Netflix-Filme müssen vor Netflix gerettet werden

Murder Mystery mit Jennifer Aniston und Adam Sandler
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Meint es gut mit den Menschen.

Das Programmangebot von Netflix funktioniert nach dem Rotationsprinzip - lizenzierte Inhalte stellt der Streaming-Gigant nur über einen bestimmten Zeitraum zur Verfügung. Sobald "verschwundene" Titel dann auch bei anderen Video-on-Demand-Diensten nicht regulär geschaut bzw. digital ausgeliehen oder gekauft werden können, bleiben lediglich Erinnerungen an eine Versorgungslage, die noch vor wenigen Jahren erheblich besser war.

Netflix und der Streaming-Mythos

So führt das Sterben der Videotheken mit ihren zumindest in Großstädten breit und vor allem unterschiedlich aufgestellten Angeboten dazu, dass ein aus Streaming-Katalogen geworfener Titel das vorübergehende Ende seiner öffentlichen Zugänglichkeit bedeuten kann. Der leichtgläubigen Abhängigkeit vom Video-on-Demand-Geschäft folgt großes Staunen, sollte der einstmals garantiert im Leihregal stehende Titel auf keiner Online-Plattform zu finden sein.

Gänzlich verpufft der Mythos ständiger Verfügbarkeit im relativ neuen Fall einer Netflix-Eigenrationierung, der selbstständig produzierte und damit nirgendwo sonst erhältliche Inhalte zum Opfer fallen. Angeblich aus Gründen der Übersicht löschte Netflix unangekündigt 66 Episoden seines Talkformats Chelsea, dessen Zuschauer nun keine (legale) Chance haben, die entstandenen Lücken zu schließen.

Download-to-Own oder ähnliche Sicherungsmöglichkeiten bietet Netflix nicht an, Abonnenten schauen nach der Löschung buchstäblich in die Röhre. Der Gang zur Videothek würde hier ebenfalls keine Abhilfe schaffen, anders als bei jenen Fällen von Selbstzensur, die im Streaming-Zeitalter schnell durchgesetzt werden können. Zuletzt ließen die Produzenten der Simpsons eine Folge mit Michael Jackson von allen Kanälen entfernen. Besitzer der DVD-Ausgabe sind nun klar im Vorteil.

Netflix-Inhalte sollen exklusiv sein

Dass Netflix-Produktionen, sogenannte Originals, weder digital noch analog erworben werden können, hat freilich System. Ihr Zugang ist beschränkt, weil am Abonnement kein Weg vorbei führen soll. Allein Filme mit speziellen Verwertungsrechten (etwa die Paramount-Titel Auslöschung und The Cloverfield Paradox) sowie in Kooperation mit TV-Anstalten und Hollywood-Studios produzierte Serien wie House of Cards, Tote Mädchen lügen nicht oder Fuller House sind auf DVD erhältlich.

Solche Formate stellen, obgleich anders etikettiert, keine Netflix Originals im eigentlichen Sinne dar - an ihnen hängen Unternehmen wie Marvel oder Warner. Von Inhalten, über die Netflix tatsächlich frei verfügen kann, ist mit Stranger Things bisher nur eine einzige Eigenproduktion konventionell ausgewertet worden. Zu kaufen gab es sie als Sonderedition auf DVD und Blu-ray in der US-Handelskette Target, wobei schon die Form betonte, dass es sich um eine Ausnahme handelte.

Wer sich Netflix-Titel wie Bird Box, Triple Frontier oder die Filme mit Adam Sandler auf Festplatten laden oder ins Regal stellen möchte, hat das Nachsehen. Darüber ärgern sich nicht nur potenzielle Käufer. Regisseur Mike Flanagan, dessen Filme fast allesamt von Netflix vertrieben werden (ebenso wie die von ihm entwickelte Serie Spuk in Hill House), kritisiert das Vorgehen erstaunlich offen. Er habe "gebettelt", dass der Streaming-Dienst seine Arbeiten auf Datenträgern veröffentlicht, hieß es bei Twitter.

Zugegeben: Ein Programmanbieter, der die exklusive Verfügbarkeit online abrufbarer Inhalte als wichtigstes Verkaufsargument begreift, hat aus nachvollziehbaren Gründen kein primäres Interesse am altgedienten Heimkinomarkt. Für Netflix ist der Verzicht auf DVD und Blu-ray elementarer Bestandteil seiner Kundenakquisition. Gewissermaßen würde eine Hinwendung zu jenen Distributionsarten, die der Streaming-Pionier abzulösen anstrebt, das eigene Geschäftsmodell infrage stellen.

Das Qualitätsgefälle von Netflix

Andererseits geht es um viel mehr als Haptik. Die Distributionspolitik von Netflix zielt auf eine Verdrängung physischer Medien durch Video-on-Demand ab. Netflix und die dazugehörigen Begriffe ("bingen") sind zu Synonymen für den Konsum bewegter Bilder schlechthin geworden, unabhängig vom tatsächlichen Programm. In sozialen Netzwerken berichteten Menschen vielfach, sie hätten Chernobyl auf Netflix gesehen, obwohl die Serie ausschließlich bei HBO und Sky gezeigt wird.

Dass Netflix diesen - bis in Bereiche der Imagination vordringenden - Siegeszug trotz eines hochgradig verknappten Angebots antreten konnte, scheint in Anbetracht der preislichen Attraktivität und Einfachheit seiner Bedienung kaum verwunderlich. Sogar das enorme Qualitätsgefälle gegenüber Heimkinodatenträgern hat der Bequemlichkeit keinen Abbruch getan. Wenn Darstellungen von Regen und Konfetti zum Pixelfest verkommen, weil die Netflix-Bitrate auf unterstem Niveau läuft, wird das gar nicht mehr wahrgenommen.

Streaming ist aber keine Alternative zu DVD und Blu-ray, sondern allenfalls deren Ergänzung. Auf Netflix können selbst Ultra-HD-Streams nicht mit gewöhnlichen HD-Datenträgern mithalten: Während die Videospuren einer Blu-ray bis zu 40 Mbps (Megabit pro Sekunde) und die einer Ultra-HD Blu-ray auch mal doppelt so viel beanspruchen, dümpelt das angebliche UHD-Streaming von Netflix bei Werten zwischen 8 und 16 Mbps herum.

Netflix-Filme vor Netflix retten

Zwar wirbt der Streaming-Dienst mit 4K-Qualität, doch ist eine hohe Auflösung angesichts derart schwacher Datenübertragungsraten nicht viel wert. Zu den Kompressionsartefakten und Detailverlusten des Bildes kommt außerdem ein verhältnismäßig schwacher Sound. Netflix überträgt Dolby Atmos mit Bitraten von höchstens 768 kbps (Kilobit pro Sekunde) und 5.1-Ton mit maximal 640 kbps, wobei dieser Wert, abhängig von der Bandbreite, deutlich sinken kann - auf bis zu 192 kbps.

Zum Vergleich: Das bei der Blu-ray und Ultra-HD Blu-ray geläufige Tonformat DTS-HD Master Audio übermittelt verlustfreien Sound in Studioqualität (mit variablen Bitraten bis zu 7000 kbps). Die DVD, ein technisch fraglos überholtes Heimkino-Medium, bietet für gewöhnlich komprimierten DTS-Ton in 768 kbps und manchmal auch 1536 kbps (beispielsweise auf der britischen DVD von The Descent - Abgrund des Grauens), was noch immer über dem Niveau von Netflix liegt.

Deshalb war der limitierte Kinostart des oscarprämierten Netflix-Films Roma für viele eine große Sache. Weil hier nicht allein der soziale Erfahrungsraum Kino den Unterschied machte, sondern eine technische Präsentation, die in der komprimierten Streaming-Variante nur als Kompromiss taugt. Sollten sich die Gerüchte bewahrheiten, dass das cinephile US-Label Criterion eine Blu-ray-Veröffentlichung von Roma plant, käme dies einer Rettung des Films gleich.

Solange nämlich der Streaming-Marktführer physischen Medien eine Absage erteilt, werden Netflix-Produktionen wie der kommende The Irishman von Martin Scorsese oder Six Underground von Michael Bay nur in qualitativ unzureichenden Fassungen verfügbar sein. Und wer glaubt, dass das allein Technikfreaks kümmert, möge sich an die Zuverlässigkeit physischer Medien erinnern, wenn Internetausfälle und schwankende Übertragungsraten wieder mal den Netflix-Genuss vereiteln.

Wünscht ihr euch Netflix-Produktionen auf DVD und Blu-ray?

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Ab 22. August im Kino!Good Boys
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