The Witch: Wir erklären das Ende des Horror-Meisterwerks

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The Witch
01.12.2019 - 16:00 UhrVor 10 Monaten aktualisiert
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RTL II zeigt heute erstmals den Horrorfilm The Witch im Free-TV. Doch was hat es mit dem Ende des Streifens auf sich? Wir geben euch Deutungen an die Hand.

Seit Kurzem läuft Robert Eggers' Wahnsinnstrip Der Leuchtturm mit Robert Pattinson und Willem Dafoe auch endlich in den deutschen Kinos. 2015 lieferte der Filmemacher mit dem Horrorfilm The Witch ein beeindruckendes Spielfilmdebüt ab, das RTL II heute um 22:25 Uhr erstmals im Free-TV zeigt.

Kurz erklärt - Die Handlung von The Witch: Angesiedelt in Neuengland der 1630er-Jahre erzählt The Witch von einer Familie englischer Siedler, die aus einer puritanischen Kolonie wegen religiöser Meinungsverschiedenheiten verbannt wird. Daraufhin zerbröselt die Familie, die nun abgeschieden in der Natur am Waldrand lebt, zusehends.

Das Ende des Films ist ein düsterer wie befreiender Höhepunkt für das junge Mädchen Thomasin (Anya Taylor-Joy). Sie ist die zentrale Hauptfigur in The Witch. Doch was könnte das Finale bedeuten?

Das passiert am Ende von The Witch

The Witch ist ein Psychogramm einer auseinanderfallenden Familie im Gewand eines Horrorfilms. Im Laufe der Handlung stirbt Thomasins Bruder Caleb (Harvey Scrimshaw) an einer nicht näher definierten Krankheit, während ihre anderen Geschwister, die Zwillinge Mercy (Ellie Grainger) und Jonas (Lucas Dawson) sowie Baby Samuel (Axtun Henry Dube und Athan Conrad Dube) verschwinden.

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Vater William (Ralph Ineson) erliegt in der Finalphase des Films den Verletzungen durch einen Angriff des Ziegenbocks "Schwarzer Phillip". Unterdessen stirbt Mutter Katherine (Kate Dickie) durch die Hand Thomasins selbst. Mit Schuldzuweisungen ob der über die Familie hereingebrochenen Tragödien geht Katherine auf ihre Tochter los, die ihre Mutter während der Auseinandersetzung in Notwehr mit einem Hackebeil tötet.

Schließlich spricht Thomasin mit dem schwarzen Ziegenbock, der sie fragt, ob sie "köstlich" (engl.: "deliciously") leben wolle. Sie bejaht die Frage, entkleidet sich nach Aufforderung des Tieres, schreibt ihren Namen in einem vor ihr erscheinenden Buch und geht gemeinsam mit Phillip in den Wald, wo sie an einem Hexensabbat vor einem großen Lagerfeuer teilnimmt. Ihre Teilnehmerinnen schweben befreit durch die Luft.

The Witch: Psychologie der Familie ist wichtig für das Ende des Films

Robert Eggers' erstem Spielfilm gelingt beeindruckend die Verschmelzung metaphysischer wie psychologischer Elemente: The Witch zeigt den familiären Kollaps, in dem religiöser Wahn und persönliches Scheitern ineinanderkrachen. Der Regisseur zeigt Protagonistin Thomasin während seiner Erzählung als gutherziges, gläubiges und zugleich zweifelndes junges Mädchen, das versucht, gut zu sein.

Zugleich ist sie in ihrer Familie eine Außenseiterin, der es schwer fällt, sich von der Kolonie zu trennen. Sie schätzt jene Dinge, die ein Leben in der Gemeinschaft bzw. Gesellschaft mit sich bringen. Dies führt zu solch starken Selbstzweifeln, dass sie ihre eigene "Schwäche" verachtet und gewissermaßen selbiges von ihrer Familie erhofft.

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Gleichzeitig findet sie sich in einer gottverlassenen Welt wieder: Ihre Familie wendet sich angesichts der Ereignisse gegen sie und entblößt sich als heuchlerisch: An einer Stelle von The Witch lässt ihr nach außen hin stolzer Vater es beispielsweise zu, dass Thomasin die Schuld eines gestohlenen Silberbechers auf sich nimmt und damit in Ungnade bei ihrer Mutter fällt.

Selbst ihre Zwillingsgeschwister wenden sich gegen sie und beschuldigen sie der Hexerei. Hinter der gottesfürchtigen Fassade stecken zutiefst schwache Persönlichkeiten, die in Thomasin einen willkommenen Sündenbock finden.

The Witch-Finale ist das Ende des Wahnsinns

Thomasin ist damit das ideale Ziel des Teufels, der in Gestalt des schwarzen Ziegenbocks daherkommt. So blutig und tragisch Robert Eggers den Zusammenbruch der Familie auch inszeniert, so befreiend ist das Finale für seine Hauptfigur. Nie zuvor hat man das junge Mädchen so entfesselt und geradezu glücklich gesehen. Mit einem großen Lächeln schwebt sie vor dem großen Feuer im Zirkel der Hexen.

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Der zuvor gezeigte Irrsinn in der Familie ist überwunden. Damit ist The Witch auch eine Geschichte der Emanzipation: Thomasin bricht aus den familiären Fesseln und den religiösen Normen aus. Es ist entscheidend, das Thema der Hexerei und des Satanskults nicht zwangsläufig als objektive (Film-)Realität zu betrachten.

The Witch hat einen enormen Symbolcharakter

Zwar gibt es Begegnungen mit mutmaßlichen übernatürlichen Kräften: So kehrt etwa Caleb eines Tages nach einer Begegnung mit einer angeblichen Hexe in einer Waldhütte krank zurück zur Familie. In seiner Todesszene bricht sich aber jener Wahn Bahn, der die Familie letztlich auseinanderreißt: In seinen letzten Momenten verkündet er leidenschaftliche seine Liebe zu Christus.

Es ist nur eine beispielhafte Szene, die zeigt, wie tief jener Glauben in den Familienfiguren verankert bzw. indoktriniert ist. Es ist ein blinder und letztlich tödlicher Glaube fernab von Objektivität, der das Urteilsvermögen blendet. Damit ist etwa fraglich, ob der Junge tatsächlich einer Hexe begegnete oder die Gestalt nicht einfach nur Einbildung war. Womöglich hat er sich einfach im Wald verlaufen und sich im nasskalten Dickicht wortwörtlich den Tod geholt.

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Dieser auf Wahn basierende Symbolcharakter des Films verwehrt seiner Geschichte eine objektive Wahrheit. Dieser Umstand ist wichtig, um The Witch als Metapher sehen zu können. Das, was wir als Zuschauer sehen, ist perspektivisch untrennbar vom Seelenleben der betroffenen Figuren. Wir sehen die Dinge, und damit auch mutmaßliche Hexen oder einen angeblich redenden Ziegenbock, immer aus der Sicht und dem inneren Zustand eines Charakters heraus.

Und somit ist auch das Ende mit Thomasin im feurigen Kreis der Hexen vielleicht mehr Metapher als tatsächliches Ereignis. Sie muss sich nicht wirklich in die Lüfte erheben. Wichtig für die Charakterentwicklung und ihre in Aussicht gestellte Katharsis ist, dass sie es auf diese Weise empfindet. Interessanterweise hält die Kamera eine ganze Zeit lang auf das Gesicht des Mädchens. Es ist, als blickten wir in diesem Moment direkt in ihre Seele.

The Witch-Ende ist konsequent im historischen Kontext erzählt

Letzten Endes hat der Schlusspunkt von The Witch ebenso etwas Pragmatisches. Denn was bliebe Thomasin anderes übrig, als sich einer neuen Gruppe anzuschließen? Sie könnte versuchen, allein auf der nun verlassenen Farm zu überleben. Allerdings ist zweifelhaft, ob sie sich in dem Ödland ausreichend selbst versorgen könnte.

Es bestünde freilich die Möglichkeit, zurück in die Kolonie zu wandern. Doch ob sie die vermutlich anstrengende Reise überhaupt durchstehen würde, bleibt ebenfalls Gegenstand von Spekulationen. Sollte sie tatsächlich den Weg zurückfinden und die Strapazen überstehen, droht ihr spätestens dann der mögliche Tod. Was erzählt sie ihren Mitmenschen? Potenziell drohte ihr eine Anklage wegen Hexerei.

Wie man es auch sehen mag: Das Ende von The Witch ist gerade wegen seiner Deutungsvielfalt ein kräftiger Schlussakt. Robert Eggers bietet keine objektive Lösung an, sondern überlässt dem Zuschauer seine eigene Interpretation.

Und nun ihr: Was sagt ihr zum Ende von The Witch?

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