Große Netflix-Enttäuschung: Tiger King Staffel 2 ist eine unverantwortliche True-Crime-Katastrophe

Staffel 1 von Tiger King wurde zum absoluten Überraschungserfolg bei NetflixNetflix
22.11.2021 - 10:54 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Der Netflix-Überraschungserfolg Tiger King bewies, dass die Realität manchmal verrückter ist als jede Fiktion. Staffel 2 geht bei der mörderischen Fehde zwischen Joe Exotic und seiner Erzfeindin Carole Baskin allerdings einen Schritt zu weit.

Zu Beginn von Staffel 2 erzählt Tiger King: Großkatzen und ihre Raubtiere die Geschichte eines Erfolgs. Im März 2020, ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, als der Coronavirus weltweit einschlug, startete die Doku-Serie über Joe Exotic bei Netflix. Das Format zeigte schrullige Privatzoo-Betreibende zwischen Tierquälerei-Vorwürfen, Drogenkonsum, angeblichen Mordkomplotten und gescheiterten Präsidentschaftswahlkämpfen in den Südstaaten der USA.

Seit Staffel 1 sind sie Stars. Menschen bezahlen Geld für Autogramme und Selfies. Manche haben Podcasts, andere versuchen sich als Influencer. Joe Exotic wird als missverstandener Held gefeiert, der zu Unrecht im Knast sitzt. Seine Gegenspielerin Carole Baskin hingegen bekommt Morddrohungen. Und die Netflix-Kultserie scheint fest entschlossen, der Tierrechtsaktivistin das Leben mit den neuen 5 Folgen noch mehr zur Hölle zu machen.

Der Trailer zu Staffel 2 von Tiger King zeigt viele bekannte Gesichter

Tiger King - S02 Trailer (Deutsche UT) HD
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Tiger King 2 bei Netflix: Wer ist hier der Kriminelle?

Kurze Erinnerung, weil die erste Staffel von Tiger King schon ein bisschen her ist: Joe Exotic sitzt aktuell eine Gefängnisstrafe wegen Tierquälerei und Anstiftung zum Mord an Carole Baskin ab. Statt seinem problematischen, jahrelangen Rachefeldzug gegen die Frau, die die Haltungsbedingungen in seinem Zoo kritisierte, blieb nach Staffel 1 vor allem das hängen, was Exotic jahrelang auf diversen Plattformen behauptete: Carole Baskin hat ihren spurlos verschwundenen Ex-Mann umgebracht und an Raubkatzen verfüttert. Wenn jemand im Gefängnis sitzen sollte, dann sie.

Kein Wunder, dass Carole Baskin kein Interesse daran hatte, an Staffel 2 mitzuwirken. Aus der Doku, die sich eigentlich unzumutbaren Bedingungen in Privatzoos und der kruden Szene rund um Wildkatzen-Fanatiker:innen widmen sollte, wird in zwei Episoden der neuesten fünf Folgen ein True-Crime-Format. Die Kernfrage: Hat diese Frau mit dem verrückten Katzen-Outfits, die sich gegen Tierquälerei positioniert, ihren Mann umgebracht? Lasst es uns herausfinden, denn ein inhaftierter mutmaßlicher Tierquäler behauptet es seit Jahren in zunehmend abgedrehteren öffentlichen Statements.

Tiger King hat in Staffel 2 nichts Neues zu erzählen

Weil Tiger King und all seine Mitwirkenden so absurd, so komplett over the top sind, lässt sich schnell vergessen, dass es sich hier um echte Menschen handelt. Statt Aussagen klar einzuordnen, lässt die Doku-Serie Personen über angebliche Verschwörungen und Mordkomplotte mutmaßen, als handle es sich um Fantheorien zu einem MCU-Film.

Joe Exotic wird vorgeworfen, den Mord an Carole Baskin geplant zu haben

Tiger King 2 musste passieren, weil die erste Staffel einfach zu erfolgreich war. Den Filmschaffenden scheint aber selbst bewusst zu sein, dass sie eigentlich nicht viel mehr zu erzählen haben. Fragen nach der Glaubwürdigkeit von Carole Baskin, die halbseidenen Geschäfte ihres Ex-Mannes, die Eheprobleme – das wissen wir alles aus Staffel 1. Neu ist nur, wie atemlos das Kamera-Team True-Crime-Fanatiker dabei abbildet, wie die sich immer mehr in ihre Baskin-Mordverschwörungen hineinsteigern.

Tiger King ist nur die Spitze des toxischen True-Crime-Eisbergs

Schon andere Netflix-Formate zeigten, wie sehr die Nacherzählung wahrer Verbrechen das Publikum manipulieren kann. Making a Murderer gab Millionen weltweit das Gefühl, einer ganz großen juristischen Ungerechtigkeit auf die Spur zu kommen. In dutzenden Facebook-Gruppen wurden Beweisketten diskutiert und nach neuen Indizieren gesucht, um den Protagonisten der Show, Steven Avery, zu entlasten. Don’t F**k With Cats: Die Jagd nach einem Internet-Killer gab wenige Jahre später einen Einblick in solche Online-Communities, deren Nervenkitzel sich wahrscheinlich irgendwo zwischen Schnitzeljagd und Krimi-Dinner verorten lässt.

Zwischenzeitlich war sogar eine Tiger King-Adaption mit Nicolas Cage im Gespräch

Nicolas Cage wird zum Tiger King
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Auch Tiger King will solche Reaktionen provozieren. Es flirtet mit der möglichen Unschuld des charismatischen Joe Exotic, baut parallel das mutmaßliche Opfer zur durchtriebenen Mörderin auf und scheint sich anschließend schulterzuckend jeder Verantwortung entziehen zu wollen: Wir haben nichts selbst behauptet. Wir haben nur draufgehalten und es anschließend zusammengeschnitten. Können wir ja nichts dafür, wenn die Zuschauenden später in den Sozialen Medien Fragen stellen oder Baskin am Telefon bedrohen.

Staffel 2 des Netflix-Hits beweist: Tiger King ist vielleicht unterhaltsam, aber unverantwortlich

In Staffel 1 sind die ungeklärten Umstände um das Verschwinden ihres Ex-Mannes eine von vielen absurden Storylines. Das Team hinter der Netflix-Doku konnte wahrscheinlich nicht voraussehen, wie sehr Carole Baskin zur eigentlichen Bösewichtin in diesem Cinematic Universe des Wahnsinns mutieren würde. Hat sie etwas mit dem Verschwinden ihres Mannes zu tun? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Dass sie genau diese Storyline für Staffel 2 wieder ausgraben und in redundanten Details breit treten, ist allerdings eine bewusste Entscheidung. Und macht Tiger King zu einem sensationsgeilen, ausbeuterischen Format, das seine Protagonist:innen dem Internetmob ganz bewusst zum Fraß vorwirft. Leider. Unterhaltsam ist Netflix' dokumentarische Antwort auf einen Drogentrip nämlich auch in Staffel 2.

Auch im Podcast wird über einen umstrittenen Star diskutiert: Ist Dwayne Johnson sympathisch oder nervig?

Dwayne Johnson ist gerade überall. Er spielt neben Gal Gadot und Ryan Reynolds in Red Notice die Hauptrolle, dem bis dato teuersten Netflix-Film. Außerdem hat er mit Young Rock eine eigene Serie über sein Leben, die in Deutschland bei Sky zu sehen ist. Darin präsentiert er sich wie gewohnt zurückhaltend als Präsidentschaftskandidat der Zukunft. Und bei Disney+ ist er kürzlich auch mit Jungle Cruise eingezogen. Ganz zu schweigen von seinem intensiven Instagram-Profil und der öffentlichen Fehde mit Vin Diesel.

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Deswegen diskutieren ein Johnson-Fan und eine -Kritikerin diesen außergewöhnlichen Star. Ist The Rock der sympathischste Mann in Hollywood oder eine Nervensäge?

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