Cannes 2016

Toni Erdmann - Maren Ade liefert den ersten Höhepunkt in Cannes

Toni Erdmann
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

"Die Kunst ist, dem Klienten zu erklären, was er eigentlich will." Folgen wir dieser Geschäftsweisheit aus Toni Erdmann, dann dürften die Absatzzahlen für Kukeri-Kostüme aus Bulgarien nach der gestrigen Cannes-Premiere in die Höhe schnellen. Mit der haarigen Aufmachung sollen der Tradition gemäß böse Geister vertrieben werden. In dem Wettbewerbsbeitrag von Regisseurin und Autorin Maren Ade versucht der notorische Komiker Winfried (Peter Simonischek) mit dem Zottelwesen, Perücken, Brillen, falschen Zähnen und Identitäten die Aufmerksamkeit seiner Workaholic-Tochter Ines (Sandra Hüller) zu gewinnen. Nach 162 Minuten Laufzeit, einem Exkurs in die rumänische Ölindustrie, der Geburt von Whitney Schnuck und einer Teambuilding-Maßnahme, bei der sich selbst Bernd Stromberg in die Hose machen würde, wird das Verhältnis der beiden vielleicht nicht gekittet. Toni Erdmann freilich legt 162 gute Gründe vor, als einer der besten Filme des diesjährigen Festivals in die Cannes-Annalen einzugehen.

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Im Wettbewerb lacht man normalerweise keine Tränen, aber Furzkissen machen sich im Programm der großen Filmfestivals sowieso viel zu rar. Furzkissen fassen den Humor von Winfried ziemlich gut zusammen. Er ist "cheesy" im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Gespräch ohne Geflunker, er würde beruflich Rentner einschläfern, hätte sich eine Ersatztochter gemietet oder einen Bruder, der gerade aus dem Gefängnis gekommen ist und am liebsten Briefbomben zu sich nach Hause bestellt. Mit seiner Tochter Ines pflegt er nur gelegentlich Kontakt. Als sein Hund stirbt, sucht Winfried plötzlich ihre Nähe. Er tut es auf seine Weise, was sich darin äußert, dass er die Unternehmensberaterin in Bukarest überrascht, mit falschen Zähnen und Perücke natürlich. Ines muss in Rumänien einen Outsourcing-Deal mit einer Ölfirma über die Ziellinie bringen, der zig Mitarbeitern den Job kosten wird. Einfacher wird die Sache allerdings nicht, so lang der Vater sich ihren Freundinnen in schicken Bars als Toni Erdmann vorstellt, sich im Kleiderschrank versteckt und Meetings sprengt.

Vor sieben Jahren hatte Maren Ade im Beziehungsdrama Alle Anderen ein Paar in der Fremde studiert. Der Müßiggang des Urlaubs potenziert in dem Gewinner des Großen Preises der Jury bei der Berlinale 2009 bestehende Konflikte: Die Trennung scheint unausweichlich. Bis die extrovertierte Gitti (Birgit Minichmayr) sich tot stellt und der verkopfte Chris (Lars Eidinger) sie nur durch einen Puster auf den Bauch zurückholt. Gitti muss lachen. Vater und Tochter Conradi setzen in Toni Erdmann an diesem Punkt an. In der Heimat voneinander entfremdet, drängt sich Winfried in Ines' Alltag in den Chefetagen einer Consulting-Firma, in der Kolleginnen noch als "die Kleine" beschrieben und Gespräche mit "das wird die Feministin in dir aufregen" angefangen werden. In diesem Geschäft hat es Ines weit gebracht. Nicht umsonst feilt sie mit einem Coach an der Perfektionierung ihrer Mimik und Körpersprache, damit die Gesichtszüge bei der nächsten Prio-1-Präse vor dem Kunden nicht entgleisen. Subtil gelingt es Ade, die präzisen Beobachtungen des spezifisch weiblichen Berufsalltags auf Ines' Charakter zu münzen. Ähnliches gilt für den Schauplatz Bukarest, von dessen Bürofenstern aus die Armut auf der gegenüber liegenden Straßenseite beobachtet werden kann. "I like countries with a middle-class. They're relaxing me", entfährt es der Frau eines CEO einmal, was einen Eindruck vom widerborstigen Humor des Films gibt, stehlen nicht gerade nicht die falschen Zähne die Show.

Sandra Hüller, die den Albernheiten lange Zeit mit hinreißendem Ernst begegnet, empfiehlt sich in Toni Erdmann für einen Darstellerpreis beim Festival Cannes. Ebenso Peter Simonischek, der mit seiner Filmtochter eine Melancholie teilt, die sich bei der einen im emotionalen Rückzug, bei dem anderen in der Übertünchung per Humor-Offensive äußerst. Minute für Minute kommen die Ähnlichkeiten zwischen Ines und Winfried zum Vorschein. Gerade als der Gedanke aufkeimt, Toni Erdmann wäre ein disziplinierterer Schnitt gut bekommen, dreht Ines den Spaß um. Wenn Sandra Hüller sich dann mit Haut und Haar Whitney Houstons The Greatest Love of All hingibt, wissen wir endlich, was uns all die Jahre im Leben gefehlt hat.

Geschäftiges Tippen, unterbrochen von gehuschtem Gemurmel in die benachbarte Tastatur. Irgendwo aus der Peripherie des Pressesaals im Palais drängt sich ein Live-Videofeed aus der Pressekonferenz nebenan in die Geräuschkulisse. Juliette Binoches Stimme wird in stockenden Silben übertragen, entweder ist es ein technisches Problem oder La Binoche strengt eine Zweitkarriere als Scat-Sängerin an. Sie stellt den neuen Film des Franzosen Bruno Dumont vor. Darin erscheint sie zwar erst spät auf der Bildfläche, umso forcierter schmettert ihr Gesang, ihr Gejammer und hysterisches Geschrei durch die Szenerie. Dumont, Regisseur der gar nicht mal so lustigen Hors Satan und Camille Claudel, hat nach seiner Serie Kindkind eine französische Komödie gedreht, aber glücklicherweise keine "französische Komödie". Das Genre lässt sich nicht übersehen, wenn sich jede Zuckung im Gesicht von Juliette Binoche mit welterschütternder Dramatik entfaltet, sich ihr Mund in einer unförmigen Grimasse verzerrt, die Edvard Munch zur Leinwand hätte sprinten lassen. Slack Bay ist eine Groteske, deren Konzept von Humor ohne Rücksicht auf Zuschauerverluste durchgezogen wird.

Die Stars Juliette Binoche, Fabrice Luchini und Valeria Bruni Tedeschi besuchen als reiche Touristen im Sommer 1910 die französische Kanalküste. "Göttlich" und "pittoresk" stößt es ihnen auf im Anblick der rauen Dünen und ganz besonders der Einheimischen mit ihren von Seeluft und Meerwasser gegerbten Gesichtern. So ähnlich muss es Luchino Visconti beim Casting von Die Erde bebt ergangen sein. Es sind Laien-Gesichter, wie sie Dumont in Hors Satan kontemplativ auf die bildgewaltige Natur blicken ließ. Obschon sich auch solche Szenen in Slack Bay finden, scheint sich Dumont ein wenig über seine früheren Filme lustig zu machen - oder sind die hochtrabenden Kritiker und Interpreten seiner Werke Ziel des Spotts? Nur weil der Autor und Regisseur in die Komödie wechselt, schließt das jedenfalls noch lange keine Szenen aus, in denen Menschenkörper zerhackt werden und Kinder sich an blutigen Fußstümpfen gütlich tun. Tragen die Muschelsammler die feinen Herrschaften nicht gerade durchs Wasser, fressen sie sie nämlich. Die Polizei ermittelt bereits. Wenn man allerdings sieht, wie der wortwörtlich aufgeblasene Kommissar bei jeder Regung wie ein Ballon quietscht und keine drei Meter gehen kann, ohne die Dünen herunter zu rollen, wird die Hoffnung auf Auflösung fahren gelassen.

Bislang wird das Filmfestival in Cannes vom widerwilligen Zusammenhalt der Familien dominiert: die Trauernden in Sierra-Nevada oder der junge Vater mit seinem Kind aus Staying Vertical, die Gangster und Hollywood-Typen aus Café Society und natürlich Ines und Winfried bzw. Toni. Dumont fügt dem fiktiven Stammbaum dieses Festivals mit den Van Pethegems ein abstoßendes degeneriertes Exemplar hinzu. Die Frage, die sich bei dem wechselweise ermüdenden und erheiternd bizarrem Overacting der Stars stellt, und die Dumont sich vielleicht hätte stellen sollen, bleibt: Warum sollte irgendjemand diese Gestalten fressen wollen?

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