieses Jahr persönlich keine Oscar-Kampagne fuhr  und trotzdem dick im Rennen ist.

Womöglich sind Ad Astra und Once Upon a Time in Hollywood am Ende zwei Seiten der schillernden Medaille Brad Pitt. Ich gönne ihm alle Preise und verspreche daher, nur ein kleines Bisschen wehmütig zu sein, wenn er in der Nacht zum Montag die Trophäe als Bester Nebendarsteller entgegennimmt. Die Academy mag sich für Ad Astra nicht interessieren, aber in einer Sache sind wir uns hoffentlich alle einig: Brad Pitt ist der Beste.

Ad Astra oder Once Upon a Time in Hollywood: Wofür verdient Brad Pitt den Oscar eher?

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