Mid90s: Dieser Film bietet bessere 90er-Nostalgie als Captain Marvel

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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.

Nostalgie ist ein großes Thema im Kino. Während die 1980er Jahre bemüht werden, um in verträumte Kindheitserinnerungen einzutauchen, hat sich Jonah Hill für sein Regiedebüt Mid90s, zu dem er ebenfalls das Drehbuch schrieb, die nachfolgende Dekade ausgesucht.

Angesiedelt im Los Angeles der 1990er Jahre erzählt der hinter die Kamera gewechselte Schauspieler eine berührende Coming-of-Age-Geschichte. Stellt euch Mid90s als Arthouse-Alternative zu Captain Marvel vor. Die MCU-Heldin landet nämlich ebenfalls im L.A. der 90er. Auf der Berlinale waren wir angetan von Jonah Hills Film. Immerhin gewinnt Mid90s da, wo Netflix mit Everything Sucks! scheiterte.

In Mid90s erwachen die 1990er Jahre zu neuem Leben

Bereits der Trailer zu Mid90s zeichnete ein stimmiges Bild des Films, der in seinen ersten Minuten alles daran setzt, um uns zurück in die 1990er Jahre zu katapultieren. Reichlich ausgestattete Kinderzimmer vereinen sich mit einem Nostalgie-durchströmten Soundtrack. Dazu kommen passende Klamotten, unzählige Sonnenuntergänge und das Seitenverhältnis 4:3 sorgt zusätzlichen für Retro-Charme.

Interessant wird Mid90s aber erst, wenn er seine Hauptfigur vorstellt, nämlich den 13-jährigen Stevie (Sunny Suljic). Durch dessen Augen lernen wir die Welt der 1990er Jahre kennen, denn er befindet sich auf einer aufregenden Entdeckungsreise. Stevie flieht vor der zerbrochene Beziehung seiner Familie, die sich aus der unsicheren Mutter Dabney (Katherine Waterston) und dem gewalttätigen Bruder Ian (Lucas Hedges) zusammensetzt.

Im lokalen Skateshop trifft er auf den coolen Ray (Na-kel Smith) und seine Freunde, die ihn nicht nur die Freiheit eines Skateboards vorstellen, sondern von einem Leben in ultimativer Lässigkeit erzählen. Steve verliert sich in einem Abenteuer, das den aufregenden Levels seiner Nintendo-Spiele weit überlegen ist.

Ab jetzt gehört er zu den Coolen, die ausgerüstet mit ihren Skateboards ein Leben jenseits der Regeln führen und sich mit waghalsigen Tricks gegenseitigen Respekt verschaffen. Stevie raucht, Stevie trinkt, Stevie chillt - endlich angekommen im Kreis derjenigen, die er zuvor nur schüchtern beobachtet hat. Der junge Mann in seinem Körper ist endlich frei.

Mid90s ist keine verklärende Montage der 1990er Jahre

Keine verklärende Montage: Mid90s suhlt sich nicht nur in der Nostalgie, sondern hinterfragt diese und beschäftigt sich mit den Konsequenzen von Stevies Handeln, das sich aus einer Mischung aus Neugier, Sehnsucht und Leichtsinn ergibt.

Jonah Hill entlarvt die Posen der Skater-Gang und sucht nach der Motivation hinter dem jugendlichen Leichtsinn. Selbst die coolsten Kids vom Block besitzen Träume und Ängste, die sie im Kreis mit anderen niemals verraten würden, sich insgeheim aber nach einem Gespräch darüber sehnen.

Vom minimal älteren Ruben (Gio Galicia) wird Stevie dazu erzogen, den Mund möglichst weit aufzureißen und lieber unhöflich als zuvorkommend zu sein. Gefühle zeigen? Kommt nicht infrage! Doch genau daran ist Jonah Hill am meisten interessiert und so filtert er die verborgenen Emotionen aus den schreienden Teenager-Herzen heraus.

Mid90s ist eine Los Angeles-Odyssee über das Hinfallen

Jonah Hill erzählt in Mid90s von Jungs, die sich ständig etwas beweisen müssen und damit in eine Spirale geraten, aus der es schon bald kein Entkommen mehr gibt. Vermeintliche Coolness und zu viel Langeweile fördern schicksalhafte Ereignisse zutage. Das Skaten integriert Jonah Hill dabei sehr schön in die Geschichte, denn das Hinfallen ist auf dieser LA-Odyssee stets ein großes Thema.

Sei es beim Üben des ersten Ollies oder später, wenn die Figuren mit den Folgen ihrer Entscheidungen konfrontiert werden. So euphorisierend das Gefühl ist, mit einem Brett durch die Luft zu fliegen, so schmerzlich ist die Landung auf dem Asphalt. Mid90s lässt uns beide Seiten erleben.

An diesem Punkt überrascht Jonah Hill als ausgeglichener Erzähler. Fraglos steht er auf Stevies Seite und taucht zu gerne in die Abenteuer ein, die er mit seinen Freunden erlebt. Gleichzeitig besitzt das Drehbuch zahlreiche Momente, die reflektiert auf das Vergangene blicken und unter Umständen drohende Lebensgefahr in drastischen Bildern illustrieren.

Mid90s funktioniert folglich auf verschiedenen Ebenen:

  • Auf der einen Seite wartet der Film mit 1990er-Jahre-Nostalgie bis zum Umfallen auf.
  • Auf der anderen Seite steht die berührende Coming-of-Age-Geschichte, die mit ihren Lektionen über Freundschaft und das Erwachsenwerden eine willkommene Allgemeingültigkeit besitzt.
  • Darüber hinaus lernen wir in Mid90s Jonah Hill als Regisseur kennen - eine interessante Seite des Schauspielers, der sich in den vergangenen Jahren immer wieder gewandelt hat und sich bis zu einem gewissen Grad mit Mid90s auch selbst inszeniert.
  • Oh, und habe ich schon erwähnt, dass Trent Reznor und Atticus Ross zwölf sehr feine Minuten Musik für den Film komponiert haben?

Werdet ihr euch Jonah Hills Regiedebüt Mid90s im Kino anschauen?

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Redakteur bei Moviepilot. Schaut zu viel ins Internet, mag den Weltraum und fühlt sich auf Tatooine genauso zu Hause wie in Hogwarts und Mittelerde.
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