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Jahresrückblick – Die schlechtesten Filme 2015

Wut und Schrott: Marvel's The Avengers 2 - Age of Ultron
© Disney
Wut und Schrott: Marvel's The Avengers 2 - Age of Ultron
23.12.2015 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Verzweifelte Tentpoles, Komödien über Deutschland und bequemliches Independentkino bestimmen diese Auswahl der zehn schlechtesten Filme 2015. Natürlich höchst subjektiv zusammengestellt von Mr. Vincent Vega.

Platz 10: Seventh Son

Streng genommen ist dieser Film zu banal für eine solche Liste. Als nachgereichtes und spürbar verzweifeltes Tentpole, das noch irgendwie am längst abgeflauten Fantasy-Hype zu partizipieren versucht, könnte man Seventh Son eigentlich ebenso leicht ignorieren wie es auch das Publikum tat. Da er aber einer von vielen Super-Blockbustern ist, die im Kinojahr 2015 zu Super-Flops wurden, liefert er stellvertretend für nicht minder dämliche Filme wie A World Beyond oder Pan lehrreiches Anschauungsmaterial: Auf Ebene seiner überproportionierten, aber gnadenlos digitalen und in kargem Bombast versickernden Produktion demonstriert er eindrücklich, in welch ästhetische Sackgasse sich das Blockbuster-Kino nach 2000 manövriert hat. Inhaltlich wiederum verweist die behauptete Fantasie eines so merklich fantasielosen Effekt-Showreels auf den erzählerischen Notstand des Überwältigungskinos, das nicht mehr fähig scheint, große Bilder mit wenigstens auch annähernd großen Geschichten zu produzieren. Ein Totalversagen, das die von Steven Spielberg und George Lucas prophezeite Implosion  der Blockbuster-Industrie in immer greifbarere Nähe rückt.

Platz 9: Marvel's The Avengers 2: Age of Ultron

Ideen- und also Planlosigkeit kann man Marvel's The Avengers 2: Age of Ultron hingegen wahrlich nicht vorwerfen. Unter der künstlerischen Erneuerungen gegenüber zuverlässig unaufgeschlossenen Ägide eines Kevin Feige, der in der sogenannten ersten Marvel-Phase immerhin noch einigermaßen souveränen Regiestimmen wie Kenneth Branagh Gehör verschaffte, funktioniert das Marvel Cinematic Universe als reibungslose Tentpole-Maschine auf Autopilot: Kein Filmunternehmen weiß derzeit so genau, was es tut oder eben was es zu tun hat. Jedes neue Superheldenabenteuer ist dort mit einem alten verschränkt und verkündet zugleich schon wieder das nächste. Als Kino fühlt sich das an wie eine Platte mit Sprung, die man geflissentlich aussortieren könnte, würde ihr Erfolg sie nicht darin bestätigen, immer wieder neu aufgelegt zu werden. Und trotzdem: Nicht nur die Macher, etwa der während seiner Arbeit an Ant-Man schreiend davon gelaufene Edgar Wright, sondern auch zahlende Zuschauer werden dieser schon bei Erscheinen toten Filme und ihrer Things crashing into other things  bald sehr überdrüssig sein. Hoffe ich zumindest.

Platz 8: Ich und Earl und das Mädchen

Auf einem finanziell ungleich überschaubareren, aber letztlich doch ähnlich operierenden Niveau gibt es eine andere Art totes Kino – den Sundance-Film: Festivalgemütlichkeitsunterhaltung, die vornehmlich darauf konzipiert scheint, lieb gehabt zu werden. Vor einigen Jahren produzierten vermeintliche Independents, die nichts anderes als ausgelagerte Subunternehmen großer Studios sind, solche Filme noch mit einer ausgestellten Niedlichkeit und kaum unter Verschluss gehaltenen Gefallsucht (nach wie vor unangefochten: Little Miss Sunshine). Mittlerweile aber darf es, woran der Erfolg von Das Schicksal ist ein mieser Verräter bedeutenden Anteil hat, auch melancholischer zugehen: Um Sterben und, schlimmer noch, sehr frühes Sterben dreht sich Ich und Earl und das Mädchen, ein ästhetisch besonders instagramtaugliches Jugendmelodram, das keine kleinkünstlerische Infantilisierung des Themas scheut, um seine Zuschauer mit einem guten Gefühl nach Hause zu schicken. Tatsächlich steht Kleinkunst sogar im Mittelpunkt der Erzählung, denn die regiebegeisterte Hauptfigur stellt Kinoklassiker mit selbstgemachtem Charme nach. Falls die Geschichte doch wieder ernst zu werden droht, müssen es niedliche kleine Filme innerhalb des niedlichen kleinen Films richten.

Platz 7: Lost River

Nicht in Sundance, aber im Rahmen der altehrwürdigen Filmfestspiele von Cannes feierte Lost River Weltpremiere, das Regiedebüt des bis dato nur als Star trübsinnig-düsterer, um die Weltverlorenheit seiner Figuren kreisender Filme in Erscheinung getretenen Schauspielers Ryan Gosling. Einen trübsinnig-düsteren und von Weltverlorenheit, sogar ganz konkret in einer verlorenen Welt verorteten Film hat dieser dann auch selbst gedreht, mit Neonfarben, Gothic-Erkennungszeichen und einem Soundtrack, der auf keiner WG-Party fehlen darf. Künstlerisch stand dabei – das werden selbst Befürworter des Films kaum leugnen können – vor allem Nicolas Winding Refn Pate, jener Regisseur also, der Ryan Gosling zum heißesten Shit unter Skorpionjackenträgern machte. Importiert hat er nicht nur Ästhetik und Musikauswahl seines offenkundigen Regieidols, sondern auch dessen schräges Frauenbild, das Nicolas Winding Refn zuletzt in Only God Forgives bis zur Selbstvertrashung kultivierte. Alle kunstgewerblichen Bilder und Töne verweisen in Lost River auf Fremdeinflüsse und nie auf sich selbst: Es ist ein Film ohne eigene Stimme, so frei von Souveränität wie kaum ein anderer in diesem Jahr. Dabei hätte ich die hämischen Cannes-Reaktionen  gern Lügen gestraft.

Platz 6: Mortdecai – Der Teilzeitgauner

Wenn es drei Anläufe braucht, um einen immer wieder nach durchschnittlich zehn Minuten Laufzeit entnervt abgebrochenen Film bis zum Ende zu schauen, könnte das eigentlich interessant sein: Als leicht masochistische Rückkehr zum Schrecken, weil man eben doch wissen möchte, was das alles soll – und ob es da irgendeinen Dreh gibt, der einem verschlossen blieb. Schlau bin ich aus Mortdecai - Der Teilzeitgauner trotzdem nicht geworden, gleichwohl mir ein solcher Film, der von Beginn an auf Anschlag läuft und dennoch nicht mal zufällig einen Ton trifft, selten untergekommen ist. Schade jedenfalls, dass die bisher mit recht sympathischer Chuzpe  betriebene Karrierepolitik von Johnny Depp ("Wenn man mir so viel dummes Geld bezahlt, nehme ich es gern.") keine wagemutigeren Ansätze als die x-te Variation seines Jack Sparrow zuzulassen scheint. Er ist zum Star geworden, der offenbar nur noch völlig drüber oder eben gar nicht mehr kann. Nach vier kolossalen Box-Office-Flops in Folge wird es deshalb Zeit, die längst zum öden Mainstream geronnene Rolle des einstmals außen stehenden Exzentrikers gegen so etwas wie Schauspiel einzutauschen.

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