"Willkommen im MCU. Du stößt an einem ziemlichen Tiefpunkt dazu." Mit diesen Worten empfängt Deadpool seinen X-Men-Kollegen Wolverine im Marvel Cinematic Universe und legt damit seinen Finger direkt in die Wunde. Nachdem das unter dem Dach von Disney beheimatete Franchise in der vergangenen Dekade das Blockbuster-Kino dominierte, haben die letzten Ableger nicht mehr so zuverlässig gezündet.
Tatsächlich kommt Deadpool & Wolverine nach dem bisher größten MCU-Flop ins Kino. Mit einem Einspielergebnis von 200 Millionen US-Dollar ist The Marvels das bisher deutlichste Warnsignal, dass eine MCU-Anbindung allein keinen Milliarden-Hit mehr garantiert. Aus den Zahlen wird deutlich: Die Massen sind nicht so sehr in die Multiverse-Saga investiert, wie sie es bei der vorhergegangenen Infinity-Saga waren.
Achtung, es folgen Spoiler!
Marvel-Leuchtfeuer: Deadpool & Wolverine will den Erfolg von Spider-Man: No Way Home wiederholen
Es braucht einen Film, der die Begeisterung für das MCU neu entfacht und dem Franchise ein Zentrum gibt, nachdem es durch zahlreiche Serien bei Disney+ zerfahren wurde. Ein Event-Blockbuster, der monatelang die Popkultur dominiert. Ein Kinoereignis, das man einfach erlebt haben muss – so wie damals, als zwei Spider-Man zurückkehrten, von denen wir dachten, dass wir sie niemals wiedersehen werden.
Hier könnt ihr den Trailer zu Deadpool & Wolverine schauen:
Auf den ersten Blick vollbringt Deadpool & Wolverine genau dieses Kunststück: Was Spider-Man: No Way Home für die vergangenen Marvel-Universen aus dem Hause Sony war, ist Deadpool & Wolverine für die X-Men von 20th Century Fox. 2019 wurde das Filmstudio von Disney übernommen, sodass nun dem ultimativen Marken-Crossover inklusive Nostalgie-Bonus und Cameo-Parade nichts mehr im Weg steht.
Aber reicht das wirklich, um ein gebeuteltes Franchise zu retten?
Bevor wir diese Frage klären können, müssen wir erst einmal herausfinden, mit was für einem Film wir es genau zu tun haben. Das Offensichtlichste zuerst: Deadpool & Wolverine ist ein Film, der beide Titelfiguren zusammenführt. Theoretisch sind sie sich in X-Men Origins: Wolverine bereits über den Weg gelaufen. Da der Film aufgrund seiner Qualität bei Fans in Ungnade gefallen ist, wurde er aber mehrmals überschrieben.
Hugh Jackman erhielt zwei weitere Wolverine-Filme, die trotz einer vage formulierten Kontinuität den Vorgänger überwiegend ignorieren. Ryan Reynolds ging deutlich radikaler vor: Sein Deadpool-Reboot bewegt sich komplett auf der Metaebene und lässt ihn mit flotten Sprüchen die vierte Wand durchbrechen. Genüsslich kommentiert er darin das eigene Marvel-Versagen (aka der Frankenstein-Deadpool aus Origins).
Deadpool & Wolverine wütet im frisch erschlossenen Marken-Fundus und wirkt dennoch reserviert
Mitunter entsteht der Eindruck, dass Reynolds' erste Deadpool-Version scheitern musste, um einen Unterbau zu schaffen, der selbstreferenziell von der Neuauflage aufgegriffen werden kann. Dieser freche Tonfall bildet ebenfalls das Grundgerüst für Deadpool & Wolverine. Vorwissen über die Disney-Fox-Verschmelzung wird als gegeben vorausgesetzt, ebenso ein Überblick über den Marvel-Fundus im Keller von Fox.
Von Fantastic Four über Elektra bis zu den verschiedenen X-Men-Generationen, die wir im Lauf der Jahre kennengelernt haben: Deadpool & Wolverine erinnert sich in seinem Easter-Egg-Wahn sogar an die Blade-Filme mit Wesley Snipes, die eigentlich nichts mit Fox zu tun haben. Für einen Meta-Gag oder einen unerwarteten Cameo-Auftritt sind sie aber genauso wertvoll wie vergessene Trivia-Fakten und verschmähte Marvel-Figuren.
Deadpool & Wolverine ist dermaßen vollgestopft mit Insider-Wissen, dass es erstaunlich ist, einen Mainstream-Blockbuster und keinen zum Leben erwachten Hintergrundbericht im Kino zu schauen. Nicht selten fühlt sich der Film an, als würden wir einem pointierten Gespräch über den Status quo des MCU lauschen, das gleichzeitig vor, nach und während des popkulturellen Diskurses um ihn herum stattfindet.
Kein Wunder, dass sich Deadpool mehrmals im Film als Marvel-Jesus bezeichnet, um seine erzählerische Allmächtigkeit zu betonen. Spielerisch setzt er sich über Franchise- und Leinwandgrenzen hinweg, was definitiv unterhaltsam ist, schlussendlich aber nie dorthin geht, wo es wirklich aufregend oder gar ungemütlich wird. Trotz Multiverse-Portalen schreckt der Film vor den wagemutigsten Sprüngen zurück.
Das Multiversum bleibt filmisch unergründet und die interessanten Story-Ansätze verpuffen in Posen
Deadpool & Wolverine geht weder als ungezügeltes Konzern-Cameo-Kuddelmuddel all in noch wartet der Film mit einem klugen Dialog über Markenvermächtnisse auf, deren Wert vor unseren Augen verhandelt wird. Was passiert mit den (un-)geliebten Figuren einer (vorzeitig) beendeten Reihe? Landen sie wie alte Spielzeuge in einer Kiste und werden vergessen? Oder erhalten sie einen letzten großen Moment?
Hier kommen wir an den Punkt, an dem Deadpool & Wolverine am ehesten eine klassische Geschichte erzählt. Eine Geschichte über Außenseiter, die nach Bedeutung suchen, aber von Schmerzen und Enttäuschungen verfolgt werden. Der Film versucht, die Figurenschicksale mit den Markenschicksalen zu verweben, was ambitioniert ist – als würde sich Pixar den Gefühlen der vergessenen Spielzeuge in der Kiste widmen.
Am Ende gräbt sich Deadpool & Wolverine jedoch nie tief genug in seine Ideen, die irgendwie zwischen Gewalt- und Referenzorgie herumschwirren wie der Deadpoo-Zombie-Kopf beim Massaker in New York. Die Möglichkeiten des Multiversums werden filmisch zu keiner Sekunde erforscht. Der animierte Spider-Man: Across the Spider-Verse war da mit seinen ekstatisch ineinander übergehenden Bild- und Tonwelten weiter.
Abseits der vernachlässigten Form lässt Deadpool & Wolverine vor allem aber eines nicht zu: Verletzlichkeit. Obwohl sich der Film um aufrichtige Emotionen bemüht, bleibt er nur an Posen hängen. Genau diese Verletzlichkeit wäre aber notwendig gewesen, um eine neue Fallhöhe zu ermöglichen – also genau das, was einen in eine Geschichte hineinzieht und dafür sorgt, dass man auf keinen Fall verpassen will, wie sie weitergeht.
Das MCU beißt sich in den eigenen Schwanz: Langsam sind alle großen Franchise-Joker gezogen
So ist Deadpool & Wolverine lediglich eine Adrenalinspritze, die kurz in Ekstase versetzt, aber langfristig kein Franchise am Leben halten kann. Nach Spider-Man: No Way Home und Doctor Strange in the Multiverse of Madness ist klar: Der einzige Weg, das zu übertreffen, sind noch mehr Cameos – und wie viele Joker kann Marvel noch ziehen? Mit Wolverine und den Spideys sind die größten Nostalgiekarten verspielt.
Der nächste logische Schritt wäre, Ur-Avengers wie Robert Downey Jr. und Scarlett Johansson zurückzuholen. Mit Chris Evans hat es hier im Grunde schon angefangen – immerhin mit einem witzigen Twist. Aber auch dieser genügt nicht, um das Fox-Footage im Abspann auf irgendeine Weise zu rechtfertigen. Trotz der Rückkehr diverser Figuren bleibt die Auseinandersetzung mit dem Marvel-Vermächtnis extrem oberflächlich.
- Zum Weiterlesen: Alle 26 Cameos in Deadpool & Wolverine auf einen Blick
Das MCU, das vor einer Dekade riesig wirkte, ist sehr klein geworden und lebt momentan ausschließlich von der Aussicht auf fremde Retter:innen. Ausgerechnet das Multiversum, das so viele kreative Türen öffnen könnte, ist zur Einbahnstraße geworden. Deadpool & Wolverine kann sich nicht einmal festlegen, ob er sich von den Fox-Men verabschieden oder sie doch mit in die nächste Ära nehmen will. Stillstand.
Deadpool & Wolverine läuft seit dem 24. Juli 2024 in den deutschen Kinos.