Jahresrückblick – Die besten Filme 2017

Ghost in the Shell
© Paramount Pictures
Ghost in the Shell
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Mr Vincent Vega Rajko Burchardt
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Meint es gut mit den Menschen.

Platz 10: mother!

Regisseur Darren Aronofsky sei eine "prätentiöse Niete", schimpfte Dietmar Dath in der FAZ – und das US-Publikum vergab beim Meinungsbarometer CinemaScore die seltene Tiefstnote 6. Ein Film, der solche Reaktionen hervorruft, kann uninteressant schon mal nicht sein. Tatsächlich hat mother!, dessen Ausrufezeichen bereits eine Chuzpe und gewissermaßen Programm ist, viele vom gegenwärtigen Hollywood-Kino zu Gefällig- und Trägheit konditionierte Zuschauer ganz wunderbar entzweit. Dies ist kein Film, aus dem Menschen milde befriedigt, nett unterhalten oder mit zuckenden Schultern herausspazieren wie aus jenen Franchise-Wegwerfprodukten, die flächendeckend unsere Leinwände in Beschlag nehmen. Stattdessen ist er volle Kanne. Komplett drauf und drüber. Ziemlich derangiert und irgendwie auch schwer behämmert. Kino, das ein von unverschämter Virtuosität und strapaziöser Auteur-Hybris entwöhntes Multiplex-Publikum erst durchschüttelt, dann verschlingt und schließlich Stück um Stück wieder ausspuckt. Kino also, das es 2017 unbedingt gebraucht hat. Nebenbei zeigt der Film noch, wie Aronofsky seinen ungleich erfolgreicheren Noah auch und vor allem besser hätte inszenieren können: Als wahnhafte Geschichte über die Zerstörung von Intimität.

Platz 9: Die Lebenden reparieren

Was für ein schöner Titel: Die Lebenden reparieren. Im Körper des einen hört das Herz zu schlagen auf, im Körper der anderen schlägt es weiter – die Lebenden werden repariert, die gerade noch Lebenden reparieren. Was für ein schönes Bild: Die Massen des Meeres zu verschlingenden Wolken geformt, Wellen, die sich bereiten und bezwingen lassen, Wasser, aus dem ein Leben sprudelt, das bald nicht mehr sein wird. Im Krankenhaus erfahren Eltern vom Hirntod ihres Sohnes, im Raum steht die Frage nach der Spende seiner Organe. Was für ein schöner dritter Akt: Organtransplantation als Kraftaufwand, als logistisch und menschlich unermessliche Herausforderung. Die Beobachtung eines minutiös getimten Ineinandergreifens, die Beobachtung auch eines Wunders der Medizin. Das Herz wird entnommen, der Körper gewaschen, das Flugzeug gestartet. Liebevoll flüstert der Arzt dem Verstorbenen ins Ohr, sein Herz darf leben und Leben schenken. Am Ende sehen wir einen Augenaufschlag, der alle Mühe wert war, der ergreifend ist und uns tief im Innern berührt. Denn was für ein schöner Film: Von Katell Quillévéré präzise inszeniert wie ein operativer Eingriff. Nicht überladen mit Symbolen, nicht aufdringlich und kein bisschen affektiert. Kino voller Mitgefühl. Und ganz viel Herz.

Platz 8: The Big Sick

Boy meets Girl, kurzes Beziehungsglück, schnelle Trennung, das Girl wird krank und ins Koma versetzt: Wo andere Liebesgeschichten auf ihr Ende zusteuern, geht dieser Film erst richtig los – alles, was noch zu sagen ist, kann der Boy nicht mehr sagen. Über The Big Sick geriet die Presse nachvollziehbar ins Schwärmen, an den Kinokassen war er ein Überraschungserfolg. Manche warfen ihm vor, dass der tragische Wendepunkt jene eigensinnige sprachliche Komik suspendiere, die für den Protagonisten (einen emigrierten Pakistaner, der sich als Stand-Up-Comedian versucht) überlebenswichtig sei. Ausgebremst wird der Humor dadurch allerdings nicht, höchstens etwas verlagert (in Richtung einer kulturellen und familiären Emanzipation: autobiographisch-selbsttherapeutisch rollen Kumail Nanjiani und Co-Autorin Emily V. Gordon die Geschichte ihrer Liebe auf). Und überhaupt stellt der melodramatische Plotpoint den Film vor die spannende Herausforderung, wie sich eine romantische Komödie erzählen lässt, wenn ihr der für genreüblich-gewitzte Annäherungen und wechselseitige Reaktionen entscheidende Gegenpart abhanden kommt. Mit tollen Figuren, die alle einen an der Waffel haben und trotzdem nicht vom Drehbuch an leichtfertige Gags verkauft werden, erschließt sich The Big Sick eine Nische im sonst unerträglichen Feel-Good-Kino aus Sundance – ohne falsche Gefühle.

Platz 7: Ghost in the Shell

Es gibt ihn tatsächlich noch, den intelligenten Hollywood-Blockbuster für ein erwachsenes Publikum, in dem es nicht um sprechende Tiere, ironische Superhelden oder getunte Autos geht. Dass Ghost in the Shell seine kluge Vorlage, den gleichnamigen Manga bzw. dessen Anime-Verfilmung, fast ebenso klug weiterdenkt, ging leider gnadenlos unter. Bereits im Vorfeld wurden empörte Stimmen über die Besetzung der angeblich japanischen Hauptfigur mit Scarlett Johansson laut, "Whitewashing" hieß das jeden Widerspruch zermalmende Schlagwort. Hätten die Kritiker abgewartet und sich den fertigen Film erst einmal angesehen, wäre ihnen möglicherweise aufgefallen, dass er mit analytischer Schärfe genau das thematisiert, was ihm vorgeworfen wurde: Aneignungspraktiken durch einen Konzern, der nicht nur den identitätsstiftenden Wissens- und Erfahrungsschatz dieser Figur, sondern ihre äußere Erscheinung auslöscht und durch eine vermeintlich makellosere ersetzt. Die Frage nach der kulturellen Identität, an der sich momentan links wie rechts verbissen abgearbeitet wird, stellt also auch Ghost in the Shell. Doch bleibt er nicht an jenen Oberflächen und Zuschreibungen kleben, mit denen seine Gegner der wichtigen Kritik an rassistischen Besetzungspraktiken einen Bärendienst erwiesen.

Platz 6: Die andere Seite der Hoffnung

Am Hafen von Helsinki beginnt dieser das Leben feiernde Film. In der Tiefe des Dunkels zeichnet sich ein Gesicht ab, es ist von Kohle verschmiert und gehört Khaled aus Aleppo. Der junge Mann bemüht sich um eine Aufenthaltserlaubnis und landet im Restaurant eines anderen Mannes, der seinerseits Aus- und Aufbruchsbewegungen vollzogen hat. Gänzlich unterschiedliche Voraussetzungen prägen die Neuanfänge der beiden, aber es geht nicht darum, sie gegenüber- oder gleichzustellen, das eine schicksalhaft mit dem anderen zu verknoten oder die unwahrscheinlichen und gerade dadurch wahrhaftigen Ereignisse für zweckdienliche Kausalitäten zu missbrauchen. Die andere Seite der Hoffnung nämlich ist ein Film von Aki Kaurismäki, angesiedelt in einer sehr eigenen Welt mit sehr eigenen Regeln, nach denen wiederum sehr eigene Figuren tun oder vielmehr nicht tun, was sie in anderen und weniger intelligenten Filmen tun würden. Alle Widersprüche, die jene zwei Männer mitbringen oder produzieren, können hier selbstverständlich nebeneinander stehen. Sie müssen nicht harmonisiert oder aufgelöst, lediglich etwas blutend aneinander gerieben werden. Jede Flucht ist anders, jeder Gestrandete erzählt seine eigene Geschichte. Kaurismäki liebt Menschen wie kaum ein anderer Filmemacher.

Platz 5: Elle

Drehen und spielen lassen wollte Paul Verhoeven seinen besten Film seit RoboCop eigentlich in den USA, nach erfolgloser Suche einer zugkräftigen Hauptdarstellerin (und wegen des offenbar zu heiklen Themas) verlegte er die Produktion allerdings nach Frankreich. Gefunden hat er dafür Isabelle Huppert, die momentan beste Schauspielerin der Welt (sagt jedenfalls John Waters). Bemerkenswert unerschrocken nähert sich Huppert auch kompliziertesten Rollen mit intelligentem Understatement – und komplizierter als eine Figur, die Lust an ihrer eigenen Vergewaltigung empfindet, können Rollen wahrscheinlich kaum werden. Darum geht es tatsächlich in Elle, eine von Bürgerlichkeit, Männern und Arbeit gelangweilte Frau, die sich dem Trauma des Missbrauchs verweigert, wie Huppert betont. Folglich begleiten wir ihre ungewisse Figur durch einen Film, der sie weder psycho- noch pathologisiert, der nicht einfach Opfer- oder Racheerzählung sein kann. Natürlich erweist sich Huppert einmal mehr als Offenbarung, wenn sie die Uneindeutigkeiten der Rolle umarmt, statt sie auf uninteressante Weise nachvollziehbar zu spielen. Es ist wohl ein Glücksfall, dass Verhoeven diesen verstörenden Film nicht in Hollywood gedreht hat. Für angemessen unbequemes Kino scheint es dort schon lange keinen Platz mehr zu geben.

Platz 4: Die irre Heldentour des Billy Lynn

Ang Lees Erzählung über den scheinbar unendlichen Halbzeitmarsch dekorierter Kriegsveteranen während eines absurd aufgeblasenen Football-Spiels ist in den USA gefloppt – und auch die Kritik stand dem sonst gefeierten Regisseur skeptisch gegenüber. Dafür gab es einen banalen wie auch wahrscheinlich nicht so banalen Grund. Erstens wurde der Film Journalisten in seiner HFR-Fassung mit 120 Einzelbildern pro Sekunde vorgeführt (zum Vergleich: die Hobbit-Abenteuer liefen mit gerade einmal 48fps), was es offenbar vielen schwer machte, sich überhaupt auf das Gesehene einzulassen. Zweitens ist Lee, anders als Mel Gibsons oscarnominierter Hacksaw Ridge, kein Stück an Mythenbildung interessiert. In der amerikanischen Tradition des Heimkehrerdramas lässt er Kriegshelden als PR-Marionetten auftreten ("Ich werde hier für den schlimmsten Tag meines Lebens gefeiert."), deren persönliche Anliegen und Geschichten medienwirksam verzerrt werden. Durch Lees unverwechselbare Inszenierungsfertigkeiten und dem wohl schönsten Achsensprung des Kinojahres ist Die irre Heldentour des Billy Lynn (saudämlicher deutscher Titel) auch ohne HFR ein immersives Erlebnis. So ähnlich hätte American Sniper aussehen können, wenn er von jemandem gedreht worden wäre, der nicht vergreist ist.

Platz 3: La La Land

Trotz oder wohl gerade wegen seines unerwarteten Erfolges wurde der Fast-Oscargewinner La La Land mit so schrägen Verrissen überzogen wie kein anderer Film 2017. Das Musical verstehe modernen Jazz nicht (Vulture), betreibe "whitesplaining" (MTV) und "mansplaining" (Los Angeles Review of Books), sei sogar ein "Propagandafilm" des "weißen Hollywood" (glaubte zumindest die LA Weekly mit Bezug auf Leni Riefenstahl (!) zu erkennen). Ziemlich irre also, was eine kleine Geschichte zweier sich liebender Künstler offenbar zu triggern imstande ist, und welche Verrücktheiten postmoderner Ideologiekritik sie ans Licht bringt. La La Land mag insgesamt etwas gefällig und rund, vielleicht auch zu ausgestellt kleinkünstlerisch sein, das Böse aber ist er ganz bestimmt nicht. Die virtuosen Tanz- und Gesangsnummern beschwören einen Genreklassizismus, der näher an Jacques Demy als dem Golden Age of Hollywood liegt – und nicht im großen Pomp aufgeht, sondern die Intimität seiner Figuren sucht. Beinahe verschämt nähert Damien Chazelle sich der Form des Musicals, eher zurückhaltend scheint seine Regie erkunden und nicht durchdeklinieren zu wollen. Am Ende lässt er das notwendigerweise Wirklichkeitsentrückte des Genres umso glorreicher triumphieren. Hat es im Kino jemals eine so tolle Was-wäre-wenn-Montage gegeben? Zur Hölle mit den Kritikern!

Platz 2: Certain Women

Drei Geschichten erzählt Kelly Reichardt in ihrem siebten und traurigsten Film, drei Geschichten von Frauen in unterschiedlichen Abhängigkeitsverhältnissen. Die ersten beiden sind so gut und genau wie Erzählungen von Reichardt immer mindestens gut und genau sind, auf die emotionale Wirkung der dritten Geschichte aber bereiten sie nicht vor. Kristen Stewart spielt darin eine Anwältin, die an zwei Tagen der Woche von Livingston, Montana ins vier Autostunden entfernte Belfry fährt, um Jura an einer Abendschule zu unterrichten. Zufällig stolpert eine ortsansässige Farmerin in die Klasse, Nacht für Nacht wird sie wiederkehren und die Nähe zur unbekannten Frau suchen. Lily Gladstone ist die große Entdeckung des Films, vielleicht sogar des Filmjahres 2017. Mit erwartungsvoll aufgerissenen Augen erkennt ihre Figur in Certain Women das Begehren, nimmt eine lange Fahrt nach Livingston auf sich, um der plötzlich ausgewechselten Lehrkraft nachzuspüren. Bevor es auf dem Parkplatz einer Anwaltskanzlei zur letzten Begegnung kommt, hält sie inne und atmet schwer durch. Sich jemandem derart zu öffnen, erfordert mehr als nur Mut. Nichts ist falsch an Kristen Stewarts befremdetem Blick, der lediglich von einem anderen Empfinden spricht und doch zerstörerische Kraft besitzt. Okay, sagt ihr Gegenüber, alles andere geht in Verlegenheit unter. Berührender kann ein Film nicht sein.

Platz 1: Personal Shopper

Noch einmal Kristen Stewart, doch hier gehört die Leinwand ganz allein ihr (wäre sie noch produktiver als ohnehin schon, ließen sich Jahreslisten auch problemlos nur mit Stewart-Filmen füllen). Olivier Assayas hat ihr Personal Shopper auf den Leib geschrieben, die Rolle einer persönlichen Einkäuferin setzt jene Figur der ständig abrufbereiten Assistentin fort, die in seiner letzten Regiearbeit – Die Wolken von Sils Maria – ebenfalls fremde vor eigene Bedürfnisse stellte (und Stewart den "französischen Oscar" César einbrachte). Kein Filmemacher weiß mit der oft als Unsicherheit missverstandenen Neugier dieser Schauspielerin interessanter umzugehen, es nämlich als Darstellungskunst jenseits des Zeigbaren zu begreifen. Ihren immer schon speziellen Bewegungsmodus weitet Kristen Stewart hier zu einer Performance aus, die Wahrnehmung nicht einfach nur spielen, sondern erfahrbar machen muss: Zwischen unverarbeitetem Verlust und übernatürlicher Gefahr, durch alte und neue Kommunikationsmittel in Räumen voll eigener und rätselhafter Vergangenheiten. Es gibt viele Möglichkeiten, Personal Shopper zu sehen, ihn als Geisterfilm oder kunsthistorische Meditation, als radikal subjektive Geschichte einer Frau ohne Eigenschaften oder gar Psychose zu lesen – und wahrscheinlich ist er all das und noch viel mehr: Kino von einem nahezu unerschöpflichen Reichtum.

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