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Jim Carrey - Jetzt mal im Ernst!

Jim Carrey in Vergiss mein nicht!
© Constantin Film
Jim Carrey in Vergiss mein nicht!

Wer kennt es nicht? Dieses furchtbar nervige Grinsen, das uns beim Durchzappen an einem verkaterten Sonntagnachmittag immer wieder ins Gesicht springt und dafür sorgt, dass man die Glotze ausmacht und wieder ins Bett steigt in der Hoffnung, ohne Kopfschmerzen aufzuwachen. Werdet auch ihr von der Fremdscham übermannt wenn dieses maskenhafte Gesicht ein paar schlechte Gags zum Besten gibt? Wenn es mit seinem Zahnpastalächeln als Tierdetektiv, Dummkopf oder grüner Weihnachtsmann in der Gegend umher hüpft? Die Rede ist natürlich von Jim Carrey, Personifikation des Blödelns und König der Grimassen. Unlustig, oberflächlich und total übertrieben. Das sind nur einige Vorwürfe, die Carrey immer wieder gemacht werden. Was aber viele nicht wissen: Jim Carrey kann auch ganz anders. Jim Carrey kann grandios sein, wenn er darf. Ihr glaubt mir nicht? Dann lest unbedingt weiter.

Jim Carrey wird 1962 in Newmarket, Kanada geboren. Als Sohn eines Musikers wächst er in ärmlichen Verhältnissen auf. In der Schule fallen seine Qualitäten als Entertainer schon früh auf. Um Carrey ruhig zu stellen, erlaubt ihm sein Lehrer, die Klasse am Ende jeden Tages für 15 Minuten mit seinen Unterhaltungskünsten begeistern. Im 14. Lebensjahr verliert Carreys Vater den Job. Die ganze Familie muss fortan in einer Fabrik beim Sicherheitsdienst arbeiten. Aufgrund der Doppelbelastung sinken die schulischen Leistungen von Carrey rapide ab, bis er schließlich von der Schule fliegt. Im Jahr 1979 entschließt sich Jim Carrey, nach L.A. zu ziehen, um aus seinem komödiantischen Talent Kapital zu schlagen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten kann er sich schließlich durchsetzen und bekommt seine ersten Rollen in Kurzfilmen und Fernsehserien. Es folgen ein paar Nebenrollen in Spielfilmen.

Seinen internationalen Durchbruch schafft Jim Carrey 1994 mit Ace Ventura – Ein tierischer Detektiv. Es folgen Dumm und Dümmer und Die Maske. In nur einem Jahr steigt Carrey zu einem der begehrtesten Schauspieler Hollywoods auf. Es folgen Produktionen wie Batman Forever, Ace Ventura – Jetzt wird’s wild oder Cable Guy – Die Nervensäge. Seine schaupielerischen Qualitäten kann er aber erst 1998 richtig ausspielen, als er in Die Truman Show seine erste ernsthafte Rolle spielt. Mit Der Mondmann und Vergiss mein nicht! folgen in den Jahren 1999 und 2004 zwei weitere ernste Filme. Diese drei besonderen Filme möchte ich euch hier kurz vorgestellt:

Einer der wohl berühmtesten Carrey-Filme ist Die Truman Show. Mit seiner Darstellung als Truman Burbank erntete Jim Carrey erstmals das Lob der Kritiker. Truman scheint auf den ersten Blick ein typischer Amerikaner sein. Er hat ein kleines Häuschen, einen langweiligen Bürojob und eine hübsche Frau. Was Truman aber nicht weiß, ist, dass er der Star einer riesigen Fernsehshow ist, die 24 Stunden am Tag auf der ganzen Welt ausgestrahlt wird. Seine Welt ist nichts anderes als ein gigantisches Fernsehstudio, das, abgesehen von ihm, nur von Schauspielern bewohnt wird. Aufgrund verschiedener Zwischenfälle wird Truman mit der Zeit misstrauisch. Er beginnt sein Leben zu hinterfragen und versucht schließlich verzweifelt aus seiner Welt auszubrechen. Der Produzent der Show will dies aber mit allen Mitteln zu verhindern und so kommt es am Ende zum großen Showdown.

Dabei greift Die Truman Show nicht nur erkenntnistheoretische Fragen auf, sondern kritisiert auch die Rolle der Massenmedien. Regisseur Peter Weir brachte den Filmin Zusammenhang mit der Rolle der Medien während des Golfkriegs (Zitat: “Der Golfkrieg war eine der ersten Live-Shows, die wir alle gesehen haben. Es war ziemlich offensichtlich, wie das funktionierte, mit der sehr genau kontrollierten Berichterstattung, es war wie ein keimfreies Videospiel.”). Auch wenn die Nähe des Films zur Realität oft bezweifelt wurde, konnte er doch den zweifelhaften voyeuristischen Trend der Massenmedien voraussehen. Bereits ein Jahr nach Die Truman Show wurde in den Niederlanden die erste Staffel Big Brother ausgestrahlt.

1999 folgt mit Der Mondmann ein Biopic über den amerikanischen Performance-Künstler Andy Kaufman. Kaufman tritt zuerst mit mäßigem Erfolg als Comedian in Nachtklubs auf. Eines Tages wird er von George Shapiro entdeckt, der von seinen unkonventionellen Shows begeistert ist. Shapiro bietet Andy an, in seiner Sitcom Taxi aufzutreten. Widerwillig nimmt Andy dieses Angebot an und wird dank der Rolle als Mechaniker „Latka“ über Nacht berühmt. Trotz des großen Erfolges der Serie provoziert Kaufmann seinen Rauswurf. Aufgrund seiner großen Begeisterung fürs Wrestling entscheidet er sich schließlich, in die Kampfsportszene einzusteigen. Allerdings kämpft er nie gegen Männer, sondern ausschließlich gegen Frauen aus dem Publikum. Vor jedem Kampf beleidigt er diese mit frauenfeindlichen Sprüchen und bietet 1000 Dollar für jede Frau, die ihn besiegen kann. Da er nie verliert, krönt er sich selber zum "Inter-Gender Wrestling Champion of the World“. Kurz darauf erklärt er seiner Familie und seinen engsten Freunden, dass er an Lungenkrebs erkrankt sei. Was diese zuerst als weiteren Scherz abtun, stellt sich aber als die bittere Wahrheit heraus. Für seine außergewöhnliche Leistung in Der Mondmann wurde Jim Carrey bereits zum zweiten Mal mit einem „Golden Globe“ ausgezeichnet. Dank seiner Erfahrung als Stand-Up Comedian und seines nicht unähnlichen Lebenslaufes war er die ideale Besetzung für Andy Kaufman und konnte zur Hochform auflaufen.

Kommen wir zum letzten und meiner Meinung nach besten Carrey-Film mit dem poetischen Originaltitel The Eternal Sunshine oft the Spotless Mind, auf deutsch Vergiss mein nicht!. Als Joel Barish seiner Freundin Clementine nach einem Streit bei der Arbeit aufsucht, scheint sich diese nicht mehr an ihn erinnern zu können. Joel ist am Boden zerstört und denkt zuerst, sie wolle ihn bloß mit Nichtbeachtung bestrafen. Er findet schließlich heraus, dass Clementine eine Praxis aufgesucht hat, die sich auf die Löschung von bestimmten Gedächtnisinhalten spezialisiert hat. Um über ihre unglückliche Beziehung mit Joel hinwegzukommen, ließ sie alle Erinnerungen an die gemeinsame Zeit „entfernen“. Joel entschließt sich, diese Behandlung ebenfalls über sich ergehen zu lassen. Mitten während des Eingriffes beginnt Joel aber in seinem Unterbewusstsein zu rebellieren und gegen die drohende Löschung seines Gedächtnisses anzukämpfen. Vergiss mein nicht! wurde für mehrere Preise nominiert und gewann einen Oscar in der Kategorie „Bestes Drehbuch“. Für dieses zeichnete Charlie Kaufman (Being John Malkovich, Adaption, Synecdoche, New York) verantwortlich. Jim Carrey selbst sagte, dass ihm der Charakter des introvertierten Joels ziemlich ähnlich sei, wenn er nicht vor der Kamera stehe.

Wer bis jetzt also nur Bruce, Ace oder den Grinch kannte und sich nie mit diesen Figuren anfreunden konnte, sollte sich unbedingt einer dieser Filme – oder am besten gleich alle drei – zu Gemüte führen, bevor er sich eine abschließende Meinung über Jim Carrey bildet. Dabei ist Die Truman Show der sicherlich am einfachsten zugängliche Film, kann aber mit den Qualitäten von den wesentlich schwierigeren Filmen Vergiss mein nicht! und Der Mondmann nicht mithalten.

In diesem Sinne: “Guten Morgen! Und falls wir uns heute nicht mehr sehen, guten Tag, guten Abend und gute Nacht!”


Vorschau: Nächste Woche geht es um einen oft kritisierten Regisseur.
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Dieser Text stammt von unserem User Keyser_Söze. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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