Endlich zum Streamen: Der verstörendste Kinofilm des Jahres über Kindesmissbrauch im Netz

Anezka Pithartová ist eine von drei Schauspielerinnen, die sich im Internet als 12-Jährige ausgebenFilmwelt
04.11.2021 - 17:45 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Die Dokumentation Gefangen im Netz offenbart, wie schnell Kinder im Internet zu Opfern sexuellen Missbrauchs werden. Und überschreitet dabei trotz aller guten Vorsätze selbst eine Grenze.

Hinweis: Diesen Artikel zu Gefangen im Netz haben wir bereits am 30. Juni 2021 veröffentlicht, als die Dokumentation im Kino lief. Dies ist eine leicht veränderte Fassung.

Als mir das erste Mal ein erwachsener Mann im Internet seinen Penis zeigen wollte, war ich 14 Jahre alt. Mit 15 gehörte es zu meinem Internet-Alltag, mit Menschen zu chatten, die deutlich über 30 waren – und offensichtlich kein Problem damit hatten, von Dates mit "reifen" Minderjährigen wie mir zu träumen. Ich habe mich damals geehrt gefühlt. Wie gefährlich das Ganze war, habe ich erst später verstanden.

Ich hatte Glück, dass ich damals erst so spät freien Zugang zum Internet hatte. Der verstörende Film Gefangen im Netz beweist nämlich: Im Internet ist niemand vor sexuellen Übergriffen sicher, vor allem keine Kinder. Die Abgründe, die die Dokumentation zeigt, sind stellenweise kaum auszuhalten und überschreiten auch juristische Grenzen. Für Hartgesottene ist die Cybergrooming-Doku aktuell unter anderem bei RTL+ (ehemals TVNOW) streambar.

Jetzt bei RTL+: Worum geht’s in Gefangen im Netz?

Die tschechische Dokumentation will in einer Art Experiment zeigen, welchen Gefahren Kinder online ausgesetzt sind, und engagiert dafür drei Schauspielerinnen: Anezka Pithartová, Tereza Tezká und Sabina Dlouhá. Die Frauen sind alle volljährig, spielen aber 12-Jährige, die über Social-Media-Profile auf der Suche nach neuen Freunden sind.

In einem Studio werden drei authentische Kinderzimmer aufgebaut, in denen die Frauen an 10 Tagen vor einem Laptop sitzen und mit insgesamt über 2500 Männern chatten oder über Videocall sprechen. Mit 21 Männern finden schließlich auch echte Treffen statt. Begleitet werden die Schauspielerinnen dabei von einem (versteckten) Kamera-Team.

Die Profile und die Kinder sind ausgedacht, die Männer sind echt – und kommen im Film sehr schnell zur Sache. Manchmal dauert es nur wenige Sekunden, bis jemand ein Foto von seinem Penis schickt, vor laufender Kamera masturbiert oder ein scheinbares Kind nach Nacktbildern fragt. Die Chats werden aneinandergeschnitten, immer wieder unterbrochen von den geschockten Reaktionen der Schauspielerinnen und der Crew. Ab und an kommen auch Therapeutinnen oder Rechtsexperten zu Wort.

Sabina Dlouhá und die anderen Frauen sitzen in Kinderzimmer-Kulissen – jeder Chat wird aufgezeichnet

Hinter jeder zweiten Freundschaftsanfrage lauert ein Monster. Anonyme, verpixelte Gesichter mit scharfgestellten Augen und Mündern, die gierig nach nackter Haut verlangen. Die Unmittelbarkeit der Inszenierung lässt schnell vergessen, dass hier keine echten Kinder sitzen. Und macht umso fassungsloser, dass solche Dinge wirklich passieren.

Viele Szenen in Gefangen im Netz sind nur schwer zu ertragen

Da gibt es Männer, die mit sanfter Stimme nach Hobbys und Eltern fragen, während sie unterm Schreibtisch ihren Schritt bearbeiten. Andere lassen sich erst (gephotoshoppte) Nacktfotos der angeblichen Kinder schicken, um sie anschließend damit zu erpressen. Mach mich glücklich, zeig mir mehr, sonst schicke ich die Fotos an all deine Freunde – solche Drohungen werden mehr als einmal ausgesprochen.

Wieder andere drängen auf private Treffen und versprechen jede Menge Süßigkeiten, wenn ihre vorgeblich minderjährige Chatpartnerin sich von ihnen zeigen lässt, wie das mit dem Sex so "funktioniert". Einer bringt sogar einen Dreier mit seiner Frau ins Spiel.

Dem Film ist es wichtig zu zeigen, dass all das existiert. Deutlich zu machen, wie schnell Grenzen überschritten werden, wie grausam die Realität ist. Wenn selbst die bezahlten Schauspielerinnen nach einem Videochat fassungslos in Tränen ausbrechen, wie soll es dann erst einem tatsächlichen Kind gehen? Trotzdem gibt es eine Szene, die Gefangen im Netz nicht hätte zeigen sollen.

Auch das Film-Team überschreitet bei der Kindesmissbrauchs-Recherche Grenzen

Ein Mann bedroht eine der Schauspielerinnen nicht nur und teilt anschließend die angeblich authentischen Nacktbilder von ihr in den sozialen Medien. Er schickt außerdem Fotos davon, wie eine angebliche Freundin von ihm Geschlechtsverkehr mit einem Hund hat – und schließlich ein Video, das so schrecklich ist, dass ich den Film pausieren musste.

Es ist stark verpixelt, trotzdem lässt sich erahnen: Da liegt ein schmaler Körper mit zuckenden Beinen, in der Hand etwas, das unschwer als Sexspielzeug zu erkennen ist. Eine Masturbationsszene, wie es sie auf Pornhub zu tausenden gibt. Doch dann kommen die fassungslosen Stimmen der Crew aus dem Off: Ob das eine 10-Jährige sei auf dem Video, sie sähe zumindest so aus, wird gerufen. Dass da wirklich jemand sogenanntes kinderpornografisches Material verschicken würde, damit hatte offensichtlich niemand gerechnet. Das Filmteam ist entsetzt. Ich auch.

Die Schauspielerin Tereza Tezká wird von mehreren Männern erpresst und bedroht

Laut den Filmverantwortlichen ermittelt die tschechische Polizei gegen die Männer, die in der Dokumentation gezeigt werden. Kinder zu sexuellen Handlungen überreden zu wollen, ist eine Straftat. Missbrauchsmaterial zu teilen sowieso. Nur: War es wirklich notwendig, Material von möglicherweise echten Kindern zu zeigen, die nicht zugestimmt haben, Teil einer Cybergrooming-Doku zu sein? Wenn diese Szene für die Doku nachgestellt wurde, ist es zumindest nicht ersichtlich.

Wer die Cybergrooming-Doku über die offizielle Website streamt, bekommt weitere verstörende Infos – und kann Gutes tun

Gefangen im Netz ist trotz vielen unerträglichen Momenten eine sehenswerte, eindrucksvolle Dokumentation zu einem Thema, über das viel zu wenig gesprochen wird. Und ist übrigens nicht nur im Abo von RTL+ inbegriffen: Wer die tschechische Cybergrooming-Doku über die offizielle Website des Films  für 48 Stunden digital "ausleiht", unterstützt damit, dass eine Schulklasse den Film in einer entschärften FSK12-Version sehen und anschließend diskutieren kann – also genau die Zielgruppe, die tagtäglich Opfer von Cybergrooming wird.

Wer den Film über die offizielle Website streamt, bekommt übrigens noch eine weitere Information, die sich wie ein Schlag in die Magengrube anfühlt: Die Seite zählt die Sekunden, die man auf der Seite verbringt, und teilt einem mit, wie viele Abbildungen sexualisierter Gewalt an Kindern in diesem Zeitraum ins Internet hochgeladen wurden.

Gefangen im Netz hat eine Laufzeit von 100 Minuten. Zwischendrin muss ich eine kurze Pause machen, zum Luftholen, zum Runterkommen. Am Schluss zeigt mir der Zähler über 7000 neu hochgeladene Missbrauchsbilder an.

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