Glückwunsch zum 70. Geburtstag, David Lynch!

David Lynch bei den Dreharbeiten zu Mulholland Drive (2001)
© Universal Pictures
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Ist es wirklich schon zehn Jahre her, dass mit Inland Empire der bisher letzte Film vom Fachmann für verschrobene Unterhaltungskunst, David Lynch, in die Kinos kam? Zum Glück ist Lynch jedoch mehr als nur ein Filmemacher, sodass wir seinen 70. Geburtstag zum Anlass nehmen wollen, ihn auch als Musiker, Maler, Zeichner, Fotograf, Autor und Verfechter kruder Meditationstechniken kennenzulernen.

Soundtrack des Übernatürlichen

Beginnen wollen wir mit der Musik. Kurz vor Weihnachten ist nämlich ein Re-Release des Dark Ambient-Albums mit dem treffsicheren Namen Polish Night Music erschienen, das der Meister der filmischen Umnachtung zusammen mit dem polnischen Komponisten Marek Zebrowski ursprünglich bereits im Jahr 2007 aufgenommen hatte. Die Kollaboration mit Zebroswki, der auch die Filmmusik für Inland Empire schrieb, enthält vier atmosphärische Etüden an die Nacht und war bis zur Wiederveröffentlichung ein extrem begehrtes Kleinod unter Lynchjüngern. Eine Kostprobe daraus findet ihr hier:


Dies ist nicht Lynchs erste Zusammenarbeit mit einem Komponisten klassischer Herkunft. Zuvor war es Angelo Badalamenti, der für seine Filme Blue Velvet, Wild at Heart, Twin Peaks: Der Film, Lost Highway, Eine wahre Geschichte - The Straight Story und Mulholland Drive die Musik beisteuerte. In zweien dieser Filme ist Badalamenti sogar in kleineren Nebenrollen zu sehen, und zwar als Mafiaboss Luigi Castigliane in Mulholland Drive sowie als Barpianist in Blue Velvet. Wer es jedoch lieber etwas eingängiger mag, dem sei der Nachfolger von David Lynchs 2011 erschienenen Soloplatte Crazy Clown Time mit dem bedeutungsschwangeren Albumtitel The Big Dream aus dem Jahr 2013 ans Herz gelegt:

Collagen der Beklommenheit

In seiner langen Künstlerkarriere schuf David Lynch, der ursprünglich drei Semester an der renommierten Pennsylvania Academy of the Fine Arts studierte, auch zahlreiche Bilder, Zeichnungen, Lithografien und Fotografien. Vergangenen Sommer ehrte ihn die Queensland Gallery of Modern Art mit der Sonderausstellung Lynch: Between Two Worlds und lud zu einer weltweiten Beschäftigung mit seinem Werk ein. Ideen, die in seinen Kunstwerken wieder und wieder zum Vorschein kommen, sind beispielsweise das Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Kunstformen, derer er sich bedient, sowie die Beziehung von Mensch und Maschine und die Bewältigung seelischer Traumata. Laut Lynch ist es Aufgabe der Kunst, die Möglichkeiten unserer alltäglichen Erfahrungen zu überschreiten, um in eine tiefere Sinnebene, eine andere Welt einzutauchen.

David Lynch art

Oft wirken seine Bilder bewusst etwas primitiv oder gar kindisch, da darin häufig cartoon-artige Darstellungen von menschlichen Figuren mit kaum noch lesbaren Textfragmenten zu einer Collage im Stile von Surrealisten wie Max Ernst kombiniert werden. Obwohl viele der Bilder die sexuell aufgeladene Gewalt seiner Filme und ihren gruseligen Voyeurismus vermissen lassen, so lösen sie dennoch den ein oder anderen Schockeffekt beim Betrachter aus. Oder wie seht ihr das?

Schnappschüsse des Zerfalls

Die Fotografie ist eine Kunstform, die nahe mit dem Film verwandt ist, und so nimmt es nicht wunder, dass David Lynch auch hier zu Hause ist. 2014 erschien im Münchener Prestel Verlag der Fotoband Factory Photographs, der in vielerlei Hinsicht wie eine Bebilderung zu Eraserhead anmutet. Der Band versammelt 50 Schwarzweiß-Fotografien von düsteren Industrieruinen, die aufs Beste die typische "lyncheske Weirdness" einfangen. Zu sehen sind leerstehende Fabrikhallen, stillgelegte Maschinen, jede Menge Schornsteine, zerschlagene Fensterscheiben, rostige Gitter, Putz, der von den Wänden bröckelt, doch Menschen - Menschen sucht man hier vergebens. Die von 1986 bis 2000 entstandenen Fotografien der Städte Lodz, Berlin, New Jersey, New York und einigen nicht näher benannten Industriehochburgen Englands erinnern uns an Lynchs einzigartige Fähigkeit, mittels ungewohnter Umgebungen eine surreale Atmosphäre heraufzubeschwören, die sich auch in vielen seiner Filme wiederfinden lässt.

Versunkenheit im Sein

Darüber hinaus erscheint zum 70. Geburtstag auch die deutsche Ausgabe seines autobiographischen Buchs Catching the Big Fish, in dem David Lynch erstmals über seinen Werdegang als Künstler und die Entstehung seiner Filme spricht. Auch wenn das 170 Seiten dünne Buch für eingefleischte Lynchianer wohl keine weiteren Anhaltspunkte zur Entschlüsselung seines Filmkosmos bereithält, so geben die zahlreichen Erinnerungen und Anekdoten dennoch einen lehrreichen Einblick in seinen Schaffensprozess. Wie schon aus dem Untertitel Meditation, Kreativität, Film ersichtlich wird, geht es in dem Buch auch um das Thema der Transzendentalen Meditation, die einen bedeutenden Einfluss auf sein künstlerisches Schaffen ausübt. Lynch meditiert seit den 1970er Jahren nach der Lehre des Maharishi Mahesh Yogi, dem einst auch die Beatles huldigten. Außerdem hat er eine Stiftung für „Bewusstseins-basierende Lehre und Weltfrieden“ ins Leben gerufen und betreibt zweimal täglich Transzendentale Meditation im Namen des Weltfriedens. Gefallen muss uns das nicht, aber dennoch beweist das, welchen Stellenwert diese markenrechtlich geschützte Meditationstechnik für sein Leben und Werk hat:

Wut, Depression und Trauer sind in einer Geschichte großartige Dinge, aber für den Filmemacher oder Künstler sind sie Gift. Wie ein Schraubstock haben sie die Kreativität im Griff. Wenn dich dieser Schraubstock gepackt hat, kommst du kaum aus dem Bett, geschweige denn, dass du den Fluss der Kreativität oder der Ideen spürst. Schöpferische Tätigkeit verlangt nach Klarheit. Du musst imstande sein, Ideen zu fangen.
Wenn du meditierst, nimmt der Fluss der Ideen zu. Aktion und Reaktion werden schneller. Du bekommst hier eine Idee, gehst erst dahin und dann dorthin. Es ist wie ein Improvisationstanz. Deshalb transzendiere, erlebe das Selbst – das reine Bewusstsein – und beobachte, was geschieht.

(Quelle: Alexander Verlag)

So prägen Gewalt und Finsternis seine Filme, aber nur, weil das laut Lynch die Welt reflektiert, in der wir leben. Er selbst arbeite gegen Negativität an. Lynch bezeichnet sich allerdings nicht als einen Erleuchteten, sondern er sei "nur ein Typ aus Missoula, Montana, der sein Ding macht und seinen Weg geht wie jeder andere auch".

Zurück ins Zwielicht

Wenn es ein wiederkehrendes Motiv in allen Tätigkeitsfeldern des Multi-Media-Künstlers David Lynch gibt, ist das wohl die Beschäftigung mit der dunklen Seite Amerikas. Bereits in seinem düsteren Frühwerk verweist Lynch immer wieder auf die Schattenseite der USA, auf eine irre Parallelwelt hinter der perfekten Fassade. In all seinen Werken verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und (Alb)Traum. Da ist es nur konsequent, dass er mit der Wiederbelebung von Twin Peaks bald wieder zu seinen dunklen Anfängen zurückkehrt. Nachdem es vor einiger Zeit zu Budgetstreitigkeiten kam, weswegen er sich kurzzeitig von dem Projekt verabschiedet hatte, und die Anzahl der Episoden nach seiner Rückkehr auf 18 verdoppelt wurde, musste die Premiere auf 2017 verschoben werden. Immerhin sind mit Kyle MacLachlan, der seine Rolle als Agent Cooper wiederaufnehmen wird, und Laura Dern in einer noch unbekannten Rolle zwei langjährige Weggefährten des Regisseurs bestätigt. Ebenfalls bestätigt sind bereits Amanda Seyfried, Robert Knepper und Peter Sarsgaard.

Kurz vor Weihnachten machte er seinen Fans ein weiteres Geschenk in Form eines 50 Sekunden kurzen Twin-Peak-Teasers, der uns einen kleinen Vorgeschmack auf die Fortsetzung der Mystery-Kult-Serie gibt. Laura Palmer wird es freuen.


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