Jahresrückblick – Die schlechtesten Filme 2017

Baby Groot in Guardians of the Galaxy Vol. 2
© Disney
Baby Groot in Guardians of the Galaxy Vol. 2
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Meint es gut mit den Menschen.

Platz 10: Kong: Skull Island

Es hat freilich System, dass die meisten der für Studios-Tentpoles verpflichteten Regisseure zuvor keine Erfahrungen mit Produktionen solcher Größenordnungen sammelten: Billige und formbare Newcomer werden an der kurzen Produzentenleine gehalten, um genau das nicht einzubringen, wofür sie engagiert worden sind – einen eigenen Stil. Andererseits wenden sich manche dieser Erfüllungsgehilfen anschließend vielleicht nicht nur wegen der unzureichenden künstlerischen Möglichkeiten im seriellen Hollywood wieder kleineren Projekten zu, sondern weil ihnen schlicht eine Idee vom Blockbuster-Kino fehlt. Unter den auf Franchise-Modus abgerichteten Indie-Darlings gab es in diesem Jahr keinen talentloseren oder deutlicher zur Talentlosigkeit genötigten Regisseur als Jordan Vogt-Roberts. Nach Peter Jacksons betont gefühligem King Kong präsentiert er eine betont ungefühlige Version des Stoffes, die zwar nicht – wie derzeit beinahe alles – an die Spielbergschen Eightees gemahnt (stattdessen geht sie zurück ins Jahr 1973, um stupide Film- und Popkulturzitate abzufeuern), aber Spielberg natürlich dennoch zum wichtigsten Referenzpunkt erklärt. Als Blockbuster, der gern Jurassic Park wäre, aber nicht einmal Carnosaurus 4 ist, fasst Kong: Skull Island die erzählerischen, ästhetischen und intellektuellen Defizite einer ganzen Regiegeneration zusammen.

Platz 9: Power Rangers

Viel bleibt nicht übrig, wenn eine Fernsehserie um übernatürlich begabte Teenager, die in riesige Kampfroboter schlüpfen und die Welt gegen Gummimonster verteidigen, von ihrer Unbekümmertheit befreit wird. In Anlehnung an Josh Tranks Chronicle versucht es der nunmehr dritte Kinofilm über die Power Rangers trotzdem, ohne ein Gespür dafür zu entwickeln, was plötzlich erlangte Superkräfte mit unsicheren Jugendlichen anstellen können. Nach Project Almanac erweist sich Dean Israelite erneut als Westentaschenversion von Michael Bay (der sein Regiedebüt produzierte), zeigt also maximales Interesse an zugeknallten Bildern in übersättigten Farben und minimale Bereitschaft, sich auf den hier grundlos verdüsterten Stoff einzulassen. Bemerkenswert nervtötend sind insbesondere die Figuren. Sie sollen augenscheinlich ein Zielpublikum ansprechen, das nicht eine Minute lang still sitzen kann, und erklären deshalb bei jeder Gelegenheit den Plot. Aufgrund des mageren Einspiels verbleibt dieses Reboot der Power Rangers als erstes Kapitel einer unbeendeten Geschichte – wie so vieles, das nicht mehr für sich stehen kann, sondern unbedingt als "Origin Story" mit Franchise-Potenzial konzipiert werden muss. Schlimmer als Marvel-Produktionen sind nur Filme, die gern Marvel-Produktionen wären.

Platz 8: Pirates of the Caribbean 5: Salazars Rache

Um die Karriere von Johnny Depp ist es bekanntlich schlecht bestellt. Reihenweise Flops produzierte Tim Burtons ehemaliges Alter Ego und Disneys nun auch nicht mehr bevorzugter Blockbuster-Komödiant in den letzten Jahren, weil das Publikum seiner ewigen Masken und Fratzen überdrüssig wurde. Entsprechend verzweifelt wirkt die Rückkehr zur Erfolgsrolle Jack Sparrow, mit der sich Depp ein fünftes Mal in Pirates of the Caribbean 5: Salazars Rache gegen die Piraten der Karibik in Stellung bringt und nie lustloser durch die verbrauchten Themenpark-Settings der Reihe stolperte. Über den komplett einfallslosen Nachklapp gibt es eigentlich nichts weiter zu sagen, deshalb sei eine Frage am Rande erlaubt: Was nur hat es mit dem Trend auf sich, Stars wie Depp in Rückblenden bis zur Unkenntlichkeit digital zu verjüngen? Bei prominenten Gesichtern, die wir im Laufe der Jahre und Jahrzehnte auf der Leinwand haben altern sehen, führt diese Praxis direkt ins Uncanny Valley. Weder Kurt Russell noch Colin Firth sahen als 20-jährige Männer aus wie jene Computerfiguren, die uns Guardians of the Galaxy Vol. 2 und Kingsman: The Golden Circle als deren junge Abbilder verkaufen wollen. Und sogar vor Grabschändung schreckt die Idee nicht zurück, wie Star Wars: Rogue One mit der sonderbaren Nachbildung von Peter Cushing demonstrierte. Aufhören!

Platz 7: Spider-Man: Homecoming

Es bringt wahrscheinlich nichts, über die Besetzung der Titelfigur in Spider-Man: Homecoming zu diskutieren, wenn schon Andrew Garfield der großäugig-sympathischen Verpeiltheit von Tobey Maguire kaum noch etwas entgegenzusetzen wusste. Und es wäre auch unfair, Tom Holland jenes ironische Grimassieren zum Vorwurf zu machen, das Marvel offenbar von ihm verlangt hat. Bedauerlich ist es dennoch, dass Spider-Man hier als Avengers-Kompagnon in spe nur noch Bindeglied sein darf – und eine durchweg von Marvel-Abhängigkeiten bestimmte Geschichte vorantreiben muss, in der die außerirdische Technologie des ersten Avengers-Films auch gleich eine entscheidende Rolle spielt. Zu diesem Zweck ist ihm sicherheitshalber Tony Stark aka. Iron Man aka. Marvels lästigstes Verkaufsargument an die Seite gestellt worden. Der schaut regelmäßig vorbei, um einerseits Peter Parker belehren und die leisesten Anflüge adoleszenter Vergnüglichkeiten ausbremsen zu können. Und scheint als Marvel-Gesandter andererseits kontrollieren zu wollen, dass sich der jüngste Zuwachs im "Cinematic Universe" brav dem aalglatten Gesamtbild fügt. Mit der Rückbindung des tollpatschigsten aller Marvel-Superhelden ans firmeneigene Kinouniversum ist Spider-Man nun endgültig jener Unschuld beraubt, die ihn einst so liebenswert machte.

Platz 6: Die Schöne und das Biest

Eher im schlechten Sinne aus der Zeit gefallen ist das französische Volksmärchen um eine Schöne, die vom Biest eingekerkert werden muss, um wahre Liebe zu erkennen. Auch Twitter-Feministin Emma Watson in der Hauptrolle kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eine finstere und für selbstbestimmte Prinzessinnenträume denkbar ungeeignete Geschichte erzählt. Für Disney allerdings, deren gesamter Programmkatalog sich ohnehin nur aus dem Blick zurück speist, kann es wohl keine bessere Vorlage geben. Bezeichnenderweise ist an ihrer neuen alten Version zwar alles Politur, nämlich reine Oberfläche, auf der sich schöne Menschen mit schönen Stimmen ins absolute Nichts bewegen (eine schrecklichere Ansammlung von falschen Gefühlen und hohlen Blicken hatte in diesem Jahr wirklich kein anderer Film zu bieten). Doch bleibt die Geschichte von Die Schöne und das Biest natürlich vor allem ideologisch intakt, gerade dort, wo Scheinverbesserungen eine selbstverordnete Vielfalt preisen. So dient der "exklusiv schwule" Charakter LeFou, um den im Vorfeld ein albernes Bohei sondergleichen gemacht wurde, der hübschen Reinstallation des Klischees vom effeminiert auftretenden und für Witze zuständigen homosexuellen Mann. Und werden auffällig diversifiziert besetzte Komparsen als "buntes" Hintergrundpersonal zum Einsatz gebracht, das sogar mal eins, zwei Sätze sprechen darf. Geiler Fortschritt.

Platz 5: Leatherface

Tobe Hooper ist tot, aber das Texas Chainsaw Massacre lebt weiter. Als eine der widerstandsfähigeren Horrorserien hat die Familiengeschichte des wimmernden Tunichtguts Leatherface sogar Erneuerungen durch Marcus Nispel unbeschadet überstanden – zu stark ist einfach die Prämisse vom hinterwäldlerischen Leben und seiner blutigen Abgründe, vom schönen amerikanischen Traum und dem unschönen amerikanischen Erwachen. Ärgerlich also, dass Alexandre Bustillo und Julien Maury, die Regisseure des ebenfalls unsäglichen Inside (2007), nichts mit dieser Idee anzufangen wissen und sie trotzdem noch erklären wollen. Ihr Leatherface-Film ist hässlich, stümperhaft und bodenlos doof, garniert mit einem sinnfreien Schlaumeier-Twist, der die "Origin Story" (schon wieder!) an der eigenen Nase herumführen will, sowie ausgiebigem Geschmadder, das sich beim Splatterpublikum anzubiedern versucht. Die Begeisterung über das "größte Jahr der Horror-Geschichte" (New York Times) unterschlägt, dass es 2017 so viele schlechte Horrorfilme zu sehen gab wie schon lange nicht mehr, egal ob sie nun Viral oder The Void, Das Belko Experiment oder Wish Upon, The Devil's Candy oder Dead Awake, Berlin Syndrom oder Don't Hang Up, Death Note oder Tonight She Comes hießen. Leatherface ist allenfalls ein Symptom.

Platz 4: Guardians of the Galaxy Vol. 2

Marvel produziert die Art Superheldenfilme, in denen Figuren nur unter der Voraussetzung etwas einigermaßen Nicht-Idiotisches sagen dürfen, wenn ihnen gleich darauf irgendwelche Gegenstände an den Kopf knallen. Genau wie beim Vorgänger scheint dieses Prinzip in Guardians of the Galaxy Vol. 2 auf die Spitze getrieben: Jeden Anflug von Ernsthaftigkeit müssen ausdauernde Gags und ironische Brechungen abfedern (was die Frage aufwirft, warum solche Filme überhaupt mit gelegentlichem Tiefsinn langweilen), und sollte auch das mal nicht funktionieren, greift James Gunn eben auf den süßen Waschbär oder das noch süßere Baby Groot zurück. Besonders eine Figur namens Drax bietet sich dafür an, die nämlich ist groß und stumpf und lacht unerklärlicherweise bei allen Gelegenheiten laut los. Seit der Erfindung des Kinohundes, auf den Filme in Momenten völliger Einfallslosigkeit schneiden können, um wenigstens für ein niedliches Bild zu sorgen, hat es keine so sinnlosen und in ihrer Funktionalität durchschaubaren Figuren gegeben wie in den Produktionen von Kevin Feige. Nicht einmal Neuzugang Kurt Russell rettet diesen Film, und das ist eigentlich irre, weil Kurt Russell für gewöhnlich jeden Film rettet. Die Randomisierung toller Schauspieler ist Marvels Meisterklasse.

Platz 3: The Great Wall

Als finanziell missglücktes, produktionsästhetisch jedoch richtungsweisendes Konglomerat aus (mehr oder weniger) zugkräftigen Hollywoodstars und den Expansionsbestrebungen des nun umsatzstärksten Filmmarkts der Welt lieferte The Great Wall vor allem lehrreiches Anschauungsmaterial: Für zeitgenössische chinesische Blockbuster, die mit aufgeblasenen Fantasy-Spektakeln sowohl den heimischen Leinwand-Boom anheizen als auch die Produktivität der Filmindustrie nach außen tragen sollen, und für ein kommerziell strauchelndes US-Kino, das sich mit maximaler Kompromissbereitschaft in ebendiesen Markt einkaufen möchte. Inszeniert vom obersten Staatskünstler Zhang Yimou hinterlässt The Great Wall zwar keinen ganz so argen Beigeschmack wie manch anderes Ergebnis der von beiderseitigen ökonomischen Interessen bestimmten, aber mit einseitiger Ergebenheit organisierten Kooperation zwischen der amerikanischen und chinesischen Kinoindustrie. Erträglicher aber wird der als Liebeserklärung an übermenschliche Leistungsfähigkeit gedachte Film dadurch auch nicht. Wie Figuren hier ausschließlich opferbereit und heldenhaft oder willfährig und nützlich gegen potthässlich animierte Riesenkröten kämpfen, garantierte zwei der dämlichsten Stunden des Filmjahres 2017.

Platz 2: Hacksaw Ridge

Die Geschichte des aus einfachen Verhältnissen stammenden US-Soldaten Desmond Doss, der sich wegen religiöser Überzeugungen weigerte, Menschen zu töten oder eine Waffe auch nur anzufassen, ist wie geschaffen für Kitschkuh Mel Gibson. Zum einen ermöglicht sie ihm die Nachempfindung eines vermeintlichen moralischen Dilemmas, das er in gewohnt fetischisierte Bilder männlichen Glaubens, männlicher Leidensfähigkeit und schließlich männlicher Aufopferungsbereitschaft überträgt. Zum anderen kann er mithilfe der historischen Figur, die trotz anfänglicher Widerstände der Obersten zum dekorierten Kriegshelden befördert wird, gewissenhaft zerfetzte Leiber und Zeitlupenexplosionen in Szene setzen. Wenn Desmond Doss die ihn schikanierenden Kameraden deckt und sein Recht auf waffenlose Kampfbeteiligung vor einem Militärgericht durchsetzt, übt Hacksaw Ridge keine Kritik an den Verhältnissen, ganz im Gegenteil: Er zeigt ein integres Kriegssystem, das Kriegsverweigerer nicht nur duldet, sondern sogar auszeichnet. Hacksaw Ridge ist natürlich strunzdumm und sterbenslangweilig, aber auch erstaunlich konventionell und bieder geraten. Ein Film, über den es sich nicht mal aufzuregen lohnt – das ist wohl das schlimmste, was sich über Regiearbeiten von Mel Gibson sagen lässt.

Platz 1: Alien: Covenant

Dass sich Ridley Scott nach dem unrühmlichen Ausverkauf der Alien-Reihe an einen Neuanfang wagte, konnte ihm nur theoretisch zugute gehalten werden. Denn wer hätte schon jenen Kinomythos fortsetzen wollen, der mit verstörenden Ungeheuern begann und lächerlichen Zweikämpfen gegen deren Rastalocken-Variante endete. Folglich versuchte das Prequel zum Mythos namens Prometheus, die ikonischen Bilder des allerersten Films philosophisch umzudeuten und aus der Monster- eine Göttergeschichte zu spinnen, in der es endlich Antworten auf Fragen gab, die nie jemand gestellt hatte. Beim Publikum kam das verständlicherweise nur mittelgut an, manchen fehlte das Alien, anderen ein Mindestmaß an Intelligenz. Weshalb wiederum Alien: Covenant versucht, sowohl den Vorgänger als auch das Original gleichzeitig weiter- und zurückzuführen. Tatsächlich nimmt Ridley Scott das Thema des Films insofern ernst, als er seine überlegene Schöpfung offenbar vernichten möchte, bevor sie ihn vernichtet. Zu Grabe trägt er das Franchise mit diesem Trauerspiel von Film allerdings nicht, das erledigte ja bereits Jean-Pierre Jeunet für ihn. Stattdessen buddelt er es aus, vergeht sich nach Herzenslust am eigenen Ideensalat und freut sich, dass der Schöpfer das letzte Wort haben darf. Ein künstlerisches Statement, zweifellos.

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