The Handmaid's Tale - Serien-Check zur Dystopie mit Elisabeth Moss

The Handmaid's Tale im Serien-Check
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The Handmaid's Tale im Serien-Check
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Schaut zu viel ins Internet.

Update, 04.10.2017: Unseren Serien-Check zu The Handmaid's Tale haben wir bereits anlässlich der US-Premiere auf Hulu geschrieben. Nun startet mehrfach mit dem Emmy ausgezeichnete Serie in Deutschland bei Entertain TV Serien.

The Handmaid's Tale gehört genauso wie 1984 und Fahrenheit 451 zu jener Art von dystopischen Erzählungen, die zwar bereits vor mehreren Dekaden zu Papier gebracht wurden, mittlerweile aber wieder aktueller denn je sind, wenn sie es nicht sowieso schon immer waren. So rutschte beispielsweise George Orwells Literaturklassiker Anfang des Jahres wieder in diverse Bestsellerlisten, während HBO vor Kurzem verkündete, dass Michael Shannon und Michael B. Jordan das Vermächtnis von Ray Bradbury zu neuem Leben erwecken werden. Hulu hat sich derweil im vergangenen Jahr mit der Serien-Adaption von Margaret Atwoods erwähnter Romanvorlage beschäftigt, die in die Republik Gilead entführt. In The Handmaid's Tale hat eine religiös-fundamentalistische Gruppe die Macht an sich gerissen, die vor allem Frauen um ihre Rechte bringt. Die erste Episode gehört zu den herausragenden Auftaktfolgen, die wir dieses Jahr bisher sehen durften.

Alles beginnt mit einer Verfolgungsjagd. Sirenen erklingen im Hintergrund, von den Verfolgern ist jedoch weit und breit keine Spur zu entdecken. Lediglich die bedrohlichen Vorboten des Untergangs künden mit alarmierenden Geräuschen von dem Grauen, das sich im beklemmenden Prolog von The Handmaid's Tale anbahnt. Wenngleich das einfallende Licht der Sonne für erhabene Aufnahmen sorgt, ist die Welt zu Beginn der Geschichte grau, ja, geradezu bedrohlich und feindselig. Adam Taylors Soundtrack beschwört eine apokalyptische Stimmung herauf, als hätten sich die disharmonischen Klänge von Jóhann Jóhannssons Arrival-Score in Margaret Atwoods Dystopie verirrt. Verängstigt flüchtet eine Mutter mit ihrer Tochter durch ein Labyrinth aus Bäumen, ehe sie von vermummten, bewaffneten Männern überwältigt wird. Angst, Panik und Verzweiflung: Ein Close-up von Elisabeth Moss' Augen lässt das Schlimmste erwarten.

Meadowland-Regisseurin Reed Morano, die den Serienauftakt von The Handmaid's Tale inszeniert hat, schafft alleine im Rahmen der ersten Minuten ein kleines Meisterwerk, das in seinen besten Momenten an die rastlos ungewisse Atmosphäre von Children of Men erinnert. Mit nur wenigen Aufnahmen gibt The Handmaid's Tale nicht nur einen fabelhaften Ausblick auf die visuelle Pracht, die sich in den folgenden 60 Minuten entfalten wird, sondern verlässt sich darüber hinaus auf eine wichtige Regel filmischen Erzählens: Show, don' tell. Lange bevor die Figuren das erste Wort wechseln, bekommen wir einen nervenaufreibenden Einblick in die Verhältnisse, in denen sich unsere Protagonistin befindet, ohne überhaupt so recht zu wissen, was genau los ist. Dabei fangen Reed Morano und Serienschöpfer Bruce Miller aber sehr gut ein Gefühl des zugrundeliegenden Stoffs ein: die einschüchternde Unsicherheit, die aus dem Aufstieg des totalitären Systems resultiert.

Oftmals filmt die Kamera bloß die Gesichter der Figuren im Raum, die sich auf winzige Details und explizit ausformulierte Regeln konzentrieren, um in dieser grausamen neuen Welt zu überleben. Als die von Elisabeth Moss verkörperte Offred zum ersten Mal via Off-Kommentar zu uns Zuschauern spricht, wird schnell klar, dass sie sich in dieser Welt keine Fehler leisten darf. "I had another name but it's forbidden now. So many things are forbidden now", erzählt sie, ehe wir einen Eindruck davon bekommen, welche Rolle sie wirklich in der Geschichte einnimmt. Offred gehört in The Handmaid's Tale zu den wenigen Frauen, die noch Kinder bekommen können und dahingehend auf ihre Eigenschaft als Brutmaschinen reduziert werden. Bevor sich die Umstände verändert haben, war sie eine ganz gewöhnliche Frau mit einem ganz gewöhnlichen Mann und einer ganz gewöhnlichen Tochter. Nun existiert sie nur noch als Mittel zum Zweck, ohne Eigenschaften, ohne Identität.

Seit zwei Monaten lebt Offred im Haus von Commander Fred Waterford (Joseph Fiennes), allerdings herrscht stets eine beängstigende Ungewissheit ob ihres Status quo in dieser undankbaren Situation. Überall lauern die Augen und Ohren der überwachenden Kräfte - selbst unter den sogenannten Handmaids herrscht absolutes Misstrauen, jeder beobachtet hier jeden und trotzdem gilt es, eine förmliche, höfliche und freundliche Fassade zu wahren. Abseits davon schießen Offred aber unzählige Gedanken durch den Kopf: Wenngleich sie im Gespräch mit anderen Menschen überaus behutsam auf ihre Wortwahl achtet, so dient wenigstens ihr Voice-over als Ventil, um ihren wahren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. In Offred hat sich vieles angestaut, was bisher unausgesprochen blieb. So lässt sie zumindest uns Zuschauer an ihrer wahren Sicht der Dinge teilhaben - und bereichert somit das Gezeigte um eine weitere Perspektive, anstelle es bloß erneut zu erklären.

Generell verlässt sich die Serie unglaublich selbstbewusst auf ihre Bilder und punktet auch darüber hinaus mit einer effizienten Erzählweise, die sich ungern in Wiederholungen verliert, sondern mit jeder Szene einen Schritt vorwärts geht. Dennoch gibt es eine Sache, die immer wiederkehrt, aber nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde an Faszination einbüßt: Elsabeths Moss' Gesicht. Wo Offred selbst in erster Linie als Beobachterin der Dinge um sie herum auftritt und meistens tatenlos mit ansehen muss, was ihr und anderen in dieser unterdrückenden Welt angetan wird, bekommen wir dank sorgfältig gewählter Einstellungen einen unfassbar intimen Einblick in die vonstattengehenden Schrecken, die sich in ihren Augen spiegeln. So sehr sich Offred bemüht, in aller Bescheidenheit die oberflächlichen sowie täglichen Lügen aufrechtzuerhalten, brodelt tief in ihrem Inneren ein Verlangen nach Widerstand und Ausbruch.

Je weiter die Pilot-Episode von The Handmaid's Tale voranschreitet, desto besser verstehen wir den Zustand, in dem sich Offred befindet. Als es schließlich zu einer Zeremonie kommt, bei der Offred zwischen Commander Fred Waterford und seiner Frau Serena (Yvonne Strahovski) auf dem Bett liegt und buchstäblich auf ein teilnahmsloses Stück Fleisch beim Geschlechtsverkehr reduziert wird, der nichts mit Lust, Liebe und Leidenschaft zu tun hat, sondern lediglich einen bitteren, verzweifelten Akt des Machterhalts darstellt, schafft Reed Morano einen von vielen unangenehmen Momenten in The Handmaid's Tale, die so schnell nicht mehr zu vergessen sind. Dementsprechend verwundert es ein bisschen, dass sich Cast und Crew kürzlich bei der Premiere auf dem Tribeca Film Festival so zögerlich im Umgang mit den kritischen Themen der Serie zeigten, ehe Ko-Star Ann Dowd ihren Hoffnungen für die Auswirkungen der Serie Ausdruck verlieh.

Und ja, es ist nur zu hoffen, dass The Handmaid's Tale den größtmöglichen Eindruck beim sich in den nächsten Wochen und Monaten formenden Publikum hinterlässt. Bereits mit der 1. Episode haben Reed Morano und Bruce Miller ein Werk geschaffen, das thematisch nicht nur relevant, sondern hervorragend ausgeführt ist. The Handmaid's Tale versteht den Kern der Vorlage und begeistert darüber hinaus mit so vielen weiteren Aspekten, die sich vom Schauspiel des exzellenten Ensembles über die atemberaubenden Aufnahmen bis hin zur detailorientierten Inszenierung erstrecken. Zum Schluss der 1. Episode legt The Handmaid's Tale sogar noch einen Gang zu und steigert die Spannung und Aufregung ins Unermessliche, wenn sich Offred zu ihrem wahren Namen bekennt und den zuvor lediglich angedeuteten Widerstand und Ausbruch mit klaren Worten ankündigt. "You don't own me", singt Lesley Gore und führt diesen Serienauftakt zur Vollendung.

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