Jahresrückblick

Mattes' Top-Film des Jahres - Winters' Bone

28.12.2011 - 09:10 Uhr
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Mattes' Top-Film des Jahres - Winters' Bone
© moviepilot
Mattes' Top-Film des Jahres - Winters' Bone
Gesellschaftliche Realität, Lokalkolorit, anthropologische Präzision – das sind alles Begriffe, die wir mit quälendem Sozialkino und fehlendem Spannungsbogen verbinden. In Winter’s Bone hingegen wird all das zu einem mythisch stimmigen Krimi verbunden.

Winter’s Bone war mein Kinoereignis des Jahres. Ich bin kein ausgesprochener Fan von Sozialkino oder Lokalkolorit. Doch dieser Film über die sozialen Netze und Brennpunkte in den Ozark Mountains im US-Staat Missouri fasst die anthropologische Wirklichkeit der von Drogenhandel (Crystal Meth) dominierten ländlichen Gesellschaft so subtil und spannend zusammen, dass er ganz einfach das faszinierendste war, was mir 2011 in einem deutschen Kinosaal geschah. Regisseurin Debra Granik schafft es, die Realität abzubilden, sie gleichzeitig auf ihr mythisch-cineastisches Potential abzuklappern. Mit Winter’s Bone schenkte die Regisseurin uns einen ebenso spannenden wie authentischen und bildgewaltigen Drogenkrimi. Jennifer Lawrence in der mutigen Hauptrolle ist eine jugendliche Offenbarung.

Ree Dolly (Jennifer Lawrence) kümmert sich um ihre depressive Mutter und zwei jüngere Geschwister. Ihr Tagesablauf setzt sich aus Kochen, Jagen, Holzhacken und ein paar anderen handfesten Tätigkeiten zusammen. Sie lebt mit ihrer Familie in einer Hütte in den Ozark Mountains, einem rauhen, spärlich besiedelten Landesstreifen. Ihr Vater ist seit einiger Zeit verschwunden. Eines Tages taucht der Sheriff auf und teilt Ree mit, dass sie das Grundstück verlassen müssen, weil Jessup Dolly, ihr Vater, nicht zu einem wichtigen Gerichtstermin erschienen ist. Ree glaubt das nicht. Dollys don’t run. Sie glaubt, dass er tot ist. Ree hat eine Woche Zeit, um ihren Vater zu finden und zu beweisen, dass er gestorben ist, deswegen nicht zum Termin erschienen ist. Ansonsten sitzt die angeschlagene Familie in der Wildnis. Sie macht sich auf die Suche und entdeckt Stück für Stück die Geschichte ihres Vaters, ihrer Familie, ihres Umfeldes – sie lernt die knallharten Strukturen der Welt kennen, in der sie lebt.

Märchenhaftes Sozialkino
Die moderne, amerikanische Saga erzählt die Geschichte eines Mädchens, das seine Familie retten möchte. Zwischen Crystal Meth, grimmigen Hillbillys und authentischen Landschaftsaufnahmen schimmern mythische und märchenhafte Erzählelemente durch. Mit einer anthropologischen Präzision beschreibt Debra Granik die Wirkungsmuster familiärer Bindungen, die rituellen Verhaltensweisen der amerikanisch-ländlichen Bevölkerung. Ree muss ihren Vater finden und macht sich auf die Suche nach der konzentrierten Macht, nach den lokalen Strippenziehern, die ihr weiterhelfen können. Ihre Suche, das was sie geben muss, um an Informationen zu kommen, ist in eine klare und poetisch-beunruhigende Filmsprache gekleidet. Mit der Zeit lernt Ree, dass die Gesellschaft, in der sie lebt aus klaren Regeln, aus sozialen Abläufen besteht, die sie demonstrativ brechen muss, um an ihr eigenes Ziel zu kommen. Langsam dämmert ihr, dass sie in einer zutiefst archaischen Welt lebt, voller familiärer Rivalität, voller roher Gewalt, voller dunkler Geheimnisse.

Eine wichtige Rolle spielt Teardrop Dolly, Rees Onkel. Er ist so etwas wie die unberechenbare Energie der Familie Dolly, irgendwo zwischen miesem Arschloch und mystischer Loyalität. John Hawkes spielt den Hinterwäldler mit einer vernebelten Würde und Kraft. Er kennt die Welt, die Ree betreten möchte, um ihre Mutter und ihre Geschwister zu schützen. Er möchte sie abhalten. Er sagt ihr nicht nur, dass sie die Hände von der Geschichte lassen soll. Er zeigt es ihr, körperlich. Der Ton in den Ozark Mountains ist klar und hart. Grenzen werden demonstrativ und rituell gezogen. Jede Überschreitung wird geahndet und zieht Konsequenzen mit sich. Die harsche Kommunikation, der rivalisierende soziale Umgang der ländlichen Bevölkerung eignet sich bei genauerer Berachtung perfekt für eine filmische Umsetzung. Die mal warm familiäre, mal abweisend bedrohliche White Trash-Sprache, die von Crystal Meth zerfressenen Gesichter der Ozark-Siedler, die nebligen Hügel von Missouri, das Neo-Western-Gehabe der Familien-Oberhäupter – Winter’s Bone entwickelt sich seine eigene düstere Filmwelt.

Fuckin’ Missouri
Der Trick dieses Films ist seine Wirklichkeit. Ein Amerikaner sagte mir, nachdem er den Film gesehen hatte einfach nur: Fuckin’ Missouri. Für ihn war der Film ein spannender Krimi, viel mehr aber eine eindrückliche Zusammenfassung der schockierenden Realität. In Amerika, diesem westlichsten aller Länder, bildet sich eine Parallel-Gesellschaft, eine weiße Ghettoisierung, ein von Drogenkonsum, Clan-Denken, Viehzucht und Kriminalität bestimmter Mikrokosmos. Der Film ruft weder zur Änderung dieses Zustandes auf, noch heißt er ihn gut. Er zeigt einfach. Er singt das Lied, das diese Backwoods-Menschen in der Mitte der US-amerikanischen Zivilisation ausmacht. Regisseurin Debra Granik lauscht dem Banjo spielenden Hillbilly und zeigt, was er zu sagen hat. Hinter jedem glotzenden Bauer steht ein brutaler Held, ein intrigierender Betrüger, ein mythisches Monster, eine berichtenswerte Geschichte.

Winter’s Bone ist ein Januskopf. Einerseits zeigt der Film die Realität von Missouri, andererseits ist es ein stringenter Krimi mit grandiosem Drehbuch, nach einer Romanvorlage von Daniel Woodrell. Die soziale Folie der Drogen-zerfressenen Landbevölkerung dient uns als cineastische Unterhaltung. Daniel Woodrell hat seinen Stil als Country-Noir bezeichnet und das trifft es wohl sehr gut. Die Probleme, die Lebenswelt der Ozark-Mountains wird in einer fiktionalen Genre-Story mit anthropologischen Anspruch auf den Punkt gebracht und filmisch transzendiert. Respektvoller, intensiver und bewusster kann ein Regisseur mit dem Thema kaum umgehen.

Winter’s Bone ist mein Top-Film des deutschen Kinojahres. Auf fesselnde Weise zelebriert er die cineastische Öffnung eines neuen Themas. Warum immer in die ferne schweifen, wenn mit dem Country-Noir ein filmisch dankbares Genre direkt vor der amerikanischen Haustür steht, im eigenen Land, in der heutigen Zeit. Western meets Sozialkino. Debra Granik hat sich als handwerklich sensible und ideenreiche Regisseurin erwiesen. Auf, auf und mehr von diesem amerikanischen Kino!

Meine Top 7-Filme des deutschen Kino-Jahres
1. Winter’s Bone von Debra Granik
2. Blue Valentine von Derek Cianfrance
3. How I Ended This Summer von Aleksei Popogrebsky
4. Über uns das All von Jan Schomburg
5. Die Haut, in der ich wohne von Pedro Almodóvar
6. 127 Hours von Danny Boyle
7. Midnight in Paris von Woody Allen

Hier alle Texte zu Tops & Flops sowie Stars des Jahres im Überblick:

Flops 2011
Mattes’ Flop-Film des Jahres – Kill The Boss
Ines’ Flop-Film des Jahres – Sucker Punch
Sophies Flop des Jahres – Pirates of the Caribbean

Tops 2011
Mattes’ Top-Film des Jahres – Winters’ Bone
Ines’ Top-Film des Jahres – Melancholia
Sophies Top Film des Jahres – Planet der Affen

Top-Schauspieler des Jahres 2011
Jennys Star des Jahres – Kristen Wiig
Jennys Star des Jahres – Andy Serkis
Mattes’ Star des Jahres – Mia Wasikowska
Mattes’ Star des Jahres – Ryan Gosling
Sophies Star des Jahres – Michelle Williams
Sophies Star des Jahres – Robert Pattinson
Maltes Star des Jahres – Jennifer Lawrence
Maltes Star des Jahres – Michael Fassbender
Ines’ Stars des Jahres – Alexander Skarsgard
Ines’ Star des Jahres – Saoirse Ronan

Interessante Regisseure des Jahres 2011
Tomas Alfredson – Nordmann mit Ambitionen
Nicolas Winding Refn – Meister der Präzision
Andrea Arnold – Von Top of the Pops nach Venedig
Cary Fukunaga – Bildgewaltige Filme mit viel Kraft

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