Das neue Jahr beginnt mit einer Katastrophe!

So that's the cat this ship is named after, huh?
© 20th Century Fox/moviepilot
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Kängufant Andreas Gerold
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Lovely, in a fluffy, moist kind of way.

Ihr denkt, ihr hattet es schwer, als ihr am Neujahrstag mit einem Kater unter einem Haufen Unbekannter in diversen Stadien der Entblätterung aufwachtet? Ha! You know nothing, Jon Snow: Das ist gar nichts, wenn euch das nicht in den Siebzigern auf einem Kreuzfahrtschiff passiert ist! Das neue Jahr ist da - und mit etwas Verspätung (siehe Kater) auch der erste Kommentar der Woche. Wie könnte man den Einstand in 2018 besser feiern als mit einer Katastrophe? Von da an kann es nämlich nur bergauf gehen ("Bergauf" - Get it? Get it? Ach egal ...).

Brennende Hochhäuser, abstürzende Flugzeuge, Erdbeben und Vulkanausbrüche - mit der Höllenfahrt der Poseidon hat alles begonnen (und sie ist ironischerweise ungefähr fast 40 Jahre später auch einer der Gründe, warum es wieder aufgehört hat). War es damals Leslie Nielsens Schuld? Unser Captain jp@movies sagt nein. Aber er ist auch nur ein Fisch ...

Der Kommentar der Woche von jp@movies zu Die Höllenfahrt der Poseidon

Sylvester. Die S.S. (nein, keine Nazis!!) Poseidon ist auf dem Weg von New York nach Athen, und gerät im Mittelmeer durch eine, von einem Erdbeben ausgelöste Riesenwelle in Seenot. Klingt unglaubwürdig? Dann fahrt dort mal nachts auf einem Kreuzfahrtschiff in schwerem Wetter herum, während ihr stocknüchtern seid, und sich das Zimmer um euch herum auf allen möglichen Achsen dreht. Dann schaut aus dem Kabinenfenster, das deutlich über dem Meeresspiegel liegt, und blickt dort einem verängstigten, hässlichen Fisch in die Augen - und stellt dann zu eurem Entsetzen fest, dass es sich um eurer eigenes, verängstigtes Spiegelbild unter Wasser handelt :)

Zurück zum Film. Es beginnt mit einem Kind, allein an Deck bei stürmischen Wetter. Haben wir doch schon immer gesagt! Wir durften damals allein draußen spielen! Ohne Aufsicht, bei Wind und Wetter! Dafür wird der Junge gleich geschimpft, und zwar vom Kapitän persönlich, gespielt von Leslie Nielsen, den wir hier in seinen jüngeren, aber noch immer nicht jungen Jahren bewundern dürfen. Kein Wunder also, dass der Kahn sinkt? Falsch gedacht, der Film ist alles andere als ein kalauernder Schenkelklopfer, wie Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug, in dem er ja auch mitgespielt hat.

Die Dramaturgie ist ganz wunderbar und reißt einen mit, wenn man sich von Anfang an mit gegen den Seegang stemmen muss. Wir erfahren dann, dass das Schiff schlecht beladen ist, und schon kennt man alle Zutaten, die zur Katastrophe führen werden. So geht das! Noch bevor sich die See beruhigt, werden uns weitere Charaktere vorgestellt, die an der Seekrankheit leiden bzw. liebestrunken sind. Dies alles geschieht sehr ökonomisch und zügig, so dass man gerade noch Zeit hat, um über die offensichtlichen Modellaufnahmen des Schiffs zu schmunzeln. Dann bricht die Nacht herein, das Unglück nimmt seinen Lauf und stellt die weihnachtliche Atmosphäre auf den Kopf: Die Welle lässt das Schiff kentern, das nun kieloben auf dem Meer treibt, das Filmset dreht sich bis es Kopf steht, ein bisschen wie in Inception, nur größer. Wer mit der Serie Ein Colt für alle Fälle aufgewachsen ist, wird dabei einen Stunt aus dessen Vorspann wiedererkennen, <SamHawkins>wenn ich mich nicht irre.</SamHawkins>

“If you don’t come with us, her death is meaningless.”

Schnörkellos wird nun der Überlebenskampf gezeigt, während sich eine Gruppe der Überlebenden zum Maschinenraum vorarbeitet, der jetzt über ihnen, am anderen Ende des Schiffes liegt, denn dort ist der Rumpf bei der Antriebswelle am dünnsten. Ganz ohne Greenscreen-Gedöns geht es zur Sache, gegen Feuer und Wasser, mit einer bunt zusammen gewürfelten Gruppe, angeführt von Gene Hackman als wunderbar fluchendem Priester. Und verdammt: Wenn Gene Hackman sagt spring - dann springt man! Wer noch unbedingt erwähnt werden muss, ist Ernest Borgnine, der eine wunderbar naive, rührende Rolle spielt, die einen nicht unberührt lassen wird.

Man bekommt viel geboten, angenehm trocken (pun intended) inszenierten Humor, umgedrehte Toiletten, nicht als Jackass-Experiment mit Dixiklo an Bungee-Seilen, sondern schlicht, ohne Worte. Diese stillen Momente sind es, die für die nötige Dynamik sorgen, ehe wieder Schotten brechen (nein, Sean Connery spielt nicht mit), irgendwo ein Kessel explodiert, und das Wasser höher steigt. Schönstes Detail am Rande: Jedes Mal wenn Gene Hackman der älteren Schwester [Pamela Sue Martin, Anmerkung des, ob der unverschämten Nichtnamensnennung echauffierten Redaktionsmitglieds] ins Gewissen redet, hält er ihren Kopf mit beiden Händen fest, und dabei selbstredend ihre Ohren zu... manchmal zählen Gesten eben mehr als Worte. Außerdem kommt in dieser Stille die hervorragende Musik von John Williams besser zur Geltung:

Ein Film, der heute noch gut funktioniert, und den ich schon als Kind geliebt und gefürchtet habe. Ich wuchs jahrelang in dem Glauben auf, dass man so Frauen kennen lernt - im Rahmen einer Katastrophe, wo hübsche Ledige überleben, bzw. die Reiferen frisch verwitwet sind. Erst später lernte ich, dass niemand sterben muss (wie Audrey Hepburn am Anfang von CHARADE so wunderbar suggeriert), um das erste Kennenlernen der Geschlechter in einer Katastrophe enden zu lassen. Es wiederholt sich eben alles, und um das Remake von Wolfgang Petersen macht man wohl besser einen großen Bogen, und sieht sich lieber zum wiederholten Male in dessen Boot um.

Wer noch nicht genug bekommen hat, der kann sich noch das schräge Sequel Jagd auf die Poseidon ansehen, wo unter der Führung von Michael Caine die Die Straßen von San Francisco in der Form von Karl Malden’s Nase auf Kojak in Form von Telly Savalas’ Glatze treffen - unter Wasser!!! Aber das ist eine andere Fortsetzung, die ein andermal erzählt werden soll. Na gut, hier der Trailer:

Das war dann mein vorerst letzter Ausflug in die 70er Jahre, das Jahrzehnt der Katastrophenfilme, das außerdem der Höhepunkt von New Hollywood erlebte, sowie die Geburt der Blockbuster. Jetzt, 40 Jahre später haben Filme, in denen ebenfalls so ziemlich alles zu Bruch geht, erneut Hochkonjunktur. Wieder herrscht Krisenstimmung, und diesmal scheinen es kinoreife Fernsehserien zu sein, die am Ende das Ruder herum reißen, und das drohende Inferno ausnahmsweise einmal ausbleibt.

Das Originalschiff ist übrigens hier umgekippt. Happy new year, darlings!

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