Get Out ist eine Lektion in Sachen Rassismus

Horror als Rassismus-Erfahrung
© Universal Pictures International Germany
Horror als Rassismus-Erfahrung
06.05.2017 - 09:10 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Jordan Peeles Get Out ist ein Film, der mit Hilfe von Genre-Konventionen etwas über die Erfahrung von Rassismus in die Gefühlswelt seiner Zuschauer transportiert. Get Out ist ein perfektes Beispiel der Bearbeitung realer Ängste einer Minorität.

Vorsicht, Spoiler zu Get Out:

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob Jordan Peele mit seinem Film Get Out das übliche Horror-Gedöns repliziert, nur eben mit einem schwarzen Mann (Daniel Kaluuya) in der Hauptrolle.

Get Out - Trailer (Deutsch) HD
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Das an sich ist ja schon eine kleine Subversion des Klischees "Der Schwarze stirbt zuerst". Aber in Get Out geht es viel weiter. Er wird gesellschaftspolitisch und bleibt dabei der eigentlichen Idee von Horror doch sehr treu.

Denn Horrorfilme sind immer Ausdruck und Ausarbeitung von gesellschaftlichen Ängsten. Und in den letzten ein bis zwei Jahren sorgen Produktionsfirmen aus dem Indie-Bereich wie z.B. Blumhouse dafür, dass die Ängste, die verhandelt werden, nicht mehr allein der gesellschaftlichen Mehrheit angehören. It Follows nutzte eine wunderbare Parabel über Geschlechtskrankheiten, um sich der sexuellen Befreiung zu nähern, Der Babadook arbeitete sich an Mutter- und Frauenrollen ab, Green Room erwies sich als perfekte Parabel für die berechtige Angst vor einer neuen Neo-Nazi/Alt-Right Welle, die über die USA schwappt. Das Geniale an diesen Filmen? Es sind nicht nur die diverseren Stimmen, die hier erzählen, es ist die Kombination aus Politik und Genre, denn kaum ein anderes vermag so dezidiert emotional vermitteln zu können wie der Horrorfilm. Get Out ist ebenfalls ein perfektes Beispiel der Bearbeitung realer Ängste einer Minorität. Hier ist die Perspektive und die Handlung dezidiert aus afroamerikanischer Sicht.

Das Böse in Get Out sind die Weißen. Genauer gesagt: die Weißen, die sich liberal geben, die in Vorstädten wohnen, die Obama wählten und die den Post-Rassismus ausriefen, weil sie selbst ja "(Haut)Farbe nicht sehen". Das Böse ist hier der Rassismus der Obama-Ära. Er schmückt sich im Gewand von Toleranz und Liberalismus, er weiß, dass er seine unterschwelligen Ideen nicht herausrufen sollte, weil sich das nicht mehr geziemt. Es ist ein unterschwelliger, ein wohlgemeinter, sich selbst auf die Schulter klopfender Rassismus. Und Chris, die Hauptfigur, kennt ihn sehr gut. Er weiß diese Art so gut es geht zu navigieren: lächeln, nicken, code switchen (einen anderen sprachlichen und gestischen Duktus einnehmen), sich zurückziehen zum Durchatmen.

https://youtu.be/-IQhJCeciEM

Als Zuschauer sieht man die Geschehnisse durch seine Augen und bekommt somit eine rein afroamerikanische Perspektive zu sehen - ein seltener Fall im Kino. Noch dazu so absolut unapologetisch und offen. Denn wenn solch ein Perspektivwechsel mal stattfindet, dann eher nur momentan oder früher oder später revidierend. Dann gibt es eben doch irgendwo den ein oder anderen "guten" Weißen oder Retter. Chris' Freundin Rose (Allison Williams) scheint für eine Weile mit dieser Rolle zu kokettieren, doch letztendlich stellt sie sich ja, vor allem auf einer moralischen Ebene, als die perfideste und bösartigste von allen heraus. Und als sehr interessante Figur, die den "weißen Feminismus" ordentlich aufs Korn nimmt, der in seinen schlimmsten Auswirkungen eine Art Lifestyle geworden ist, anstatt wirklich zu versuchen, Dinge zu bewegen und vor allem intersektionell und nicht nur für sich selbst bezogen zu denken, .

Und so sieht man sich zusammen mit dem Protagonisten in einer Rolle, in der man permanent auf Eierschalen läuft und jeden Blick, jede Geste, jedes Wort doppelt befragen muss. Denn ist Rose wirklich verliebt oder will sie ihren Eltern nur eins auswischen? Wieso hat sie nicht erwähnt, dass Chris Afroamerikaner ist? Und erwähnt ihr Vater nicht ein bisschen sehr oft, dass er für Obama gewählt hat? Warum sind alle Angestellten AfroamerikanerInnen, wieso reden sie nicht und kleiden sich seltsam? Weshalb will die Mutter ihn unbedingt psychologisch behandeln? Diese Horror-Elemente gehen weit über das übliche Hadern und Argwöhnen hinaus. Sie wabern und brummen mit dem Wissen, dass hier etwas zu nett-liberal und ordentlich ist. Und sind dabei (fast) immer zu spüren und zu verstehen, auch wenn sie durchaus so klein und subliminal sind, dass man sie fast verpasst. Wollt ihr ein Beispiel?

Als Chris Roses Eltern das erste Mal trifft, erzählt der Vater vom Hass auf Rehe und dass man sie alle ausrotten muss. Dieses Gespräch referenziert in der leisesten Note ein altes Sklaven-Gesetz namens "Buck Breaking" (Buck = (Reh)Bock, Breaking = zähmen, einreiten), bei dem weiße Plantagenbesitzer männliche Sklaven, die nicht gehorsam waren, vor allen anderen Sklaven, aber besonders ihrer eigenen Familie, vergewaltigten, um sie zu brechen.

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Der Film ist voll von solchen mal mehr, mal weniger sanften Anspielungen.

Chris, im Gegensatz zu klassischen Horrorfilm-Protagonisten, erkennt sofort, in welcher Gesellschaft er sich befindet. Interessant ist dabei, dass er zwei Drittel des Filmes still und defensiv ist und die vielen Kommentare und Übergriffe zurückhaltend angeht. Eine Haltung, die man eben eingeht, wenn man in der Unterzahl ist und diese ist in diesem Film nicht nur diegetisch bedingt, sondern eben auch Ausdruck der gesamten Gesellschaft, die Peele ja hier in seiner kleinen weißen Gartenkolonie voll alternder, weißer Menschen in Miniatur darstellt. Chris' Stille ist aber kein Akt von Schwäche, sondern vielmehr eine Erinnerung an die lange Tradition afroamerikanischer Non-Violence, wie sie Martin Luther King einst predigte und wie sie auch jetzt versucht wird bei Demonstrationen einzuhalten. Non-Violence ist wichtiger Bestandteil der Resistance, wie man beispielsweise an der Black Lives Matter-Bewegung sehen kann. Die Haltung kommt natürlich nicht einfach so, sondern aus der extremem Gefahr, die in einem rassistischen, bis an die Zähne bewaffneten Land wie den USA entsteht, wenn eine schwarze Person, vor allem ein schwarzer Mann, sich wehrt oder gar nur als aggressiv wahrgenommen wird.

Aber genau diesen anstrengenden Gang auf Messers Schneide geht man mit Chris und ist dabei in der Lage, mit ein wenig Einfühlungsvermögen die Frustration über die ständige Objektivierung und entmenschlichenden Mikroaggressionen mitzufühlen. Und die sind vor allem bei der Gartenparty allerhand. Denn Regisseur und Autor Peele bleibt nicht beim Zeigen des üblichen Rassismus, er baut auch dessen Ambivalenzen mit ein. Im Falle von afroamerikanischen Männern ist dies die Faszination Weißer mit ihren Körpern, die als besonders stark und viril gelten: "Once you go black, you never come back". Schwarze können schneller rennen... etc.

https://youtu.be/BY_WTQEhV9M

Kein Wunder also, dass es Chris' Körper ist, der hier in seiner Gänze begehrt wird, sein Bewusstsein, seine eigene Identität aber per Gehirnwäsche verdrängt und wenn möglich ausgerottet werden soll.

Doch Get Out zeigt nicht nur die Mechanismen des Rassismus auf. Der Film bietet letztendlich eine Katharsis und Satisfaktion, die in der Realität so nie stattfinden kann. Denn am Ende wehrt sich Chris erfolgreich und kann nicht nur Fliehen, sondern auch das Böse besiegen. Und normalerweise fiebert man immer mit dem/der letzten Überlebenden, dem Final Girl oder Boy. Doch hier ist es anders. Ein fahler Geschmack bleibt, denn die Realität in den USA ist unbestritten anders. Ein schwarzer Mann, der in Notwehr Weiße umbringt, überlebt das meistens nicht oder landet doch hinter Gittern. Er fährt jedenfalls nicht davon oder wird als Held gefeiert. Und niemand wird ihm glauben, dass diese netten, liberalen, weißen Menschen die eigentlichen Monster waren.

  • Jenny hat gerade einen hervorragenden Artikel zur seriellen Umsetzung von Dear White People geschrieben, der irgendwie Hand in Hand geht mit diesem Artikel.
  • Vier Filme, alle neu, bilden für mich eine perfekte Einsicht in die Problematik und vielleicht den Anfang einer African American Wave. Alle sind derzeit im Kino oder auf VoD einsehbar. Wer sich also interessiert, schaut: I Am Not Your Negro, Moonlight, Dear White People (Film oder Serie) und eben Get Out. Good stuff.

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