Netflix zieht den Ghibli-Joker: Im Kampf gegen Disney+ reicht das nicht

Chihiros Reise ins Zauberland
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Chihiros Reise ins Zauberland
22.01.2020 - 08:30 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Netflix gönnt sich mal eben den Ghibli-Katalog. Dahinter steckt eine gewiefte Strategie zur Vorbereitung auf den Start von Disney+. Aber dieser Weg ist teuer und nicht die Zukunft.

Wer in Deutschland nach Streaming-Möglichkeiten für Mein Nachbar Totoro suchte, wurde jahrelang enttäuscht. Kein einziger Anbieter verfügt hierzulande über die Rechte. Studio Ghibli schützte seine Animationsschätze vor der Flüchtigkeit des digitalen Filmkonsums. Netflix knackt jetzt den Ghibli-Tresor: 21 von 22 Filmen wandern zum Streaming-Dienst. Das muss ein hartes Stück Arbeit gewesen sein, doch der Start von Disney+ zwingt Netflix aus der Komfort-Zone.

Was dieser Coup gekostet hat, ist nicht bekannt. Allein für die Rechte an den angestaubten und zigfach lizenzierten Friends-Staffeln flossen 500 Millionen US-Dollar. Für einen Appel und ein Ei ließ Ghibli seine Filme also ganz sicher nicht ziehen. Netflix weiß um den Wert von berühmten Klassikern.

Der massige Schwung der Ghibli-Filme nimmt Disney+ in Deutschland und dem Rest der Welt zumindest ein wenig den Wind aus den Segeln. Der Streaming-Dienst zielt mit dem Deal genau auf die Kernzielgruppe des mächtigen Konkurrenten ab: die Familien. Das Content-Manöver ist zeitlich auf den Start des Konkurrenten abgestimmt.

Der Ghibli-Pan von Netflix bedrängt den Disney Plus-Start

  • Am 24. März 2020 startet Disney+ in Europa und Deutschland.
  • In den 2 Monaten vorher landen nach und nach die 21 Anime-Klassiker auf die Plattform.
  • Das passiert in drei Wellen: Teil 1 am 1. Februar, Teil 2 am 1. März, Teil 3 am 1. April.
  • Der Disney+-Start ist eingekesselt von der Streaming-Premiere der Ghibli-Filme.
  • Die Rechte gelten für alle Länder außerhalb Nordamerikas und Japan, dem Ursprungsland der Ghibli-Filme.

Disney+ kommt nach Europa, Netflix rüstet auf

Netflix wehrt sich nach Kräften gegen die Marken-Übermacht von Disney+, das mit Marvel, Star Wars, Pixar und etlichen Zeichentrickklassikern lockt. Die Ghibli-Filme bieten Cineasten, vor allem aber Erwachsenen mit Nachwuchs Alternativen zum Zeichentrick-Angebot von Disney+. Statt Wall-E können die Kinder dann 3 Mal am Tag Das Schloss im Himmel schauen.

Schon beim Start von Disney+ in den USA im Herbst hielt Netflix dagegen und brachte so viele hochkarätige Eigenproduktionen wie nie zuvor in Stellung. Die Kriegskasse ist voll. Im kommenden Jahr gibt das Unternehmen angeblich 17 Milliarden für neue Filme und Serien aus, schreibt Variety .

Gegen einen Baby Yoda hat es aber selbst Henry Cavills Witcher schwer. Denn (knuddelbare) Tradition wie diese muss Netflix einkaufen. Wer in der Google-Bildersuche Netflix sucht, findet das kantige, rote Logo. Wer Ghibli sucht, findet den weichen, flauschigen Totoro. Die Ghibli-Filme sind ein wertvolles Sammlergut, selbst die älteren Filme kosten auf Blu-ray selten unter 13 Euro.

Mein Nachbar Totoro

Netflix hebt diesen Schatz und öffnet die Truhe seinen Abonnenten. Für das Event lässt der Dienst die Filme in 28 Sprachen übersetzen. "Wir hoffen, dass Menschen auf der ganzen Welt die Welt der Ghibli Studios auf diese Weise entdecken werden", zitiert der Hollywood Reporter  Ghibli-Produzent Toshio Suzuki.

Netflix richtet den Prozess des Hochladens als feierliche Zeremonie aus. Die Ghibli-Filme verdienen Ruhe und Aufmerksamkeit, findet selbst der Streaming-Dienst, der seine eigenen Serien wie schwere Schlachtplatten serviert. Die 13 Serienepisoden Tote Mädchen lügen nicht landen in einem Rutsch auf der Plattform. Der Ghibli-Segen rieselt sanft herab auf die Abonnentenschaft.

Aber will Netflix Disney wirklich mit Zeichentrick besiegen? Wohl kaum.

Disney+ luchst Netflix die Zielgruppe ab

Netflix arbeitet seit geraumer Zeit an einem Zeichentrick-Grundstock. Es gibt eine Trollhunter-Serie von Guillermo del Toro, eine Fast and Furious-Serie und bald kommt die Jurassic Park-Serie. Der Animationsfilm Klaus zählt zu den besten Originals des Jahres. Gegen den prallen Disney-Tresor, der über 80 Jahre stetig anwuchs, wirkt das aber immer noch mickrig. Diesen Kampf kann das Unternehmen nicht gewinnen.

Baby Yoda

Mit dem weltweiten Start von Disney+ muss der Gegenspieler zeigen, was für ein Streaming-Dienst er überhaupt sein will. Konkurrenz erfordert auch Abgrenzung und Netflix wird nicht versuchen, Disney zu imitieren, genauso umgekehrt.

Netflix muss sich fragen, weshalb die Leute überhaupt zu ihm kommen. Mit der Ankunft neuer Angebote verändern sich nämlich auch die Anforderungen der Kunden. Es deutet vieles darauf hin, dass die umständliche, aber kostensparende Rotation von verschiedenen VOD-Angeboten zur realistischen Alternative wird. Dann brauchen Nutzer natürlich Gründe, um zurückzukehren.

Netflix muss nicht sein wie Disney+

Netflix hat sich als der Streaming-Dienst etabliert, bei dem jede Woche was Neues passiert. Ein David Lynch-Film, die 2. Staffel einer erfolgreichen Serie, ein Event wie Stranger Things, ein Oscar-Film wie The Irishman. Netflix ist ein reißender Strom aus Content.

Dieses Tempo geht wiederum Disney+ nicht mit, das stattdessen einen stillen See aus Klassikern pflegt. Das Traditionsstudio Disney steht für Beständigkeit. Netflix für das Neue, das immer Neue. Mit dem Ghibli-Katalog überbrückt das Unternehmen deshalb lediglich auf kurze Sicht eine besondere Drucksituation.

Der ultimative Ghibli-Guide für alle Fans und Neulinge als Podcast

In der neuen Folge Streamgestöber - auch bei Spotify  - erstellt Andrea mit ihren beiden Gästen Sebastian und Christian einen Ghibli-Guidie für euch:

Von Chihiros Reise ins Zauberland bis Mein Nachbar Totoro bringt Netflix 21 Anime-Klassiker von Studio Ghibli endlich auch zum Streamen nach Deutschland. Im Podcast erfahrt ihr alles Wichtige darüber.

Freut ihr euch auf die Ghibli-Filme?

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