Netflix' bizarre Zahlen unter der Lupe: Das 2-Minuten-Experiment

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The Irishman/The Dark Crystal/6 Underground
30.01.2020 - 16:40 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Schon nach nur zwei Minuten einer Serie oder eines Films zählt Netflix' Algorithmus uns als "Zuschauer". Wir haben ein Experiment gestartet, um zu sehen, was in zwei Minuten alles passiert.

Was offenbaren zwei Minuten? Reichen die, um mich wirklich neugierig zu machen? Geben sie überhaupt einen nennenswerten Eindruck vom Gesamtfilm oder einer Serie? Alles Fragen, die Netflix sich offensichtlich nicht gestellt hat.

Die neue Zählweise des Streaming-Giganten geht bei den Zuschauerzahlen nicht mehr von Leuten aus, die längere Zeit mit einem Film oder einer Serie verbracht haben. Es geht nur noch um Menschen, die sich zum Schauen "entschieden haben". Dafür reichen angeblich zwei Minuten. Was, wie auch The Hollywood Reporter  anmerkt, natürlich absoluter Quatsch ist, da eine solche Entscheidung meist erst nach zwei oder mehr Minuten passiert.

Trotzdem fanden wir die Idee spannend: Was passiert in zwei Minuten?

Das Experiment war denkbar einfach: Von sechs (noch ungeschauten) Netflix Originals habe ich jeweils die ersten zwei Minuten angeschaut. Testgegenstand 1 waren drei Filme, Testgegenstand 2 drei Serien. Ich habe vermerkt, was passierte und was mir dazu durch den Kopf ging, um festzustellen, welchen Effekt die kurzen Schnipsel auf mich und meine Neugier hatten.

Teil des Experiments: The Irishman

Netflix-Test 1: Drei Netflix-Filme

Los, Scorsese, pack mich! "In The Still of the Night", schöne, lange Kamerafahrt. Hallo, Robert De Niro. Nicht so undeutlich bitte. Was war das mit den Anstreichern? Mist, das war's schon. Tja, hätte eine halbe Minute mehr, und die Referenz aufs "Häuser anstreichen" hätte plötzlich Sinn ergeben, denn dann fällt der erste Schuss. Alles in allem sehr Scorsese.

Alles grau und so nachdenklich...bin ich hier schon richtig? Oder versucht Michael Bay, A Ghost Story nachzubasteln? Der brauchte eh mehr Explosionen, wie ich finde. Aaaah, das sieht schon besser aus: "Freedom!", Bass-Beats, knallige Farben, Flugzeug mit Flammen-Vinyl, Red Bull und Ryan Reynolds. Läuft. Oder eher: fliegt. Und jede Menge Kugeln. Jawoll.

Oh je, direkt eine Prophezeiung. Hübsche Expositions-Streetart. Überraschend kreativ, aber nach Suicide Squad traue ich hübschen Bildern bei David Ayer nicht mehr. Mensch, WoW-Orcs würden die Bright-Orcs definitiv auslachen - die hätten den Laden längst übernommen. Ihr Luschen! Moment. Das ist doch eine sehr unsubtile Metapher für Minderheiten. Habe ich grade Minderheiten als Luschen beschimpft? Oh Gott ... äh ... Go, Orcs!

Eines der Highlights in Bright: Die Graffitis

2-Minuten-Fazit Filme

Gerade bei den Filmen liegt manchmal eine ganze Minute der Fokus auf Studiologos. So wird jeder, der auch nur ein paar Sekunden Film sehen will, schon zum "Zuschauer". Die, die nach kurzer Zeit aussteigen, werden trotzdem Teil von Netflix' Statistik. Gerade bei Filmen ist das pure Zahlenkosmetik. Regisseure nehmen sich hier beliebig viel Zeit, um den Zuschauer an ihre Erzählweise heranzuführen.

Die ersten zwei Minuten sind im Idealfall aussagekräftig und stilsicher, müssen uns aber nicht zwangsläufig gewaltsam packen. Denn auch Netflix-Filme folgen noch dem Kino-Prinzip: Man trifft eine Wahl und steht dazu, nur im Notfall verlässt man den Saal - oder die Seite. Wir müssen dem Regisseur vertrauen und er unserer Geduld. Fertig. Weswegen ich The Irishman definitiv noch ansehen werde, aber nicht aufgrund dieser zwei Minuten.

Sonstige Erkenntnisse? Wir haben hier womöglich die neue Art gefunden, Michael Bay-Filme zu schauen. Der liefert schon in nach Sekunden alles ab, was man sich von ihm erwartet, warum also weiterschauen? Zwei Minuten "Bayhem" - das ist eine gesunde Dosis.

Netflix-Test 2: Drei Netflix-Serien

Russisches Wasser-Aerobik. Klar, warum nicht. Ein süßes, junges Pärchen. Kriegen die sich noch? Moment, Prioritätenwechsel. Blut im Wasser. Warum ist sie plötzlich hochschwanger? Wieso liegt sie in den Wehen? Schon rum?! Okay, die Geburt muss ich jetzt aber noch anschauen ... Sätze, die ich wirklich nicht oft sage.

The Umbrella Academy

Ein Intro auf Speed, hypnotisch und überladen mit Infos. Muss ... mehr ... wunderschöne Puppenarbeit sehen. Will ... mehr ... wissen. Muss ... mehr ... von der Welt erkunden! Als Künstler und Puppenfilmfan war das eine Einstiegsdosis meiner Lieblingsdroge. MEHR!

Eine Schule, in der die gesamte soziale Hierarchie auf deinen Fähigkeiten im Glücksspiel basiert und Mädchen vom Zocken high werden. Willkommen in Japan. Unsere Hauptfigur ist ein niederrangiger Fußabtreter. Eine geheimnisvolle Neue soll alles ändern. Anfang des Intros, das mehr "Anime" nicht sein könnte. Punktlandung. Beeindruckend.

2-Minuten-Fazit Serien

The Dark Crystal beweist, wie elegant man das klischeehafte High Fantasy-Intro voll Worldbuilding und Hintergrundgeschichte aufpeppen kann. Kakegurui ist mit geraffter Anime-Erzählstruktur noch schneller. The Umbrella Academy nutzt seine ersten zwei Minuten effektiv, denn so verwirrt ich bin, so neugierig bin ich auch.

Liebe auf die ersten zwei Minuten: The Dark Crystal: Age of Resistance

Generell scheinen Serien eher bemüht, schnell zu faszinieren. Sie müssen uns früh motivieren, auch lange dabei zu bleiben. Sie haben pro Episode weniger Zeit für einen Handlungsbogen, und eine Folge (mit ihren meist 25-60 Minuten) kann schon entscheidend sein. Gerade im Serienparadies Netflix herrscht zudem mehr Konkurrenzdruck, was Originalität und Kreativität fordert, wenn man Zuschauer ködern will.

Im Bereich der Serien sind zwei Minuten also deutlich aufschlussreicher als beim Film, können aber trotzdem niemals aussagekräftig für etwas sein, was zahlreiche Stunden an Geschichte erzählt. Diese zahlreichen Stunden habe ich direkt im Anschluss übrigens Kakegurui und The Dark Crystal investiert - und es nicht bereut.

Insgesamt hätte ich tatsächlich keine der untersuchten Netflix-Produktionen nach zwei Minuten schon abgebrochen. Selbst Michael Bay verdient mindestens drei.

Warum Sex Education eine der besten Teenie-Serien ist, hört ihr im Podcast:

Andrea, Matthias und Max diskutieren in der neuen Podcast-Folge von Streamgestöber über die besten Teenie-Serien bei Netflix:

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Reichen euch zwei Minuten, um euch für einen Film oder eine Serie zu entscheiden?

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