Filmfestspiele Cannes

Trotz Tarantino-Enttäuschung: Das war ein legendärer Cannes-Jahrgang

Leonardo DiCaprio und Brad Pitt in Once Upon a Time in Hollywood
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Leonardo DiCaprio und Brad Pitt in Once Upon a Time in Hollywood
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Schon zur Mitte des Festivals war ersichtlich: Das hier wird ein legendärer Jahrgang der Filmfestspiele von Cannes 2019. Das wird so ein Cannes-Jahr, in dem selbst ein enttäuschender neuer Film von Quentin Tarantino oder den Gebrüdern Dardenne dem Gesamteindruck nichts anhaben kann.

Once Upon a Time in Hollywood war zwar eine Enttäuschung, wenige Stunden später lief am Dienstagabend allerdings Parasite von Bong Joon-ho, der jeden Unmut mit einer Flut des Einfallsreichtums hinwegspülte.

Gestern wurde Parasite mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, was diesem legendären Cannes-Jahrgang nahezu perfekt abrundete. Nicht nur die Filme waren erstaunlich gut, auch die Jury lag beim Hauptpreis auf einer Wellenlänge mit den Kritikern. Selbst eine leidgeprüfte The Revenant-Allergikerin wie ich muss zugeben: Gut gemacht, Alejandro González Iñárritu!

Drei Dinge, die ihr über die Filmfestspiele von Cannes 2019 wissen müsst:

  • Parasite ist der erste koreanische Film, der die Goldene Palme gewonnen hat. Er folgt auf Shoplifters aus Japan, Gewinner von 2018.
  • Laut Iñárritu war die Entscheidung für Parasite einstimmig, weil "wir alle fasziniert waren von dem, was wir gesehen haben".
  • Pedro Almodóvar hat wieder keine Palme gewonnen, aber dafür wurde sein Star Antonio Banderas ausgezeichnet.
  • Alle Infos zum Festival Cannes 2019 in der Übersicht.

Portrait of a Lady on Fire war eines der Highlights in Cannes

Der Moment der Festival-Offenbarung fiel auf Sonntag. Schon morgens schlich sich dieses Gefühl ein, dass man hier Teil von etwas Besonderem ist. Da überraschte die Directors' Fortnight mit Robert Eggers' The Lighthouse mit Robert Pattinson und Willem Dafoe. Vom Regisseur des lähmenden Horrormärchens The Witch war so ein dynamischer Psychotrip nicht zu erwarten gewesen.

Danach ging es in Ein verborgenes Leben, der beste Terrence Malick-Film seit Jahren, der durchaus einen Darstellerpreis für August Diehl verdient hätte. Zum Sinnieren über österreichische Berge und wogende Kornfelder blieb an diesem Sonntag allerdings nicht viel Zeit, da nach dem Malick Portrait of a Lady on Fire gezeigt wurde.

In dem Wettbewerbsfilm von Céline Sciamma reist eine Malerin auf eine Insel, um eine widerspenstige junge Frau zu porträtieren. Diese soll einen reichen Edelmann in Mailand heiraten, den sie nie getroffen hat. Das Gemälde ist für ihn bestimmt. Umso mehr stemmt sich die "Frau unter Feuer" gegen die Pinselstriche.

Am Ende der Filmfestspiele von Cannes wurde Portrait of a Lady on Fire mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet, was angesichts der dialogischen Annäherung der beiden Frauen in dem feingliedrigen Szenario absolut verdient war.

Andererseits - man verzeihe das Wortspiel - feuerte der Film von Céline Sciamma aus allen Zylindern. In seiner Verquickung des weiblichen Blicks auf Kunst(geschichte) und der gesellschaftlichen Zwänge, die diesen unterdrücken, regte der Film ebenso an wie mit dem romantischen Gegenentwurf, den er auf der Insel findet. Eine Heimstatt weiblicher Solidarität tut sich hier auf, eine Art Themyscira in einem Meer der Zwangsheiraten.

All das, ohne dass sich die Bildsprache allzu einfallslos bei den malerischen Meistern der Ära bedient. Eigene Motive werden gesucht in dem Film über eine Zeit, in der Frauen aus dem akademischen Kunstbetrieb ausgeschlossen waren.

Die Anatomie der Männer durfte sie nicht studieren, erklärt die Malerin einmal, was letztlich nur ein Mittel sei, um Frauen von den großen Motiven der Kunst fernzuhalten. Im Film von Céline Sciamma werden weibliche Alternativen gesucht und gefunden.

Filmfestspiele von Cannes: Eine vielversprechende neue Generation

Kamerafrau Claire Mathon (Der Fremde am See) gehört denn auch zu den heimlichen Heldinnen dieses Festivals von Cannes. Immerhin arbeitete sie sowohl an der selbstbestimmten Romantik in Portrait of a Lady on Fire als auch der hypnotischen Sehnsucht in Atlantics.

Das Regiedebüt der senegalesisch-französischen Regisseurin Mati Diop erhielt den Großen Preis der Jury. Es leidet zwar unter der Kurzfilmprämisse, die nicht ganz stimmig mit trägen Handlungssträngen auf Spielfilmlänge ausgedehnt wurde. Die unheimlich sehnsüchtige Atmosphäre von Atlantics verspricht hingegen eine Filmemacherin, von der wir noch viel erwarten können.

Andere Entscheidungen der Cannes-Jury luden zum Kopfschütteln ein, doch die Preise zeigten sehr wohl, was diesen Festivaljahrgang so groß gemacht hat. Da wuchsen alte Meister wie Pedro Almodóvar (Leid und Herrlichkeit), aber auch Werner Herzog (Family Romance LLC), Abel Ferrara (Tommaso) oder Terrence Malick über sich hinaus.

Gleichwohl präsentierten sich Filmemacherinnen, von denen Cannes in der Zukunft zehren könnte. Noch immer wartet das Festival auf die zweite Goldene Palme für eine weibliche Regisseurin nach Jane Campion.

Es wäre ein Armutszeugnis, wenn 30 Jahre oder mehr bis dahin vergehen müssen, gerade weil diese 72. Filmfestspiele den Reichtum des internationalen Films - vom Senegal über Brasilien bis nach Südkorea - hervorragend katalogisiert haben.

Zu sanft für die Palme: Quentin Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood

So ging es an jenem Sonntag fix an den Laptop zum Schreiben, während im Kalender der nächsten Tage noch Termine für Parasite standen und für den lustverzehrten Zombie-Adel aus Albert Serras Liberté, für Isabelle Hupperts Herzen brechendes Mundwinkel-Zucken aus Frankie und Margot Robbies Staunen über ihr Leinwand-Ebenbild Sharon Tate in Once Upon a Time in Hollywood.

In einem Cannes der wütenden Rebellion gegen inakzeptable Umstände, wo junge Frauen 80-jährige Damen für einen geklauten Fernseher ersticken (Oh Mercy) und Paketzulieferer ihre Familien gegen die Wand fahren für ihren Job (Sorry We Missed You), war Quentin Tarantinos blutiger Hollywood-Traum vermutlich zu gemessen für einen Preis.

Darin gibt Brad Pitt das Mädchen für alles von Serien-Darsteller Leonardo DiCaprio. Er fährt den Betrunkenen nach Hause, repariert seine Antenne und leistet ihm abends Gesellschaft, wenn sich sonst nur die Schnapsflaschen und zerschellten Filmstar-Träume zum Feiern einfinden. Dann geht es wieder nach Hause in den Wohnwagen neben einem Autokino.

Der Stuntman macht das in dem Tarantino-Film ohne aufzumucken, total zufrieden mit seinem Los im Leben. Er sollte sich auf keinen Fall Parasite anschauen.

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Ab 22. August im Kino!Good Boys
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