Joker 2 zerstört den Hype des ersten Films – das rettet die Fortsetzung des DC-Hits

05.10.2024 - 09:15 UhrVor 6 Monaten aktualisiert
Joker 2: Folie à deuxWarner Bros.
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Die Joker-Fortsetzung ist ein komplett anderer Film als der beliebte Vorgänger. Das dürfte große Teile des Publikums frustrieren, aber sorgt auch für eine ebenso überraschende wie konsequente Seherfahrung.

Mit dem DC-Film Joker gelang Hangover-Regisseur Todd Phillips und dem Studio Warner Bros. vor fünf Jahren ein Sensationserfolg, der weltweit über eine Milliarde Dollar einspielte. Eine Fortsetzung drängte sich inhaltlich nicht auf, war durch den Hype aber unvermeidlich.

2024 ist Joker 2: Folie à deux jetzt im Kino gestartet und die meisten Fans dürften beim Schauen zwischen verblüfft und frustriert eher negativ auf das Sequel reagieren. Doch die Fortsetzung muss trotz ihrer Schwächen genau so sein, um den gefeierten Vorgänger interessant bereichern zu können.

Wer Joker 2 noch nicht gesehen hat, ist an dieser Stelle vor nachfolgenden Spoilern gewarnt.

Joker 2 schmettert den Spektakel-Faktor von Teil 1 ab, um Arthur Fleck sichtbar zu machen

Der erste Joker-Film löste große Diskussionen über die Darstellung und Handlungen von Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) aus. Der von der Gesellschaft Gedemütigte und ganz unten Angekommene wurde zum mehrfachen Mörder und fast nebenbei in die Ikonografie des legendären Batman-Bösewichts gedrängt.

Schon Phillips' erster Teil wollte sich unbedingt von Franchise-Verbindungen lösen und die Nähe zur Comic-Vorlage gegen eine eigenständige Mischung aus 70s-Style-Thriller und finsterstem Psychogramm tauschen. Nebenbei blickte Joker auch auf eine Gesellschaft, die sich von unberechenbarer Anarchie und kathartischer Gewalt anstecken und entzünden lässt.

Joker 2: Folie à deux geht jetzt noch weiter und sabotiert Sequel-Erwartungen fast schon aggressiv. Nachdem die Fortsetzung damals als 200-Millionen-Blockbuster mit Musical-Sequenzen und Lady Gaga als Harley Quinn angekündigt wurde, war die Verwunderung bereits groß.

Noch viel eigenwilliger und sperriger ist aber der fertige Film, der aus Joker 2 letztlich geworden ist. Wer gehofft hat, dass Todd Phillips, Joaquin Phoenix & Co. die dünne Linie zwischen verwerflichem Psychopathen und gebrochenem Antihelden weiter ausloten, auf der Joker tänzelte, wird schnell enttäuscht.

Stattdessen kommt Teil 2 in der ersten Hälfte als stark reduziertes Gefängnisdrama daher, in dem ein kleiner Rest an Handlung wie ein überlanger Epilog des Vorgängers breitgetreten wird.

Charakterliche Ambivalenz und eine Story, die wie in Joker an verschiedenste Schauplätze einer Großstadt führt, werden eingetauscht gegen den kläglichen Rest an Existenz, den Arthur bis zur bevorstehenden Gerichtsverhandlung noch zugestanden bekommt. Mit gewohnt großartigen Bildern von Kameramann Lawrence Sher und unterlegt von den düster-schwermütigen Klängen aus Hildur Guðnadóttirs Score kommt Joker 2 als deprimierend-schleppender Abgesang auf den Mythos der Comicfigur daher.

Arthur schrumpft wieder zum hilflosen Niemand, der nur noch durch seine berüchtigten Gewalttaten aus Teil 1 eine Daseinsberechtigung bekommt. Doch Joker 2 will die Titelfigur genauso wie Phoenix' Charakter selbst merklich aus seinem Leben verbannen.

Der Joker-Mythos wird in der Fortsetzung konsequent zerpflückt und begraben

Wer dachte, Joker 2 baut die Beziehung zwischen Arthur und Lee aka Harley Quinn zum Antihelden-Duo auf großer Gangster-Tour auf, bekommt von Phillips einen schroffen Reality-Check. Der weibliche Neuzugang im Film, mit dem sich Arthur in herbei fantasierte Musical-Nummern mit meist niedriger Halbwertszeit flüchtet, ist auch nur vom Mythos des Jokers besessen.

Die Gerichtsverhandlung, die fast die gesamte zweite Hälfte der Laufzeit einnimmt, spult an der Oberfläche nur die tragischsten und erschütterndsten Ereignisse von Teil 1 nochmal ab.

Es wirkt, als würden Phillips und seine Drehbuchautoren auch das Publikum nochmal und nochmal und nochmal daran erinnern und selbst befragen zu wollen: "Habt ihr vergessen, was Arthur alles angerichtet hat? Wie konntet ihr euch auch nur eine Sekunde lang auf die Seite dieses Mörders schlagen?"

Erzählerisch und dramaturgisch kommt Joker 2 durch diesen Ansatz, sich fast nur auf das Arkham-Gefängnis und den Gerichtssaal zu beschränken, immer wieder stark ins Stottern. Anstelle von noch teurer ausgestattetem Spektakel nach dem Höher-Schneller-Weiter-Prinzip kreist das Sequel lieber überlang um Handlungsfetzen. Die werden am Ende konsequent zum Abgesang auf den Batman-Schurken als Symbolbild zusammengesetzt.

Wenn Arthur in der letzten Szene den Joker von sich gesprochen und von Lee eine Abfuhr bekommen hat sowie nach dem Hinterhalt eines wahnhaften Mitinsassen am Boden liegend verblutet, ist Joker 2 über holprige Umwege dort angelangt, wo Phillips vielleicht von Anfang an hinwollte: Es gibt keinen Joker.

Dass ihn der Milliarden-Hype des ersten Teils und eine merklich widerwillig realisierte Fortsetzung erst an diesen Punkt gebracht hat, ist womöglich die finale Pointe dieser DC-Saga.

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