Zum 70. Geburtstag

Steven Spielberg - Der inszenierte Höhepunkt

Steven Spielberg am Set von Jäger des verlorenen Schatzes
© Lucasfilm
Steven Spielberg am Set von Jäger des verlorenen Schatzes
moviepilot Team
NeonFox Alexander Börste
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Momente, die einem Terroranschlag gleichkommen, nur vier Jahre nach 9/11: Ein von seinen Kindern entfremdeter, lausiger Vater verbringt das Wochenende mit seinen Sprösslingen, als die Hölle losbricht. Präzis ausgerichtete Blitze scheuchen eine Kleinstadt New Jerseys auf, der massive Asphalt der von Menschen gefluteten Straßen öffnet sich und verkündet das Ende der Welt. Die Unsicherheit der Massen weicht verzweifelter Todesangst, als gigantische, dreibeinige Maschinen der Unterwelt zu entsteigen scheinen und wie Vollstrecker der Apokalypse mit ohrenbetäubendem Gedröhne durch die Straßen ziehen. Der Vater rennt um sein Leben, muss mit ansehen, wie Bekannte einfach pulverisiert werden. Bald schon hat sich ein staubiger Mantel über ihn gelegt. Es sind die Überreste seiner Spezies.

Amerikas Herz blutet. Und mittendrin wir, das Publikum, das im Kinosaal gerade Zeuge von einem der stärksten Filmauftakte überhaupt wurde. Der Dirigent dieses Infernos im Krieg der Welten: Steven Spielberg. Heute wird der Regisseur 70 Jahre alt. Wenn sein Film aus dem Jahre 2005 auch eine zunehmend zu Kopfschütteln auffordernde Richtung einschlägt mitsamt von schwerem Militärgerät befeuertem Pathos und aufgedrängtem Happy End, bringt er die inszenatorische Brillanz Spielbergs, den immer wieder rasanten, audiovisuellen Tanz zwischen dynamischer Kamera und peitschenden Tonhieben, auf den (Höhe-)Punkt.

In seinen besten Momenten vermag Spielberg Zeitloses zu erschaffen. Es sind Eindrücke von magischer Strahlkraft. Wuchtig, universell, emotional. Auch wenn er erzählerisch zu häufig gegen eine von einfachem, schwarz-weißem Gedankengut gefärbte Wand rennt, weiß er als Bilderschaffer zuweilen unvergessliche Welten auf die Leinwand zu hieven. Zum Geburtstag eine Schau auf seine großen Momente als Regisseur.

T-Rex - Jurassic Park

Aus der quälenden Warterei einer technischen Panne während einer Testfahrt durch den Jurassic Park schafft Spielberg ein sich allmählich anspannendes Gefühl des Ausgeliefertseins, das die bisher ereignislose Tour tiefer und tiefer in Horrorfilmgefilde drängt. Das trübe Tageslicht ist längst der Dunkelheit samt Starkregen gewichen, der auf die Fahrzeuge niederprasselt. Als nur noch die eiserne Halskette von der zum Fraß vorgeworfenen Ziege zeugt und kurz darauf ein blutiger Schenkel auf eines der Autos knallt, steht die Enthüllung des kurzärmigen "Königs der Kreidezeit" kurz bevor. Hier zeigt Spielberg ebenso seine Neigung zur handgemachten Filmarbeit, wenn schließlich der furchteinflößende, animatronische Kopf des Tieres aus dem Dschungel ragt und das Tier kurz darauf den Sicherheitszaun durchbricht. Da stapft er nun vor den Augen der vor Angst Erstarrten, darunter Sam Neill (Die Wildente) als bedächtiger Paläontologe. Selbst 23 Jahre danach in beeindruckender Qualität, da die Kombination aus Regen und Dunkelheit die nun zum Einsatz kommenden Spezialeffekte geschickt unkenntlich macht.

Der Versuch, Mensch zu sein - A.I.

Der von Haley Joel Osment (Tusk) im Science-Fiction-Drama verkörperte Androidenjunge David beobachtet, imitert und adaptiert das Verhalten seiner neuen Familie. Der komplette erste Teil des Films zeigt den tragischen Versuch einer Menschwerdung, in der Spielberg vor allem wortlos und anhand einer Reihe uns emotional, wie instinktiv imminenter Ausdrucksweisen den Konfllikt zwischen Mensch und Maschine erlebbar werden lässt. Trotz einiger dramaturgischer Höhepunkte ist die Essenz dieses Segments das Alltägliche, dem der Regisseur hier Größe und Würde verleiht, wenn auf jeder Umarmung, jedem Blick und aller Berührungen zwischen Sohn und Mutter ein existenzielles Gewicht lastet, das so schwer wiegt wie der Kern unseres Daseins.

Räumung des Ghettos - Schindlers Liste

Zu den Klängen des jiddischen Volksliedes "Oyf'n Pripetshok" (dt. wörtliche Übersetzung: Auf dem Kochherd) taucht ein Mädchen in rotem Kleid inmitten des schwarz-weißen Grauens der Krakauer Ghettoräumung auf. Hoch zu Ross beobachtet Oskar Schindler (Liam Neeson) das brutale Treiben von einer entfernten Anhöhe, während sein schockierter Blick dem Kind durch die grausame Szenerie folgt, was Spielberg als charakterlichen Wendepunkt Schindlers inszeniert, indem er stets zwischen dem Blick des Geschäftsmannes und der in der Distanz stattfindenden Unmenschlichkeit schneidet. Die auf diese Sequenz folgende ist von gespenstischer, surrealer Stimmung: Ein von einem SS-Mann gespieltes, heiteres Klavierstück kontrastriert die vom nervösen, aufblitzenden Mündungsfeuer der Maschinenpistolen dominierten Bilder der Liquidation versteckter Ghettobewohner. Es ist, als hämmere der Tod persönlich auf die Tasten.

Invasion der Spinnenroboter - Minority Report

Auf der Flucht vor den einstigen Kollegen lässt sich Precrime-Polizist John (Tom Cruise) neue Augen einsetzen, um nicht durch die in der Stadt omnipräsenten Iris-Scanner erkannt zu werden. Spielberg inszeniert innerhalb weniger Minuten ein bedrückendes Gefühl einer Dystopie, in der Privatsphäre, wenn überhaupt, nur noch als Utopie vorstellbar ist. Seine Jäger lassen effektive, aufs Scannen der Iris programmierte Spinnenroboter auf einen Gebäudekomplex los, in dem sie John vermuten. Anfangs gleitet die Kamera ohne Schnitt über einige der Wohnungen und beobachtet, wie der Raum des Privaten durch die Maschinen invadiert werden, jener der Mutter mit den verängstigten Kindern ebenso, wie der von zwei Personen inmitten des Geschlechtsakts oder das Bad eines Mannes, der gerade sein Geschäft verrichtet.

Pferde ohne Reiter - Gefährten

Steven Spielbergs größter Moment in seinem Kriegsmelodram zur Zeit des Ersten Weltkriegs ist zugleich ein vergleichsweise kurzer. Ein vom britischen Captain James Nicholls (Tom Hiddleston) geführtes Bataillon durchlebt während eines Überraschungsangriffs auf ein deutsches Lager ein entsetzliches Desaster. Die Feinde flüchten in den Wald, aus dessen Schutz sie die Angreifer mit ihren Geschützen ins tödliche Kreuzfeuer nehmen. Spielberg beschwört das Massaker durch eine einfache Filmgleichung im Kopf eines jeden Zuschauers: 1+1=3. Das Bild der heranstürmenden, englischen Truppen befindet sich im Schnittwechsel mit der Szenerie des Waldrandes, vom dem aus die Deutschen unaufhörlich feuern und auf die eine stampfende Welle Pferde ohne Reiter zurollt. Das dritte Bild, die eigentliche Tötung, entfaltet sich so in unserer ganz eigenen, brutalen Fantasie.

Was sind eure Regie-Höhepunkte von Steven Spielberg?

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