Das keusche Kino - Sex, Zensur und die Grenzen von MeToo

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Meint es gut mit den Menschen.

Ita O'Brien ist Intimitätskoordinatorin für die Netflix-Serie Sex Education. Bei Nackt- und Sexszenen möchte sie sicherstellen, dass Dreharbeiten respektvoll und einvernehmlich, also ohne herabwürdigende Situationen verlaufen. An der Verpflichtung solcher Intimitätskoordinatoren zeigt sich der unmittelbare Einfluss der MeToo-Diskussion auf die Unterhaltungsproduktion in den USA. Es geht um wirksame Konzepte gegen Missbrauch und Sexismus, genauso wie um den Nachholbedarf einer Industrie, die öffentlichkeitswirksam ihre Bereitschaft zur Korrektur demonstriert.

Zweifel an der MeToo-Bewegung

Der am Theater bereits länger etablierte, aber für die Film- und Serienherstellung erst 2018 vom Programmanbieter HBO salonfähig gemachte Job rief Skeptiker auf den Plan. Affen- und Gollum-Darsteller Andy Serkis hält die Richtlinien der Intimitätskoordination für eine "Zensur der Kreativität", stattdessen sollten Filmemacher und Schauspieler entsprechende Fragen unter sich klären. Ita O'Brien hingegen versichert, dass es nicht um Verbote gehe, vielmehr sei die Darstellung von Nacktheit und Sex durch ein besseres Arbeitsumfeld "glaubhafter, saftiger, leidenschaftlicher".

Das klingt nicht unbedingt nach verhärteten Fronten, setzt aber die seit jeher kommunizierten Zweifel an der MeToo-Bewegung und ihren Auswirkungen fort. Bei den zahlreichen Wortmeldungen mutmaßlicher Missbrauchsopfer, so der häufigste Einwand, werde nicht unterschieden zwischen Fehlverhalten und Vergewaltigung – ein unangebrachter Kommentar dürfe nicht die gleichen Konsequenzen haben wie ein körperlicher Übergriff. Mitunter ging es dabei um Relativierungen und kulturellen Alarmismus. Hinter dem Missbrauch stecke eigentlich Prostitution. Und MeToo sei der Beginn einer neuen Prüderie.

Kontrollmechanismen ungleich Zensur

An den teils nachvollziehbaren, teils spürbar aus der Hose stammenden Sorgen wurde deutlich, dass sich die Diskussion auf einem schmalen Grat zwischen Ideologiekritik und Hexenjagdvergleichen bewegte. Obschon Gegenstimmen nicht allein von Männern kamen. Catherine Deneuve gehörte neben 100 weiteren Frauen zu den Unterzeichnerinnen eines offenen Briefs, der vor den negativen Folgen der MeToo-Bewegung warnte. Die Debatte habe zu einer "Kampagne der Denunziation" geführt und spiele "den Feinden der sexuellen Freiheit, religiösen Extremisten und schlimmsten Reaktionären" in die Hände.

Bedenken wie die von Andy Serkis wirken aber eilfertig. Bislang gibt es keinen Grund, den Schutz vor Machtmissbrauch als Hindernis, nämlich Einschränkung künstlerischer Freiheit oder gar Zensur, zu begreifen. Das Wort Intimitätskoordination mag einen furchtbaren Klang erzeugen, beschreibt aber offensichtlich notwendige oder mindestens erwünschte Kontrollmechanismen. Wenn ohnehin Zusatzklauseln in Schauspielverträgen über Details von Nacktheit und sexuellen Darstellungen entscheiden, darf es bei Dreharbeiten auch eine Person geben, die auf ihre Einhaltung achtet.

Filmische Abstinenz

Dass Nudity Rider, wie die Richtlinien im Englischen heißen, für Film und Fernsehen ein Gewinn sein können, lässt sich mit Blick aufs zugeknöpfte Unterhaltungsangebot andererseits schwer vermitteln. Kino ist keusch geworden. Während verschämte Erotik-Blockbuster wie Fifty Shades of Grey als gewagt und freizügig gelten, erhält die wilde Teenager-Fantasien versprechende Romanze After Passion eine FSK-Freigabe ab 0 Jahren. "Wir leben in einer Zeit der filmischen Abstinenz", schrieb jüngst die Kritikerin Catherine Shoard: Das Internet habe dem Filmsex die Dringlichkeit genommen – und im globalisierten Kino sei dafür kein Platz mehr vorgesehen.

Sex fiel gewissermaßen der Marktverengung zum Opfer. Unter den Bedingungen des Franchise-Diktats produziert das Mainstream-Kino (welches in den USA die einzige verbliebene Form von Kino ist) ausschließlich Filme für Kinder, Jugendliche oder die ganze Familie. Jedes große Hollywoodstudio möchte wie Disney sein. Und wie Disney sein bedeutet, asexuelle Superhelden- und Sternenkriegsfilme am laufenden Band zu produzieren. Erzählwürdig ist, was sich beliebig ausdehnen und vor allem in Länder exportieren lässt, die es mit der Freiheit nicht so genau nehmen.

Da es beim Sex sehr wesentlich um Freiheit geht, muss Hollywood für seine Auslandsmärkte eben Abstriche machen. In China kann bereits die Erwähnung unliebsamer sexueller Orientierungen zum Aufführverbot führen, weshalb Bohemian Rhapsody dort um alle Hinweise auf Freddie Mercurys Liebesleben bereinigt wurde. US-Studios führen solche Zensuren bereitwillig durch, zum Teil mildern sie Filme auch in vorauseilendem Gehorsam ab. Schon die unzensierte Fassung des Queen-Biopics zeichnet ein verklemmtes Bild von Sex im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen.

Die Grenzen von MeToo

Richtlinien über die Inszenierung von Nackt- und Sexszenen wirken zwar anderweitig auf Darstellungen ein, können aber ebenfalls zur Entwicklung beitragen. So beinhaltet der für die HBO-Serie Game of Thrones ausgehandelte Vertag von Emilia Clarke ein Vetorecht gegenüber Nacktszenen, das entscheidet, ob eine als unangebracht empfundene Szene gedreht bzw. überhaupt geschrieben wird. Das Persönlichkeitsrecht und der Schutz einer Frau sind selbstredend wichtiger als Seriensex. Doch lässt sich immer zweifelsfrei sagen, wo Kunst endet und Befindlichkeit anfängt?

Die Frage, ob solche und ähnliche Maßnahmen nicht nur – wie es gedacht ist – Einfluss auf Produktionsabläufe haben, sondern Veränderungen der Inhalte selbst herbeiführen, sollte zumindest erlaubt sein. Wenn MeToo-Sensibilitäten eine Allianz mit jenem Bedürfnis nach unanstößigen oder sogar inspirierenden Geschichten eingehen, das abseits des Franchise-Geschäfts letzte kommerzielle Möglichkeiten verspricht, würde von ihnen die schlimmste Art Kino profitieren: Oscartaugliche Biopics, deren historische biographische Erzählungen das Vergangene gegenwartsschlau aufbereiten.

Allein 2019 sind zahlreiche derartige Biopics erschienen, sie tragen Titel wie Can You Ever Forgive Me? oder Green Book. Um Sex scheren die Filme sich wenig, auch sie sind familienfreundlich aufbereitet. Meist verwöhnen sie das liberale Zielpublikum mit Gesinnungen bestätigenden Dialogen, die sich demonstrativ zeitkritisch geben. Bescheinigt werden soll ihnen dadurch Relevanz - Geschichten über Unterdrückung als symbolische Stütze tatsächlich Benachteiligter. Der absurde Glaube an ein Kino, das erzieherisch sein könne oder gar sein müsse, geht in Hoffnungen auf Erlösung über.

MeToo aber ist eine gesellschaftliche und keine kinematographische Bewegung. Wenn überhaupt, müssen filmische Geschichten und die Art ihrer Erzählung nun radikaler werden als jemals zuvor.

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