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Narcos - Unser erster Eindruck

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Narcos im Pilot-Check
29.08.2015 - 08:00 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Am Freitag startete mit Narcos die nächste Eigenproduktion des US-amerikanischen Streaming-Anbieters Netflix. Die Geschichte dreht sich um Pablo Escobar und sein Kokain-Imperium. Doch was hat das Gangsterdrama-Serie wirklich auf dem Kasten?

Zuletzt widmete sich Escobar - Paradise Lost dem Leben des kolumbianischen Drogenbarons, der mit vollständigem Namen Pablo Emilio Escobar Gaviria heißt. Hier machte The Hunter Games -Star Josh Hutcherson Bekanntschaft mit dem gefährlichen und unberechenbaren Mann, der von Benicio del Toro verkörpert wurde. Keine zwei Monate nach dem deutschen Kinostart des Films von Andrea Di Stefano startet eine weitere Erzählung von Pablo Escobars Werdegang - dieses Mal allerdings im Rahmen einer Netflix-Serie. Der US-amerikanische Streaming-Gigant veröffentlichte am Freitag die komplette erste Staffel  der zehnteiligen Eigenproduktion, die sich zu ebenfalls 2015 erschienenen Drama-Serien wie Bloodline, Marvel's Daredevil und Sense8 gesellt.

Willkommen in der blühende Kokain-Hölle des kolumbianischen Dschungels

Narcos macht keine Gefangenen: Gleich zu Beginn der Pilotepisode wird das Tempo angezogen und Steve Murphy (Boyd Holbrook) meldet sich aus dem Off zu Wort. Er arbeitet in den 1970er Jahren bei der DEA und ist in erster Linie damit beschäftigt, gemeinsam mit seinem Partner Hippies unter der Sonne von Miami zu jagen. Als Zuschauer bekommen wir im Sekundentakt neue Informationen geliefert, die ein narratives Grundgerüst schaffen, das darüber hinaus mittels Archivmaterial historisch verankert wird. Der Ton ist rasant - und damit unterscheidet sich Narcos schon einmal gewaltig von bisherigen Original-Serien aus dem Hause Netflix. Marco Polo ist wohl das prominenteste Beispiel für den unaufgeregten bis zähen Erzählrhythmus, der oftmals als Kritikpunkt vorgetragen wird, wenngleich bereits erwähnte Vertreter wie Bloodline, Marvel's Daredevil und Sense8 gerade vom ausbleibenden Zeitdruck profitierten. Narcos hingegen könnte in puncto Erzählung die serielle Wiederbelebung von Martin Scorseses Gangster-Epen GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia und Casino sein.

Boyd Holbrook übernimmt dabei den Part von Ray Liotta, der im erstgenannten Scorsese-Film als Henry Hill sämtliche Ereignisse aus der eigenen Perspektive erzählte. Somit fungiert Steve Murphy in Narcos auf der einen Seite als Protagonist der Serie, der die Geschichte selbst erlebt. Auf der anderen Seite (und via Off-Kommentar) dient er jedoch ebenso als roter Faden, der im Notfall alles zu erklären weiß, da er die komplette Geschichte längst erlebt hat. Geschickt weiß Regisseur José Padilha diesen Umstand zu nutzen, um gleichzeitig Pablo Escobar (Wagner Moura) als Figur einzuführen. Fortan fährt die Pilotepisode zweispurig und verortet die Handlung sowohl in den USA als auch in Kolumbien. Erst zum Ende der 60 Minuten, wenn Pablo Escobars Kokain-Imperium in den frühen 1980er Jahren seinen ersten Höhepunkt erreicht, konzentriert sich Narcos auf die Geschehnisse auf dem südamerikanischen Kontinent. An diesem Punkt entscheidet sich Murphy mit seiner Frau Connie (Joanna Christie) die Heimat zu verlassen und auf kolumbianischem Boden Fuß zu fassen - angetrieben von einem überaus verqueren Patriotismus, der jedoch schnell mit der knallharten Realität vor Ort kollidiert.

Der schmale Grat zwischen Gut und Böse

Narcos braucht nicht lange, um die zentrale Frage der Serie zu stellen: Wer sind die Guten und wer sind die Bösen? In wenigen Sätzen wird Richard Nixon als anfänglich Guter (47 Millionen Amerikaner stimmten bei seiner zweiten Präsidentschaftskandidatur für ihn) als Böser entlarvt und die nächste Frage gestellt: Was passiert, wenn ein Guter etwas Böses tut, oder sich im Umkehrschluss ein Böser dazu gewillt sieht, die Welt mit einer guten Tat zu bereichern? Das Anliegen hinter diesem Gedankenspiel ist offensichtlich: Narcos versucht, der Schwarzweißmalerei zu entsagen und bringt dementsprechend nicht nur auf Seiten der Kriminellen verwegene Zeitgenossen zutage, sondern findet diese ebenso in den Reihen der DEA. Obwohl der Blickwinkel zum Einstieg ein amerikanischer ist (und durch Murphys begleitendes Erzählen auch immer einer bleiben wird), balanciert Narcos gekonnt zwischen zwei Welten und zollt ihnen gleichermaßen Respekt. Nicht zuletzt liegt der Fokus der Faszination auf den Mechanismen des Kokain-Schmuggels, der regelmäßig bis ins kleinste Detail zerlegt wird, ohne dabei verherrlicht zu werden.

Am Ende des Tages ist klar: Wer es in diesem Spiel an die Spitze schaffen will, dem bleibt keine andere Wahl, als seinen Feinden den Garaus zu bereiten und wenn es sein muss seinen Freunden ebenso. Die unbeschwerten 1970er Jahre zerschellen am Kliff der kompromisslosen 1980er Jahre. Oder wie Murphy es formulieren würde: An die Stelle von Flipflops treten automatische Waffen und Menschen, die gewillt sind, diese zu bedienen - völlig unabhängig, wie hoch der Preis dafür ist. Selbst der Patrón, wie Pablo Escobar von seiner Gefolgschaft genannt wird, muss feststellen, dass die eigenen Vertrauten in Zeiten des unersättlichen Machthungers zu Verrätern werden und so rollt Narcos ziemlich flott sämtliche Bestandteile aus, die unter Schlagwörtern wie Gier, Intrige und Korruption abgestempelt werden können. "Plata o plomo?" (zu deutsch: "Silber oder Blei?") - so Pablos Escobars Credo, als eine Handvoll übereifriger Gesetzeshüter bei einer Kontrolle verärgert anmerkt, dass er in seinem Größenwahn sogar so dreist ist und es nicht einmal für nötig hält, seine Schmuggelware zu verstecken.

Alles schön und gut - doch wohin geht die Reise?

Abseits davon gelingt es Narcos obgleich seiner leichtfüßigen Attitüde erstaunlich gut, ein differenziertes Bild seiner zentralen Figuren und ihrer Umgebung zu zeichnen - vor allem wenn man bedenkt, dass ein Gros der Laufzeit für obligatorische Exposition drauf geht. Immer wieder erhält Pablo Escobar zusätzlich zu einem Schaffen als Drogenbaron eine Facette als Familienmensch und Stratege. Auch Murphy muss sich zum Schluss eingestehen, dass er vom Jäger zum Gejagten geworden ist (eine halbe Million Dollar ist Pablo Escobar der Kopf eines DEA-Agenten wert) und das neue Leben, das in Kolumbien vor ihm liegt, einige unterwartete Überraschungen mit sich bringt. Wo die Pilotepisode trotz all ihrer Ausdifferenzierung total versagt, ist die (bis dato) einzige weibliche Hauptfigur. Connies Einführung erfolgt zwar ganz charmant. Warum sie sich jedoch in Murphy verliebt und was dieser genau für sie empfindet, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Die Beziehung der beiden gehört mitunter zum unförmigsten Bestandteil des ersten Kapitels und rückt wie aus dem Nichts in unregelmäßigen Abständen in den Mittelpunkt.

Aber vielleicht liegt das daran, dass Narcos bisher noch nicht so genau weiß, wie die eigene Geschichte der Serie aussehen soll. Obwohl Murphy im Off mehrmals durchblicken lässt, dass er im Gegensatz zum Zuschauer viel mehr über das Bevorstehende weiß, stellt sich irgendwann die Frage, worauf er eigentlich mit seinen spannenden Anekdoten hinaus will. Denn nur zwischen popkulturellen Referenzen und historischen Momentaufnahmen durch den kolumbianischen Dschungel zu hangeln und dabei die wichtigsten Stationen im Leben von Pablo Escobar zu passieren, kann unmöglich das einzige Anliegen dieser Serie sein, die ansonsten locker an sämtliche Qualitäten der bisherigen Netflix-Dramen anschließen könnte.

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