"Gefährlicher Film": Joker mit Joaquin Phoenix verdient diese Vorwürfe nicht

Joaquin Phoenix als Joker
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Ausgerechnet ein Clown sorgt in Venedig für Aufruhr. Beim traditionsreichen Festival feierte vergangenes Wochenende Joker mit Joaquin Phoenix Weltpremiere, ein DC-Film über einen bald 80 Jahre alten Comic-Bösewicht. Man könnte meinen, alles wurde über den Joker gesagt, ob in Print oder im Kino. Trotzdem erhitzt die jüngste Version des Clown Prince of Crime die Gemüter. Von einem potenziell gefährlichen Film reden Kritiker und fürchten Gewaltausbrüche.

Es ist ein bizarrer Diskurs, der da um eine okaye Comic-Verfilmung heranwächst. Viel hat er mit den gegenwärtigen Befindlichkeiten in den USA zu tun, aber auch mit der Art und Weise, wie heute über Filme geschrieben wird.

Wer hätte gedacht, dass ein DC-Film des Regisseurs von Hangover für die größten Film-Diskussionen rund um das Festival von Venedig sorgt?

Joker: Ist das ein "gefährlicher Film"?

"Ich glaube, Joker ist ein sehr guter Film und habe Angst, dass jemand getötet wird", schrieb der Kritiker Robbie Collin vom britischen Telegraph bei Twitter. Nerd-Veteran Peter Sciretta von Slash Film fügte seinen Gedanken zu Joker folgenden Satz an:

Für die falsche Person, die ihn schaut, könnte er potenziell gefährlich sein.

Mit dieser Haltung blieben die beiden nach der Weltpremiere von Joker in Venedig nicht allein. David Ehrlich von Indie Wire nannte den Film "potenziell toxisch" und für Stephanie Zacharek vom Time Magazine könnte Phoenix' Joker als "Schutzpatron der Incels" adoptiert werden, ungewollt zölibatär lebende Männer, die sich um ihren gemeinsamen Frauenhass im Netz zusammenrotten.


Die Ängste nähren sich an der Story von Joker. Darin lebt der vereinsamte Möchtegern-Comedian und Clown Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) bei seiner Mutter. Er schwärmt der Nachbarin (Zazie Beetz) hinterher, während alle Welt auf ihn herabblickt. Ein Gewaltausbruch Arthurs zieht mediale Aufmerksamkeit auf sich. Die Wut der Schlechtergestellten bricht sich Bahn und sie alle tragen Clowns-Masken.

Diese Origin Story des berühmtesten DC-Bösewichts schildert, wie er zur Ikone mit Nachahmereffekt wird. Doch die Erklärung für die Ängste vor einem "gefährlichen Film" reicht tiefer.

Joker und der reale Schrecken

Wer genau ist nun die "falsche Person", auf die Joker sich problematisch auswirken könnte? Aus den Reaktionen der Kritiker spricht die Angst vor dem nächsten Amoklauf oder Attentat, nicht nur in den USA.

Unerlässlich für das Verständnis dieser Reaktionen ist die Erinnerung an den Amoklauf von Aurora, Colorado im Juli 2012, bei dem der Täter in einer Mitternachtsvorstellung von The Dark Knight Rises 12 Menschen tötete. Unbestätigten Aussagen von zwei Beamten zufolge nannte er sich "der Joker".

Erst vor einem Monat postete der Massenmörder von El Paso, Texas sein Manifest online und der Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland liegt gerade mal ein halbes Jahr zurück.

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass man bei Twitter über eine neue Massenschießerei in den USA liest. Und nun kommt ein Film daher, in dem ein Einzelgänger seinen Moment der Erleuchtung erfährt, als er anderen Kugeln durch die Körper jagt. Das Drehbuch von Joker stellt diesen Einzelgänger in sein Zentrum und macht ihn erzählerisch zum Vorbild für andere. Der Sprung zur Wirklichkeit scheint nicht mehr weit.

Joker: Porträt eines psychisch Kranken

Die Wirklichkeit der Reaktionen auf Joker hat allerdings nur bedingt etwas mit dem Film zu tun. Arthur Fleck ist per Definition kein Incel, da zum Incel-Sein ein bisschen mehr gehört als eine schwere psychische Störung, ein Bett in der Wohnung der Mutter und fehlender Sex (mehr dazu beim Spiegel). Hier drängt sich die Selbstbezeichnung einer frauenfeindlichen Nische in den Mainstream, sodass sie schablonenhaft auf alles angewandt wird, das nicht niet und nagelfest ist.

Erhält Norman Bates aus Psycho rückwirkend das Incel-Label? Und der Erzähler aus Fight Club? Oder macht man die Bewegung mit solchen Begriffsübernahmen für einen millionenschweren Studiofilm nicht nebenbei größer als sie ist?

Zieht man den Incel-Vorwurf ab, bleibt die Geschichte eines psychisch kranken Mannes, der seinen Selbsthass nach außen richtet. Auf dieser Ebene findet man die unheimlichen Umrisse der "falschen Person", die den Film sehen könnte. Die gefürchtete Identifikation mit Arthur setzt, wenn überhaupt, hier an.

Das Drehbuch fusioniert dabei nicht sonderlich tiefgreifend biografische Elemente bekannter Serienkiller und Amokläufer. In der Inszenierung bleibt der Joker-Film meist vage. Die meisten Gewaltdarstellungen des Films ließen sich aus handelsüblichen Thrillern mit R-Rating zusammenklauben. Eine andere wandelt - spoilerfrei ausgedrückt - zwischen der Comic-Gewalt von Frank Millers The Dark Knight Returns und realen Ereignissen aus den 70ern (Stichwort: Christine Chubbuck). Da böte das Vorbild Taxi Driver dienlichere Schnittstellen zur Realität.

Die innere Leere von Joker ist Stärke und Schwäche

Selbst wenn Arthur ein Incel wäre, der bei 8Chan postet, bevor er die Waffe lädt, bliebe noch immer zu untersuchen, ob der Film die Ideologie seiner Hauptfigur "teilt". Der Diskurs um Joker zeugt nämlich davon, wie Filme aktuell häufig auf ihre politische Tauglichkeit überprüft werden und das oft bar jeder ästhetischen Analyse.

Überhöht Joker seinen Arthur Fleck nur, weil er ihn in sein Zentrum rückt? Es lässt sich eine komplexe Diskussion darüber führen, wie Arthur in Joker inszeniert wird; ob und wann wir eine neutrale Außensicht erhalten und wann seine verzerrte Perspektive auf die Welt und - auf sich selbst. Stattdessen wird der Comic-Verfilmung in einer absurden Kurzschlussreaktion präventiv die Verantwortung für zukünftige Gewalttaten übertragen.

Müssen wir die Diskussion tatsächlich noch einmal starten, welche die Zugänglichkeit von Waffen, die mangelnde psychologische Versorgung und vieles mehr überspringt, um einen Film (oder Videospiel oder Musik oder Buch) als Schuldigen zu brandmarken?

Eine prekäre politische und soziale Ära sollte indes nicht zum Anlass dienen, sich ihrer Abgründe thematisch zu verschließen. Dann könnte man das halbe New Hollywood-Kino canceln, das in einer Zeit von Krieg, Paranoia und gesellschaftlicher Spaltung Außenseiter in die Filmgewalt trieb.

Die Reaktionen auf Joker künden nur teilweise vom Film und sagen mehr über seine Zuschauer aus. In den ideologischen Ansätzen bleibt Joker ein Chiffre. Die inszenierte Gewalt kann man von links wie rechts lesen, ohne das man sich ihrem Kern wirklich nähert. Die innere Leere des Films mag das befördern. Sie ist Stärke und Schwäche. Die Hülle besteht aus The Killing Joke und Serienkillergeschichten, Psycho, Taxi Driver, The King of Comedy, The Dark Knight (Rises). Alles darunter muss man selbst füllen - mit der eigenen Angst zum Beispiel.

Was sagt ihr zu den Reaktionen auf Joker?

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